Was halten Sie von Deep Reading, Dr. Spitzer?

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Was halten Sie von Deep Reading, Dr. Spitzer?

Kommentare zum Artikel: 10

Willkommen in meinem Blog. Diesen Text gibt es nicht gedruckt, sondern ausschließlich im Netz. Als Posting. Manche Leser steuern die Webseite an ihrem Rechner an. Andere greifen zu ihrem Smartphone und lesen die Zeilen dort, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit. Ihr Reader hat sie möglicherweise vorher auf den neuen Text hingewiesen. Wieder andere sind durch die Eingabe entsprechender Suchbegriffe von der Suchmaschine auf diesen Text geleitet worden. Was zeigt: Im Zeitalter der digitalen Texte liest jeder anders.

Dr. Manfred Spitzer plädiert dafür, mehr lange Texte zu lesen - auf Papier; Rechte: Spitzer

Dr. Manfred Spitzer plädiert dafür, mehr lange Texte zu lesen – auf Papier

Interview mit Dr. Manfred Spitzer

Doch lesen wir heute mehr, weil wir ständig zum Smartphone greifen und dort Kurznachrichten, Mitteilungen und Postings lesen – oder sogar weniger als früher? Anders lesen wir auf alle Fälle. Deshalb habe ich mich gefragt: Wie verändern die heutigen Lesegewohnheiten unsere kognitiven Fähigkeiten? Werden wir besser, lernen wir schneller – oder schaden uns die vielen kurzen Texte? Ich wollte es ganz genau wissen und haben den renommiertesten Hirnforscher Deutschland dazu befragt. Wenn es einer wissen muss, dann Dr. Manfred Spitzer von der Universität Ulm.

Ich habe das Interview mal zum Amhören in Soundcloud hinterlegt. Dr. Spitzer bestätigt: Wer ständig nur kurze Texte liest, der ist es irgendwann gar nicht mehr gewohnt, längere Sätze zu erfassen und zu verstehen. Die ständige Lektüre kurzer Texte lässt also unsere Fähigkeit verkümmern, komplexe Sachverhalte zu verstehen. Das kann man sich fast denken – aber die Wissenschaft hat es belegt. Übrigens: Wer besonders häufig Fotos verschickt oder postet, etwa auf Instagram, verstärkt nach Erkenntnissen der Wissenschaft diesen Effekt noch.

Sowas wie „Deep Reading“ brauchen wir nicht

Aber wie sieht es mit eBook-Readern aus? Da kann man ja auch lange Texte lesen, etwa Klassiker. Dr. Spitzer erklärt mir, dass sich die Wissenschaft auch dieser Frage angenommen hat. Die Lektüre von Texten auf einem eBook-Reader hält der Hirnforscher für weitgehend unbedenklich – solange man nicht eBooks anschaut/liest, die exzessiven Gebrauch von multimedialen Möglichkeiten machen. Der Löwe, der brüllt, wenn man ihn antippt oder anklickt. Das ist bestenfalls etwas für Kleinkinder, sorgt ansonsten dafür, dass weniger bei uns hängen bleibt, wenn wir solche eBooks studieren.

Weil es aber nun mal so ist, dass wir immer öfter kurze Texte lesen, fordern nicht wenige in den USA bereits, ein neues Schulfach Deep Reading einzuführen – vertieftes Lesen. Die Schüler sollen also lernen, unter Anleitung längere Texte zu lesen und zu verstehen. „Unfug!“, findet der Hirnforscher. Deep Reading sei das, was wir gemeinhin als „sinnerfassendes Lesen“ bezeichnen. Dafür brauche es keinen eigenen Begriff. Recht hat er!

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

10 Kommentare

  1. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Auch Alkohol- und Nikotinsuchtkranke bestreiten ja immer, daß Alkohol und Nikotin abhängig machende, zerstörerische Suchtmittel sind, und sprechen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die dies herausgefunden haben, ihre wissenschaftliche Kompetenz.
    Genau in diesem Sinne sind die Äußerungen von „Fabian“ (25.12.2017 10:11) und “ örg“ (23.12.2017 9:48) zu verstehen:
    Wer Suchtkranke auf ihre Sucht hinweist, wird verächtlich oder niedergemacht.
    Dies widerfährt Prof. Spitzer und anderen leider auch.

  2. Ich kann nur meine Vorredner bestätigen: Bei Herrn Spitzer handelt es sich um einen Wissenschaftler, der durch seine populistischen und wenig unterfütterten Thesen seine Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigt hat. Unter Medienwissenschaftlern ist er hoch umstritten. Alleine die im Text vorgestellte, platte These, dass kurze Texte zu lesen dazu führen soll, lange Texte nicht mehr erschließen zu können, ist aufgrund der zahlreichen zu berücksichtigenden Einflussfaktoren offensichtlich zu kurz gedacht. Hier fehlt die kritische Distanz.

  3. Ich möchte an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass sich zwar seit Jahren das Gerücht hält, Herr Spitzer sei der renommierte Hirnforscher. Dies geht allerdings völlig fehl und hätte journalistisch kritisch recherchiert werden können. Die mediale Aufmerksamkeit, die Herr Spitzer genießt, ist weniger Ausdruck seiner Kompetenz, als vielmehr Ergebnis des symbiotischen Verhältnisses seiner populistischen Thesen und des effektbezogenen Wirkens von zumindest einigen Journalisten. Ich wünsche mir zu Weihnachten mehr kritischen Journalismus.

  4. Thomas Müller am

    Wo er recht hat, hat er recht, mein Vorredner.
    Die Quintessenz lautet doch wohl: Weniger ist mehr!
    Frohe Weihnachten, Herr Schieb.

  5. „Wer ständig nur kurze Texte liest, der ist es irgendwann gar nicht mehr gewohnt, längere Sätze zu erfassen und zu verstehen. Die ständige Lektüre kurzer Texte lässt also unsere Fähigkeit verkümmern, komplexe Sachverhalte zu verstehen.“
    Richtig!
    Dennoch setzt selbst, der mutmaßlich anspruchsvolle, ÖR auf solch kurztextliche „Nachrichten“formate wie etwa „heute+“; mit äußerst dünnen Inhalten, aber dafür mit schönen bunten Bildchen, coolen Digitalanimationen, gelben Textmarkereinblendungen der redaktionellen „Kernbotschaften“ (sinngemäß: EU = gut, Brexit = schlecht, Trump = böse, Clinton = gut, Merkel = die Beste, … bla-bla-bla).
    Hinzu kommen noch (etwas linkspopulistisch angehaucht wirkende) Moderationspersönlichkeiten, die m. E. bei einem x-beliebigen Homeshoppingkanal besser aufgehoben wären.
    Immerhin scheint die (junge) Zielgruppe wohl doch nicht so dumm bzw. leicht manipulierbar zu sein, wie evtl. erhofft: die schaltet diesen digitaldurchgestylten, Meinungsmacherkäse (böse Zungen würden jetzt „Staatsfunk“ rufen) offenbar einfach ab oder gar nicht erst ein; sowohl im TV als auch im www – gut so!(*)
    (*) meedia.de/2015/10/30/die-ernuechternde-zwischenbilanz-von-heute-plus-erfolglos-vor-allem-im-jungen-publikum

  6. Klaus Lohmann am

    Er scheint dermaßen „Recht zu haben“, dass dieses Interview dann multimedial auch noch auf soundcloud vor sich hinsiecht. Für Kleinkinder gedacht, Herr Schieb?;-)

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Nein, dem kann ich nicht beitreten, Herr Schieb:
        Es hörbar zu machen, bringt die Menschen doch nur noch mehr vom Lesen weg…: Will der WDR das wirlich unterstützen…?
        Daß Sie Spitzers zutreffende Äußerungen hier verdienstvollerweise wiedergeben, spricht ja doch eher dagegen.
        Andererseits: Eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die ungeachtet der schwerstwiegenden Suchterzeugungs- und Ausspioniereigenschaften dieses asozialen Netzwerks ihren Account bei facebook immer noch nicht gekündigt hat….

          • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

            Bitte genau lesen:
            Es bedarf nicht der Internet-Abstinenz, sondern der Abstinenz und des Boykotts von Suchtphones und asozialen Netzwerken.

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