Wann sind Games eigentlich zu Abzock-Maschinen geworden?

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Wann sind Games eigentlich zu Abzock-Maschinen geworden?

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Früher war alles besser? Nein, ganz gewiss nicht – aber manches hat mir rückblickend dann doch besser gefallen. Etwa die Art und Weise, wie noch vor wenigen Jahren Computer- und Videospiele gemacht und vor allem verkauft wurden.

Ein Computer- oder Videospiel musste da noch richtig gut gemacht sein, damit alle darüber redeten – und es auch kauften. Und das Tolle war damals: Wenn man ein Spiel erst mal gekauft hat, ob auf Disc oder online, dann gehörte es einem – und man konnte es endlos lange und beliebig häufig spielen.

Man stelle das sich mal vor: Etwas, das dem Kunden tatsächlich gehört.

Abkassieren, bis der Arzt kommt: Two Dots; Rechte: WDR/Schieb

Abkassieren, bis der Arzt kommt: Two Dots

Viele Games sind heute Abzock-Maschinen

So etwas gibt es heute kaum noch. Besonders verrückt ist die Entwicklung bei App-Spielen, finde ich. Die sind eigentlich keine Games mehr, sondern vor allem Abzock-Maschinen. Alles ist darauf zugeschnitten, den Spielerinnen und Spielern möglichst viel Geld zu entlocken.

Ich möchte nur das recht populäre Game „Two Dots“ als Beispiel nennen. Man kann es kostenlos spielen – aber dafür braucht es wirklich starke Nerven. Nicht dass ich der Ansicht wäre, gut gemachte Spiele müssten kostenlos sein. Natürlich nicht: Gute Software zu entwickeln kostet Zeit und Geld – und muss bezahlt werden. Bevor ich mich mit Werbung quälen lasse, bezahle ich lieber.

Vor allem, aber nicht nur Kids sind gefährdet; Rechte: WDR/Schieb

Vor allem, aber nicht nur Kids sind gefährdet

Dark Patterns, wohin das Auge blickt

Doch „Two Dots“ wendet wirklich alle Tricks an, die heute so üblich sind. Dark Patterns etwa: Oft ist der grüne Button hier was Gutes: Ja, Spiel starten. Ja, Level auswählen. Ja, noch eine Runde. Alles in Grün. Am Ende eines verlorenen Games aber – verbirgt sich hinter Grün eine Kaufoption. Für Goldstücke, Truhen, Kisten, Tricks und was auch immer. Über 100 Euro kann ein Spieler da mühelos ausgeben – bei einem einzigen Einkauf! Und auch kleinere Einkäufe können sich läppern.

Das komplette Game ist eine reine Abzocke. Selbst wenn es richtig gut läuft und man sich über eine Siegessträhne freut, kostet das, weil man Stauraum für die erspielten Goldstücke kaufen muss. Schließlich geht es nur darum, die Entwickler reich zu machen – das ist das versteckte, unsichtbare Mega-Level.

Selbst Erfolg wird bestraft: Um die Trophäen zu lagern, braucht es eine kostenpflichtige Kiste; Rechte: WDR/Schieb

Selbst Erfolg wird bestraft: Um die Trophäen zu lagern, braucht es eine kostenpflichtige Kiste

Kinder und Suchtkranke besonders gefährdet

Mich stößt so etwas ab. Und am Ende bluten Eltern, weil ihre Kinder zu viel gezockt haben – und Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben. Das Ganze kommt einem Glücksspiel nahe – und ist deswegen alles andere als unbedenklich.

„Two Dots“ ist aber ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wohin es führt, wenn einzig der Kommerz regiert.

Dark Patterns in Games: Mit Tricks mehr Umsatz machen

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

11 Kommentare

  1. Wann sind Games eigentlich zu Abzock-Maschinen geworden?

    Hallo Jörg, ich kann’s Dir sagen – obwohl ich hier nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben will – das ganze begann, als zum ersten mal auf dem Smartphone gespielt (manno, seit über 30 Jahren schreibe ich immer noch ‚gespeilt‘ statt ‚gespielt‘) wurde, und analog die Game-Konsolen online waren – und darüber hinaus das Publikum jünger und unkritischer wurde.

    Ich bin Mega-Fan der 90er-Jahre-Aufbausimulationen (habe auch noch alle, inkl. ’nem alten 80486 DX4). Die Grafik ist Horror, aber was soll’s, die war doch schon immer so – aber das Gameplay ist Hammer.

    Habe im Lockdown vor einem Jahr mit der meist-TV-beworbenen Online-Aufbau-Simulation begonnen (Name verschweige ich mal, ihr wisst ja Bescheid) – Laaaaaaaaaangweilig ohne Ende – ein paar Klicks, dann abschalten und nach frühestens 4 Stunden ein paar weitere Klicks.
    Inzwischen bin ich in diesem Spiel völlig am Ende, es geht nichts mehr, ohne dass ich Euros überweise – ich kann keinen qm Strasse bauen oder abreißen, kein Haus bauen oder abreißen, bzw. aufwerten – Ende, Ende, Ende – und dass trotz der Erfahrung aus 33 Jahren Aufbausimulation – einfach nur Abzocke !

    Habe tatsächlich vor einigen Jahren ein Spiele-Forum gefunden, da war ein Spieler völlig verzweifelt, weil er seit über 20 Jahren EIN UND DAS SELBE Spiel in „Sid Meyers Civilization“ gespielt hat – und plötzlich ging es nicht mehr weiter ….
    Leider konnte ihm kein Forumsteilnehmer helfen – das Spiel war an seinen Grenzen – nach 20 Jahren spielen (der hat mir echt Leid getan !)

    Fazit: wenn ich irgendwo „Free to play“ oder „kostenloses Online-Game“ lese, bin ich raus. Wer braucht so einen langweiligen Mist, wo es doch noch „Age of Empires“ gibt
    (einmal „gekLauft“, für immer dein)

    Vielen Dank an:
    – Sid Meyer
    – Ensemble Studios
    – Jens Onnen, Werner Krahe und Software 2000
    – den Entwicklern der DOS-Box
    – den Entwicklern von dFend-Reloaded
    – den Entwicklern von Transport-Tycoon und vor allem von Open-Transport-Tycoon
    – Novalogic und den Machern der Voxel-Technologie (kenne zwar nur ein Spiel dieser Art, aber „Comanche – White Lightning“ (und zwar die echte erste US-Version, nicht der deutsche „Maximum Overkill“-Abklatsch) war das bahnbrechendste, was ich je im Spielesektor gesehen und gespielt habe (naja, war auch 1992)

    Leute, kauft Eure Spiele … dann könnt Ihr sie in 30 Jahren noch Euren Kindern und Enkeln zeigen [aber immer schön den Datenträger auf dem aktuellen Stand halten :-) ]

    • In die Dankesliste könnte man noch WINE aufnehmen; mit dem Emulator der kein Emulator sein will läuft eine Menge für Windows entwickelt auch auf Linux. Auch die DOS-Box gibt es für Linux. Es kommt auch vor, dass Programme für Windows entwickelt unter einer neueren Windows-Version nicht mehr laufen aber dafür noch unter Linux mit WINE.
      Im Grunde stimme ich aber zu:
      – vom Sofa aufstehen
      – in `nen Laden gehen
      – Silberscheibe kaufen, also einmal Geld an der Kasse abgeben
      – nutzen
      – vererben
      Mit Abos oder ewig kleine Beträge abdrücken verliert fast jeder schnell den Überblick. Free to Play am Anfang geht als Demoversion in Ordnung aber dann:
      – IF Spaß GOTO vom Sofa aufstehen
      – ELSE END

  2. Durchwinker am

    Es gibt auch heute noch eine Menge dieser Spiele, gerade im Indie-Genre. Wenn man natürlich bei den Großen sucht, findet man nur solchen Müll – dabei gibt es auch in den App-Stores durchaus Alternativen, ob Einzelspiele oder Apple Arcade und Co, von What The Golf bis hin zu Donut County und vielen weiteren.
    Auf Steam findet man natürlich weitaus mehr, nur selten gibt es dort die Free2Play-Spiele, aber dafür zahlt man einmal. Bei Nintendo noch immer genau das gleiche, maximal gibt es einige DLCs, die aber auch erweitern und nicht notwendig sind, sondern eher ein einfacher Zusatz zum Spielen nach dem Beenden des Spiels. Auch, wenn Nintendos neues Spiel das erste Mal in eine andere Kerbe schlägt.

    Es gibt es durchaus noch wie damals, auch kostenlose Spiele sind teilweise ohne solche Inhalte und trotzdem spielbar. Die Gaming-Industrie hat aber vor allem gelernt sich selbst ernst zu nehmen und das man von kostenlosen Spielen ohne eigenen Verdienst eben nichts bekommt. Wer bestehen will, muss verdienen. Das ist teilweise von einem Extrem ins andere gegangen, aber die Leute zahlen – und sorgen damit dafür, dass es diese Mechanismen auch weiterhin gibt.

  3. Ja die Lemminge und Boulder Dash, das waren noch Zeiten auf amiga 500.
    Und für 0 DM, beim Kollegen kopiert…

  4. B. Franke am

    „Wann sind Games eigentlich zu Abzock-Maschinen geworden?“
    Wann denn nun bzw. mit welchem Game fing es an? Bleibt leider unbeantwortet. Oder habe ich etwas überlesen?

    • Gute Frage,
      fing es mit den Panini-Sammelstickern an, welche einen verleiteten solange Geld auszugeben und zu tauschen bis das Album voll war.
      oder mit der Optimierung der Supermärkte, damit der Verbraucher nicht das kauft was er braucht, sondern das was den Gewinn optimiert.
      oder mit dem Internet an sich, welches erst völlig neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnete.
      oder mit der kostenlos Mentalität, welche selbst hier in den Kommentaren gefeiert wird und damit einhergehendem Bedarf der Entwickler die Kosten zu verschleiern.
      oder mit der immer weiter voranschreitenden wissenschaftlichen Durchleuchtung wie sich ein Mensch verhält, wie man Entscheidungsprozesse manipuliert und damit auch Gewinne optimiert,
      oder generell mit dem Gesellschaftsmodell, welches unendliches Wachstum propagiert und einfordert,
      oder, oder, oder,
      Das solche Geschäftsmodelle real und akzeptanzfähig sind dürfte viele Anfänge gehabt haben. Und auch wir, die wir hier Kommentieren, hatten sicherlich etwas Anteil daran.

  5. Da kann ich nur zustimmen. Ich bin aus der Doom- und Lemminge-Generation. Ich spiele auch heute noch, aber eigentlich nur noch Spiele die ich auf Kauf-DVD habe: Siedler zB. oder Transport Tycoon. Ok nicht die allerneuesten, aber sie sind mein Eigentum, ich muß nicht zu bestimmten Zeiten spielen weil dann meine Mitspieler on sind, ich finde meine mühsam gebaute Stadt auch nicht zerstört vor weil ich mal einen Tag nicht gespielt habe. Ich mag auch nicht gegen 12jährige Cheater auf Steam spielen – ich bin 62 Jahre alt! Und damit wahrscheinlich viel zu alt für die Game-Industrie. Und die kriegt kein Geld von mir für irgendwelche Lootboxen.

    • Geil, Siedler und Transport Tycoon (vor allem aber Railroad Tycoon Deluxe) spiele ich heute auch noch (nicht zu vergessen Bundesliga Professionell) – und bin tatsächlich 9 Jahre jünger :o)

  6. Viele werden sich jetzt bei diesem Artikel bestimmt denken „na dann spielt diese Spiele doch nicht“.

    So einfach ist es oft aber nicht. Wie bei vielem sind es die lieben Bekannten/Freunde die einen in Kontakt bringen. Hey, es gibt ja auch tolle virtuelle Gegenstände für die Gewinnung neuen Klientels. Und dann fangen die wirklich „guten“ Spiele sehr subtil an Ihre Wirkung zu entfalten. Man muss ein solches sogenanntes Free-to-Play Spiel, bzw. Spiel mit Micropayments gespielt haben, um die Mechanismen zu verstehen, die Fallstricke zu entdecken.

    Und bitte beim ausprobieren nicht gleich abspringen, das wäre langweilig, dabei bleiben bis es einen so richtig packt, sich der Sog entwickelt …

    Durchaus eine interessante Erfahrung und dürfte auch den Hartgesottenen am Ende ein paar Euro kosten ;-) .

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