Wer auf Amazon schimpft, macht es sich zu einfach

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Wer auf Amazon schimpft, macht es sich zu einfach

Kommentare zum Artikel: 6

„Amazon Go: Wer hält den Riesen auf?“ ist der Titel eines aktuellen Digitalistan-Beitrags. Die dort vorgetragene Kritik, die sich nicht nur gegen das nun wohl auch in Europa startende Amazon Go“-Projekt, sondern gegen den Konzern im Allgemeinen richtet, will ich nicht unwidersprochen lassen.

Das Konzept von „Amazon Go“ sieht vor, dass Kunden des Online-Konzerns wieder ganz real in einem Geschäft offline einkaufen sollen. Das Besondere: Amazon will das leidige Schlange Stehen, Geld rausholen, Bon wegstecken abschaffen. Statt aufs Prinzip „Kunden-scannen-selber“ zu setzen, sorgt Tracking-Technik dafür, dass beim Verlassen des Ladens registriert wird, wer was gekauft hat und wieviel ihm dafür vom Konto abgebucht wird. Dass das durchaus praktisch für den Kunden sein kann, ist im Beitrag nur eine kleine Randnotiz.
Weil die stattdessen vorgebrachten Aussagen aus meiner Sicht beispielhaft sind für eine in Deutschland leider weit verbreitete Innovationsfeindlichkeit, möchte ich mit diesem Text auf fünf Kernaussagen reagieren.

Amazon Werbevideo (englisch) über sein eigenes Supermarkt-Konzept

 

1. „Man muss sich nur die Innenstädte anschauen, um zu verstehen, was ich meine. Verwaist.“
Wenn wir von Großstädten wie z.B. Köln, Hamburg, München und Berlin, aber auch Münster, Bielefeld etc. sprechen, bietet sich ein anderes Bild. Problematisch ist es vor allem dort, wo das Sterben des Einzelhandels schon zu einer Zeit begann, als Amazon&Co noch gar nicht existent waren. Der Niedergang vieler innerstädtischer Einkaufsstraßen ist oft viel eher einer verfehlten Kommunal- und Landespolitik geschuldet, durch die sich große Shopping-Center am Stadtrand breit machen konnten.

2. „Als erstes mussten Buchläden dran glauben.“
Überspitzt gesagt gehört dieser Satz für mich in die Rubrik „Großstadtmärchen“. Der Todesstoß für den kleinen Buchhändler auf der Ecke war weniger Amazon, sondern vielmehr das Aufkommen der großen Buchhandels-Ketten wie Mayersche, Hugendubel, Thalia, etc. Eine fehlende Flexibilität der Branche tat ihr übriges: Ich erinnere mich noch gut daran, wie häufig mein Wunschbuch nicht beim Buchhändler vorrätig war. „Wir können es Ihnen gerne bestellen“. Frühestens zwei Tage später konnte ich dann erneut antanzen. Amazon lieferte damals schon frei Haus.

3. „Der Kunde macht die Arbeit, auf Arbeitsplätze kann verzichtet werden.“
Das trifft auf das Amazon-Go-Konzept nur zum Teil zu. Denn der komplette Wegfall von Kassen und Kontrolle bedeutet ja: Hier hätte ich als Kunde endlich mal ohne Zusatzarbeit Zeit gewonnen. Arbeitsplätze hingegen werden durch die Automatisierung auch an anderer Stelle in der Branche vernichtet, nur geht es an anderer Stelle tatsächlich zu Lasten der Kunden: Beim Rewe-Supermarkt um die Ecke haben die Selbst-Scan-Kassen die Kunden lange Zeit reihenweise in den Wahnsinn getrieben. Nun sind sie seit Monaten abgeschaltet. Aber sicherlich nicht, um das Thema zu den Akten zu legen. Und bei Ikea steht für 6 Scanner immer ein Mitarbeiter aus Fleisch und Blut bereit. Weil irgendwas ist immer.

Ein Tante-Emma-Laden, der Vorgänger von Rewe und Amazon Go, in den 1950ern

Was bei diesem Thema nicht vergessen werden sollte – vor allem, weil es um vermeintliche „Opfer“ wie den 45 Milliarden Umsatz erzeugenden Rewe-Konzern geht: Auch das Konzept des Supermarkts an sich bedeutete vor einigen Jahrzehnten einen radikalen Umbruch in der Branche: Anstatt an einer Theke mit Fleisch, Käse, Milch etc. bedient zu werden, musste der Kunde plötzlich alles selber machen. Schon klar, das ist kein Argument FÜR eine erneute Rationalisierung. Aber es macht deutlich, dass es immer wieder radikale Umbrüche in der Arbeitswelt gab und geben wird.

4. „Weil alle Waren entsprechend präpariert sind und der Kunde beim Einkauf penibel beobachtet“
Kein kritischer Artikel über einen der üblichen Verdächtigen (Amazon, Google, Apple etc.) kommt ohne diesen „Überwachungs“-Hinweis aus. Ja, es ist wichtig und richtig, dass wir diejenigen kontrollieren, die unsere Daten sammeln. Ich würde mir allerdings wünschen, dass die Datensammelwut des Staats ähnlich kritisch beäugt und hinterfragt wird. Einem Unternehmen unterstelle ich, dass es mit meinen Daten höchst sensibel umgeht, damit es mich als Kunden nicht verliert. Der Staat bzw. seine Behörden haben ein anderes Interesse. Letztendlich verhindert das „Datenkraken-sind-per-se-böse“-Argument eine ernsthaftere Diskussion. Denn klar ist: Ohne Daten zu erheben, wären viele der heutigen technischen Innovationen gar nicht realisierbar. Wir sollten stattdessen Antworten auf die Frage finden: Wie wird mit meinen Daten vernünftig umgegangen?

5. „Es ist das erklärte Ziel von Amazon, bestehende Branchen zu zerstören und sich als Alternative anzubieten.“
Ja, Amazon könnte der ein oder anderen Branche den Todesstoß versetzen. Weil Amazons Geschäftsmodelle für Kunden offenbar eine attraktivere Alternative darstellen. Letztendlich, das sehe ich genauso, zeigt der Kapitalismus hier mal wieder seine hässliche Fratze. Aber ist das Zerstören der Konkurrenz tatsächlich „erklärtes Ziel“ von Amazon? Sobald ich eine seriöse Quelle für diese Aussage genannt bekomme, revanchiere ich mich mit einem Amazon-Gutschein. :-)

Um abschließend auf die Frage „Wer hält den Riesen auf?“ zurück zu kommen: Ich glaube, dass es nur jemand sein kann, der ähnlich wie Amazon-Chef Jeff Bezos radikal bereit ist, etablierte und funktionierende Geschäfts-Konzepte innovativ denkend auf den Prüfstand zu stellen. Und der dabei nicht nur die Gewinnmaximierung sondern auch zufriedenere Kunden als Ziel hat. Ich befürchte, es wird kein Unternehmen aus Deutschland sein.

Über den Autor

@stedo1305 ist seit 2001 für den WDR tätig. Schwerpunkt: Ideenentwicklung und Projektsteuerung von Webspecials. Gemeinsam mit @Ohrndorf ist er einer der Väter des Storytelling-Tools „Pageflow“, mit dem er 2014 einen Grimme Online Award gewann. Sein Lieblingsprojekt ist immer noch Digit – das Archiv des analogen Alltags (digit.wdr.de).

6 Kommentare

  1. „Aber es macht deutlich, dass es immer wieder radikale Umbrüche in der Arbeitswelt gab und geben wird.“

    Eben – und genau das macht dieses ganze Amazon-Bashing weitgehend sinnfrei. Man muss sich einfach mal klar machen, dass es unglaubliche viel Dinge gibt – allem voran Globalisierung und Digitalisierung – die sich nicht mehr verhindern oder zurückdrehen lassen und bei denen einem letztlich auch keine Wahl bleibt, ob man daran Teil haben möchte oder nicht. Akzeptieren und Mitgestalten statt vergeblich Protestieren ist das Einzige, was in solchen Fällen irgendeinen Sinn ergibt.

    Amazon macht viele Dinge richtig und das wird logischerweise vom Kunden belohnt. So lange das so bleibt, wird es auch keinen kundenseitigen Konsumverzicht in größerem Umfang geben – was das das absolut Einzige wäre, wodurch Amazon von irgendetwas abgehalten werden könnte.

    Natürlich sollen und müssen Konzerne wie Amazon, Google und Co. ihre Gewinne dort versteuern, wo sie auch erwirtschaftet werden. Alles andere regelt am Ende der Konsument selbst – ob zum Guten oder zum Schlechten.

  2. Ihren Ausführungen stimme ich überwiegend zu – bis auf Punkt 4: „Einem Unternehmen unterstelle ich, dass es mit meinen Daten höchst sensibel umgeht, damit es mich als Kunden nicht verliert.“.
    Sie suchen den besonderen Kick? Dann machen Sie doch mal die (Mut-)Probe auf’s Exempel und bestellen bei amazon.com (funktioniert auch mit deutschem Account) eine Handvoll „Casio F91W“-Billigarmbanduhren (zum Hintergrund, vgl. z. B. spon.de/adlAv ), einige 9-Volt-Batterieblöcke und Butangaskartuschen, eine Rolle Klingeldraht und dazu vielleicht noch vom Marketplace einen paramilitärischen Survivalschmöker; in Summe über 150 Euro.
    Spätestens, wenn Sie Ihre Bestellung beim deutschen Zoll abholen müssen, werden Sie feststellen, wie -„höchst sensibel“- man sich für Ihre weiteren Kundendaten und auch für Ihren Lebenslauf interessiert. Viel Vergnügen! ;)

    • Stefan Domke am

      Von einem solchen Selbstversuch sehe ich ab, denn für eine Wohnungsdurchsuchung fehlt mir die Zeit, für guten anwaltschaftlichen Beistand das Geld. :-)
      Mit „sensibel“ meinte ich: Ein Unternehmen wie Amazon wird alles daran setzen, dass nicht mehr mit den Daten gemacht wird, als mir als Kunde bei „Vertragsabschluss“ in den AGBs angekündigt wurde. (Wäre schön, wenn das in der Politik zumindest so ähnlich eine Legislaturperiode lang Bestand hätte.) Und ohne mich jetzt durchgewühlt zu haben: Ich gehe davon aus, dass irgendwo in den AGB ein Passus drin steht, dass das Unternehmen verpflichtet ist, mit Bundesbehörden o.ä. zusammenzuarbeiten. Und es ist halt die Frage, wer hier im Ereignisfall „evil“ ist: Der Daten fordernde Staat oder das Daten herausgebende Unternehmen. Denn wie groß der diesbezügliche Druck z.B. seitens der amerikanischen Behörden auf Apple, Google und Co ist, ist ja immer wieder zu lesen. Und von der (erfolglosen) Gegenwehr ebenfalls. Das soll keine Entschuldigung für diese Art der Datenweitergabe sein, sondern nur ein Erklärungsversuch.

  3. J. Kreuer am

    Ich bin seit 15 Jahren Kunde bei Amazon und sehr zufrieden. Das hat bisher noch kein Laden geschafft. Also irgendwas machen die richtig

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