Warum sollten Klarnamen tabu sein?

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Warum sollten Klarnamen tabu sein?

Kommentare zum Artikel: 20

Da ist sie – die Diskussion darüber, ob es eine Klarnamenpflicht im Netz geben soll oder nicht. Es ist dem Europa-Spitzenkandidaten Manfred Weber zu verdanken, dass die Diskussion in Gang gekommen ist. Er will keine Spitz- und Tarnnamen mehr zulassen in den Sozialen Netzwerken, vielleicht sogar im Internet ganz allgemein.

Einschränkung der Redefreiheit?

Klar, dass es gleich eine immense Empörung gibt – von “übertrieben”, “unangemessen” oder “Einschränkung der Redefreiheit” ist da die Rede. Aber das sind Reflexe. Viele wollen eben nicht, dass sich etwas ändert. Das ist menschlich. Das ist verständlich. Aber: Eine Gesellschaft muss immer die Regeln des Zusammenlebens anpassen.

Eine wirklich anspruchsvolle und intelligente Diskussion darüber, ob die Pflicht für Klarnamen nicht doch eine gute Idee sein könnte, sollte doch zumindest mal überlegt werden. Irgendwann wurden auch Ampeln aufgestellt. Und der Rechtsverkehr eingeführt. Und Tempolimit. Auch das gab es alles nicht von Anfang an.

Virtuelle Ausweis fürs Netz; Rechte: WDR/Schieb

Virtueller Ausweis fürs Netz

Es sollte sich was ändern: Debatte nötig

Es lohnt doch ein genauer Blick darauf, welche Vor- und welche Nachteile es bringt, wenn man sich im Netz “ausweisen” muss – oder das eben nicht nötig ist. Wir wissen alle: Im Schatten der Anonymität wird deutlich ungehobelter gepöbelt, diffamiert und gehetzt – zum Beispiel. Gäbe es eine Klarnamenpflicht, hätten wir das Problem nicht. Zumindest nicht in dieser ausufernden Form.

Natürlich: Es gibt Menschen, die trauen sich nicht, sich mit ihrem richtigen Namen zu Wort zu melden – etwa, wenn es um Themen wie sexuelle Ausrichtung, Krankheit, den eigenen Arbeitsplatz oder auch um die politische Meinung geht.

https://vimeo.com/156265843

Deeplink: Welche Vorteile haben Klarnamen?

Über Kompromisslösung nachdenken

Aber vielleicht ist ein Kompromiss denkbar: In geschlossenen Gruppen (bis zu einer gewissen Größe) keine Pflicht für Klarnamen. In der allgemeinen Öffentlichkeit schon. Oder zumindest der Provider/das Netzwerk kennt denjenigen, der postet – für den Fall der Fälle.

Ich denke, eine Lösung, die gesund abwägt zwischen den verschiedenen – völlig berechtigten – Interessen, wäre doch vielleicht eine gute Lösung. Eins scheint aus meiner Sicht aber auf jeden Fall klar: So wie es ist, kann es nicht bleiben. Anonymität wird im Netz in der Regel missbraucht, nicht gebraucht.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

20 Kommentare

  1. ……es ist und bleibt wohl im Internet um Datenschutz und Privatsphäre nicht sonderlich gut bestellt, daran änderten/ändern auch Gesetze oder Verordnungen wenig, da diese von ettlichen Seiten mal mehr und mal weniger offen schlicht ignoriert werden…….
    Wenn Klarnamen, dann müßten die sehr gut geschützt sein, u.a. nur bei Strafverfolgung juristisch zugänglich…
    Aber wie sollte das unter den derzeitigen Internet-“Wildwest”-Gegebenheiten gewährleiset werden???

  2. Wie man sieht, ist die CDU immer noch nicht im Internet angekommen! Und was macht sie vor Wahlen von Tür zu Tür …!

    Wenn die AFD sehr genau das macht, was oben beschrieben wird, und einer kommt, der schärfere Gesetze fordert, dann ist doch genau das Ziel von Ihr erreicht und sie macht sich nicht die Hände schmutzig!

    Und wie sieht es zur Zeit mit der Sicherheit vom Perso aus? Wohl noch viel Luft nach oben!

    Daher fordere ich aus der realen Welt erst einmal Nummern-Schilder für Fahrradfahrer und E-Roller.
    Guten Tag!

  3. Ich stimme zu: „So kann es nicht bleiben“.
    Wir brauchen aber mehr Anonymität und nicht weniger!
    Wie kommen Sie darauf, dass Anonymität „in der Regel“ zum Missbrauch führt? Für die öffentlich rechtliche Filterblase unbequeme Kommentare sind kein Missbrauch und wenn sich auf breiter Front die Lebensverhältnisse ständig verschlechtern muss man auch aushalten, dass die Leute ihrem Ärger Luft machen. Mehr oder weniger offene Zensur erhöht nur den Druck auf dem Kessel. Ich bin nicht Kompromissbereit bei den freien und geheimen Wahlen, beim Demonstrationsrecht und bei der freien Meinungsäußerung. Wenn man „dem Volk nicht aufs Maul schaut“, werden hinterher nur die Überraschungen größer.
    Zu mehr Anonymität sollten die öffentlich rechtliche Medien dringend mal ihr Verhalten überdenken. Im meinem Firefox-Browser zeigt mein Tracker-Blocker an, dass hier an dieser Stelle das tracking von Website-Analytics und INFOnline verhindert wird. Im Scipt-Blocker stehen Scripte von ioam.de und vimeo.com auf misstrauen und werden auch geblockt.

  4. Auf gar keinen Fall! Heute wird schon nachgeforscht, was Menschen während ihrer Jugend/Kindheit im Netz gemacht haben. Das kostet Karrieren.
    Auch würde es zu Ausgrenzung führen oder noch schlimmer zu Gewalt. Man stelle sich nur mal einen ehemaligen Gläubigen vor, der im Netz nicht kundtun kann, dass er Atheist ist oder könnte mit anderen Menschen in Kontakt treten, weil Tod oder „nur“ Rausschmiss aus dem Elternhaus droht.
    Wenn man arbeitet oder einen bestimmten Freundeskreis hat und man unterhält sich über BDSM, weiß jeder, was Zuhause abgeht. (Oder denkt es zumindest.) LOL So werden Menschen kontrollier-und erpressbar. Man muss die Lebensumstände der Leute ändern, im Alltag einen guten Umgangstonpflegen, Medienkompetenz vermitteln und bilden. Dann haben wir weniger von den, die das Netz mit ihrem Müll füllen. Immer dieses Herumdoktern an Symptomen. Man bekämpft auch keine Neonazis indem man den hitlergruß oder Mein Kampf verbietet.

  5. Und für mich wieder ein Grund mehr, weder diesem “Europa-Spitzenkandidaten” noch irgendjemandem aus dessen Parteiumfeld (“Werte?union”) jemals meine Wahlstimme zu opfern. Wer Sehnsucht nach chinesischer “Demokratie” hat, der kann ja gerne in das Land des Lächelns auswandern, um dort seinen ersehnten Entmündigungs-, Überwachungs- und Zensurfetischismus auszuleben … bis ihm das Lachen vergeht.
    “… zu verdanken(!), dass die Diskussion in Gang gekommen ist.”?
    Dann mal herzlichen Dank, Herr Weber: Wahltag ist Zahltag.
    Zaijian.

  6. Und wer überprüft die Klarnamen? Welche Daten stellt man damit den Internetseiten zur Verfügung? Derzeit kann man bei den Seiten auch falsche Namen angeben oder ein falsches Geburtsdatum.

    Die DSGVO ist gegen eine Klarnamenpflicht, weil Amazon, Google und Facebook auch so schon genug wissen.

    Und auf der Straße weiß man schließlich auf nicht, wer einen da dumm anmacht. Das Verhalten ist nicht so viel anders.

      • Nein, sie müssen nicht ihren Ausweis offen vor sich her tragen. Das wäre die vergleichbare Analogie mit “Klarnamen” Pflicht.
        Sie müssen sich bei Bedarf vor einigen wenigen, klar definierten, Menschen ausweisen können (Polizei, Zoll, bei Bankgeschäften). Alles andere ist freiwillig. Sie müssen das Ding noch nicht mal mit sich rumschleppen.

        • Wo ist denn das Problem, das man sich dem Anbieter gegenüber ausweisen muss, aber öffentlich ein Pseudonym verwendet wird?
          Wer sich mit dem Pseudonym illegal oder rechtswidrig verhält, muss halt damit rechnen, daß per Gerichtsbeschluss der Realnane verlangt wird, ansonsten kann man genauso anonym bleiben, wie es immer gewünscht wird.

    • Bodo Runte, Alsfeld am

      Journalisten kennzeichnen ihre Artikel und Kommentare namentlich. Private Leserbriefe in der Presse sind ebenfalls namentlich gekennzeichnet. Das Internet darf davon nicht ausgeschlossen sein.

      • “Das Internet” ist aber eben nicht gleichzusetzen mit der Presse, auch wenn diese das vielleicht gerne so hätte oder deren enge Standards 1:1 auf das (noch halbwegs) freie Internet übertragen möchte. “Das Internet” hat auch schon längst eine Größe erreicht, die sich kaum noch kontrollieren lässt und wenn, dann nur mit drakonischen Maßnahmen/Verboten, die demokratischen Grundlagen widersprechen (vgl. russische Abkapselung, chinesische Sperrung von IP-Blöcken sowie Verbot von Verschlüsselung, koreanisches Totalverbot für Zivilbürger, Verbot des sog. Darknets und sämtlicher Subnetze usw. usw.). Seitenbetreiber, die (ausweisseitig verifizierte! – alles andere bringt nämlich nichts) Klarnamen befürworten oder einfordern, können dies ja gerne tun. Die dann noch verbleibende, kommentierende Leserschaft wird über die zukünftige Attraktivität (=Werbebannerschaltung) dieser Seite bestimmen. Sie mögen dann zwar “saubere”, (ganz im Sinne von Schäuble, Weber & Co.) oppositionsfreie oder vielleicht sogar gänzlich leere Kommentarspalten vorfinden; die freie Meinungsbildung der “Ausgeschlossenen” wird sich durch diese Maßnahmen aber gewiss nicht “anpassen” lassen.

      • Klaus Lohmann am

        Niemand wird im Netz gezwungen, seine wahre Identität zu verschleiern. So wie der Journalist seinen Namen freiwillig nennt, so können auch Sie sich im Netz mit Klarnamen bewegen. Nur einen generellen *Zwang*, egal in welche Richtung, wird es dort nicht geben – genau wie im richtigen Leben.

  7. Sehr geehrter Herr Schieb,

    Sie schließen von sich auf andere. Sie leben davon, dass Ihr Name als Marke gleichgesetzt werden soll mit “Computer-Experte”. Das ist verständlich, und es sei Ihnen gegönnt.

    Ich dagegen stehe beruflich täglich in der Öffentlichkeit und bin zu Neutralität verpflichtet. Stellen Sie sich einmal vor, was es für mich bedeuten würde, wenn sämliche Äußerungen, die ich in diversen Medien abgäbe, mit meinem Klarnamen verbunden wäre. Wenn ich beispielsweise auf die Idee käme, mich zu Themen wie Politik, Religion, Sexualität, Sterbehilfe usw. zu äußern, und sei es nur in einem Forum oder in einem Leserbrief.

    In einer Suchmaschine könnten solche Aussagen leicht zusammengeführt werden. Ich wäre also weltweit ein “gläserner Mensch”. Die berufliche Folge wäre unweigerlich, dass anders denkende Parteien meine Neutralität regelmäßig in Frage stellten.

    Ich müsste also entweder meinen Beruf aufgeben oder auf mein Recht auf ein Privatleben und freie Meinungsäußerung verzichten. Zudem wäre ich auch im Privatleben vor Nachstellungen bis hin zu körperlichen Angriffen nicht mehr sicher. Und sicherlich bin ich kein Einzelfall.

    Es sollte daher jedem Einzelnen selber überlassen bleiben, ob und unter welchen Bezeichnungen er sich äußert. So funktioniert Demokratie.

    Mit freundlichen Grüßen
    Pars

    • ……klar “auf den Punkt gebracht”. Zudem:
      Es ist und bleibt wohl im Internet um Datenschutz und Privatsphäre nicht sonderlich gut bestellt, daran änderten/ändern auch Gesetze oder Verordnungen wenig, da diese von ettlichen Seiten mal mehr und mal weniger offen schlicht ignoriert werden…….

  8. Last but not least, wer glaubt das man mit Klarnamen frei seine Meinung äußern kann der irrt.
    Man hat eine dem “Mainstream” widersprüchliche Meinung? Schneller den je kann sich das aus dem Internet in der direkten Nachbarschaft verbreiten. Intoleranz, Ausgrenzung und Schlimmeres kann die Folge sein.
    Das Paradigma der “freien” Meinungsäußerung wird gerne von meinungsbildenden Personen gepflegt, welche noch am ehesten in der Lage sind Ihre Meinung tatsächlich frei zu äußern. Einen Herr Weber als Spitzenpolitiker ist wohl als Meinungsbildend anzusehen.

  9. Ein anderer Punkt.
    Es finden sich jede Menge Artikel über den nötigen Schutz der Privatsphäre, über unkontrollierte Geheimdienste und Datenkraken wie Facebook und Google.
    Nun zähle man 1 und 1 zusammen.
    Somit dürfte bei Einführung von Klarnamen gelten.
    “Klarnamen werden im Netz in der Regel missbraucht.”.
    Nur jetzt nicht mehr kontrolliert vom Anwender, sondern unkontrolliert von Unternehmen und Staatsdiensten.

  10. Zitat: “Anonymität wird im Netz in der Regel missbraucht, nicht gebraucht.”. “In der Regel”, hm, also weit mehr als 50% aller z.B. anonymen Kommentare sind missbräuchlich? Das glaube ich nicht und dürfte einer verzerrten Wahrnehmung entsprechen. Zu manchen Themen vielleicht, bei vielen Themen, z.B. rein technischer Natur, sind nach meiner Einschätzung mehr als 90% aller Kommentare sachlich. Somit ist das Zitat eine plakative der Sache wenig dienliche Aussage, solange Sie nicht mit seriösen Zahlen und Quellen hinterfüttert ist.

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