Wenn Wikipedia wie Facebook und Google wäre

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Wenn Wikipedia wie Facebook und Google wäre

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Der Autor Jaron Lanier hat kürzlich in einem Interview einen wichtigen Punkt angesprochen: Wikipedia ist einer der wenigen großen und bekannten Dienste im Netz, die nach wie vor kein kommerzielles Interesse verfolgen und Inhalte völlig unvoreingenommen präsentieren. Die Online-Enzyklopädie orientiert sich nicht an Bedürfnissen, Gewohnheiten oder Vorwissen seiner Besucher – und ist vor allem und schon mal gar nicht an kommerziellen Interessen ausgerichtet.

Der Ton innerhalb von Wikipedia ist zunehmend unerfreulich; Rechte: WDR/Schieb

Einer der wenigen “ehrlichen” Dienste im Web: Wikipedia

Wikipedia: Bastion der Unabhängigkeit

Wer bei Wikipedia etwas nachschlägt, bekommt dasselbe präsentiert wie jeder andere. Wikipedia ist eben ein Nachschlagewerk. Hier wird nichts verfälscht, verändert, manipuliert. Die “Sozialen Netzwerke” hingegen sind laut Lanier in erster Linie “Maschinen, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten manipulieren”.

Man muss es wirklich so deutlich sagen: Dass ein großer Onlinedienst nicht versucht uns zu manipulieren, ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Nehmen wir Google. Der Suchdienst präsentiert jedem andere Ergebnisse. Schon beim Eintippen erscheinen erste Hilfen und Anregungen, was gemeint sein könnte. Die sogenannte “Autovervollständigen”-Funktion versucht zu erraten, was der Nutzer eintippen möchte – und orientiert sich dabei an diversen Sachverhalten.

Die eigene Persönlichkeit spielt eine Rolle, die Such-Historie, die Uhrzeit, der aktuelle Standort – das fließt alles ein in die Vorhersage, was jemand eintippen könnte. Google macht entsprechende Vorschläge – und die sehen bei mir anders aus als bei jedem anderen.

Aber auch die präsentierten Suchtreffer sind von vielen Faktoren abhängig, vor allem vom eigenen Such- und Surfverhalten. Googles Algorithmen versuchen, das Passende zu finden.

https://vimeo.com/278489414

Jaron Lanier bezeichnet Soziale Netzwerke als Manipulationswerkzeuge

Wikipedia: Bastion der Unabhängigkeit

Würde Wikipedia genauso vorgehen, bekäme ein Physik-Student bei der Eingabe von “Erde” etwas anderes zu sehen als ein Verschwörungstheoretiker, der fest davon ausgeht, die Erde wäre eine Scheibe. Der Physiker sieht Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft, der Anhänger der “Die-Erde-ist-eine-Scheibe”-Annahme ganz andere Texte. Denn – hey: Wozu gibt es Algorithmen, die uns alle Inhalte so präsentieren, dass sie uns schmecken und gefallen?

Bei Facebook ist das bekanntlich so. Hier erscheint in der Timeline nicht das, was wirklich relevant oder gar wahr ist, sondern das, was entweder gut bezahlt ist (Sponsored Content) – oder was am meisten Erfolg verspricht.

Die KI bei Facebook unternimmt alles, um den Geschmack der User zu “bedienen”. Nicht, damit er oder sie zufrieden ist, sondern damit er oder sie möglichst lange im Netzwerk bleibt. Denn das verspricht vor allem eins: mehr Umsatz. Und nur darum geht’s.

Verzerrt ein solches Verhalten die Realität? Selbstverständlich!

Die Diktatur der Algorithmen: Sie bestimmen immer mehr in unserem Leben

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

5 Kommentare

  1. Wikipedia weist den Vorteil auf, das hier zahlreiche Prüfer/innen auf Basis von definierten Relevanzkriterien arbeiten, was auf Social Media Plattformen vor der Veröffentlichung eines organischen Beitrags nicht der Fall ist. Selbstverständlich ist aber auch bei bereits veröffentlichten Wikipedia Artikeln eine Überprüfung des Lesers durch weitere Quellen unabdingbar, da die Nachbearbeitung der Artikel ohne Überprüfung erfolgen kann. Dieses reflektierte Herangehen an Inhalte sollte auch auf jeder anderen Online-Plattform erfolgen. Letztlich ist eine Aufklärung zum Thema der Interessen-basierten Anzeige von Onlineinhalten wichtig. Aber auch die Möglichkeit zur genauen Bewerbung passender Zielgruppen ist wichtig für den Handel.

  2. Sagen wir’s mal besser so: Es gibt keinen *zentralen* Manipulator, der uns lenkt oder versucht, mit möglichst “interessanten” Themen so lange wie möglich auf der Plattform zu behalten, um Werbeeinnahmen zu generieren.
    Es gibt aber sehr wohl externe Manipulatoren, die speziell bei personenbasierten Artikeln oder politisch aktuell relevanten Themen sich die Texte so zurechtbiegen, wie’s ihnen gerade passt. Obwohl genau das bei den Sichtungsmechanismen verhindert werden sollte. Da aber immer weniger solcher Sichter mitarbeiten (das hat auch Gründe… ein paar wenige führen sich dort ziemlich arrogant auf), kommen die nicht hinterher (und andere können sich so ihren Mist quasi selbst freigeben, bevor’s einer merkt und rückgängig macht). Und aus den selben Gründen sind heute etliche “aktuelle” Artikel schon einige Jahre alt, und wurden entweder nicht umgeschrieben oder noch nicht veröffentlicht. Das ist dann auch wieder eine andere Art der Unwahrheit.
     
    Trotzdem ist und bleibt die Wikipedia nach wie vor einer der vertrauenswürdigsten Dienste im Web – DAS stimmt.

  3. “Hier wird nichts verfälscht, verändert, manipuliert.”
    Ich empfehle, z.B.:
    – “Wikipedia-Autoren: Verifiziert – und manipuliert” / golem / 7.12.2018,
    – “Manipulation in der Enzyklopädie: Gekaufte Wahrheiten auf Wikipedia” / SZ / 25.6.19,
    – “Manipulationen in Wikipedia: Dauerbeschuss von PR-Agenturen” / t-online / 31.1.2014 -aufgrund einer ARD-Monitor-Reportage,
    – und, falls gewünscht, gerne noch dutzende weitere Quellen, die seriös! bestätigen, dass gerade Wikipedia ein ElDorado für Manipulateure ist!
    Nö, Herr Schieb, dat war diesmal nix. ;(

    • Das ist mir bekannt — gemeint war aber an der Stelle, dass auf dem AUSSPIELWEG, also zum Zeitpunkt des Auslieferns der Informationen nichts verändert, ergänzt, erweitert, relativiert wird — wg. Kommerz, Optimierung, Erfahrung…

    • Hardy, sicher wird auch bei Wikipedia versucht zu manipulieren – in alle Richtungen. Das gleicht sich aber in der Diskussion wieder aus – meistens. Auf alle Fälle ist Wikipedia zuverlässiger als zum Beispiel öffentlich rechtliche Medien. Sendungsbewusste Journalisten versuchen die Zuschauer nach dem eigenen Meinungsbild zu erziehen und dabei manipulieren sie mehr oder weniger hemmungslos in Auswahl, Wortwahl und Formulierung. Auch in öffentlich rechtlichen Medien gibt es Diskussion, Einstellungs- und Beförderungspraxis haben aber wie in einer Filterblase dazu geführt, dass die Ausgewogenheit in der Summe nicht mehr stimmt.
      Bei Wikipedia treffen meist alle Richtungen ungefiltert zusammen und das führt dann zu besseren Ergebnissen in den Diskussionen. Wikipedia ist die „Bastion der Unabhängigkeit“, nur eben nicht an jeder Stelle uneinnehmbar.

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