Willkommen in der Abhängigkeit 2.0

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Willkommen in der Abhängigkeit 2.0

Kommentare zum Artikel: 4

Ein paar Stunden hat Twitter Schluckauf, weit der Kurznachrichtendienst an der Software schraubt – und die Twitter-Gemeinde befindet sich in heller Aufruhr. Als wäre sie von der Welt abgeschnitten, nur weil man keine Tweets absetzen oder lesen kann. Sogar die selbstironisch gedachten Hinweise auf den Ausfall machen deutlich, was die kurze Abstinenz mit vielen macht. Diagnose: ein klarer Fall von Abhängigkeit.

Bei Ausfällen von Facebook sieht es nicht anders aus. Oder wenn es bei einem Provider mal wieder nicht rund läuft: Stets wird auf den jeweils anderen möglichen Kanälen hektisch gepostet, getwittert, geirgendwast. Irgendwie muss man doch drüber reden, dass man ganz kribbelig ist, weil irgendwas nicht funktioniert. Die Nervosität bricht aus uns heraus – weil wir uns irgendwie nicht damit abfinden wollen, dass nicht immer alles perfekt funktioniert.

Twitter Logo; Rechte: dpa/Picture Alliance

Monokultur vergrößert das Problem

Man kann sich über diese Nervosität lustig machen – so wie ich gerade und hier. Doch im Grunde genommen ist das vielleicht eine durchaus angemessene Reaktion, denn es ist eine Vorahnung darauf, wenn die Systeme, von denen wir abhängig sind – man kann es nicht anders sagen -, tatsächlich im großen Stil ausfallen. Länger. Mehrere gleichzeitig. Was, wenn das Internet insgesamt in unserem Land mal für einen Tag wegbricht? Oder eine Woche? Nicht auszudenken, was dann los wäre. Zwar ist das Internet generell so konzipiert, dass sich die Daten einen anderen Weg suchen, wenn der eine verstellt ist. Aber es sind Szenarien denkbar, in denen das nicht (mehr) funktioniert. Überlastung wäre die unweigerliche Folge.

Auch die zunehmende Monokultur ist ein Problem. Wirtschaftsprofessor Scott Galloway hat auf der DLD2016 zu Recht darauf hingewiesen: Die Big Four (Apple, Google, Facebook, Amazon) fressen ihr Umfeld auf. Sie bekommen eine Größe und damit eine Macht, die nicht nur wirtschaftlich von beängstigender Bedeutung ist, sondern auch strukturell. Wenn sich alle und alles auf einen Anbieter konzentrieren, sind Ausfälle besonders folgenreich. Konkretes Beispiel: Immer wieder mal gibt es Ausfälle in der IT-Infrastruktur von Amazon. Viele Startups nutzen die Amazon Web Services (AWS), um ihre Web-Portale zu betreiben und Datenbanken zu pflegen. Wenn AWS ausfällt, liegen Hunderte von Startups lahm, teilweise auch große Anbieter. Eine Folge der Monokultur.

Netzwerkkabel am Router; Rechte; dpa/Picture Alliance

Folgen bei systemrelevanten Ausfällen

Wenn Facebook nicht funktioniert, wären vermutlich keine wirllich relevanten Konsequenzen zu befürchten. Aber wenn die Systeme von Flughäfen, der Bahn oder der Banken ausfallen, möglicherweise sogar über mehrere Tage – etwa durch einen Cyberangriff -, hätte das fatale bis katastrophale Folgen. Darüber sind wir uns oft viel zu wenig im Klaren: Die Abhängigkeit von Strom und eben auch dem Internet nimmt enorm zu und hat mittlerweile ein Maß erreicht, das bedenklich ist.

Als Nutzer oder Konsument hat man darauf natürlich erst mal wenig Einfluss. Das einzige, was er machen kann, ist seine Daten auf verschiedene Anbieter zu verteilen und möglicherweise auch Backups anzulegen. Das bewahrt einen zumindest davor, nicht auf seine Daten zugreifen zu können, wenn mal ein Dienst ausfällt. Aber schon bei der E-Mail ist es schwierig, Ausweich-Strategien zu entwickeln. Und in vielen Bereichen werden wir gar nicht erst gefragt. Was wir brauchen, ist also deutlich mehr Vielfalt. Nicht weniger.

 

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

4 Kommentare

  1. Suchtfrei. am

    „Willkommen in der Abhängigkeit 2.0“: WAS für eine Überschrift für einen Artikel über eines der schlimmsten SUCHTMITTEL! Bewusst gewählt oder „Freud’scher Verschreiber“? Egal, denn die Überschrift trifft es. Traurig, schade und schlimm freilich, daß der einzig reelle Weg aus den aufgezeigten Abhängigkeiten nicht aufgezeigt wird: AUSSTEIGEN aus der Smartphone- und OnlineSUCHTERKRANKUNG, denn nichts anderes ist es: Liest man die Bücher von Bert te Wildt (Digital Junkies) und Manfred Spitzer (Cyberkrank!) auch nur auszugsweise, so gruselt es eine und einen schon, aber man kann auch einfach nur Zug oder U-Bahn fahren, um die wachsenden Scharen weggetretener Smartphone-Volltrunkener zu erleben. Dabei „braucht“ kein Mensch ein Smartphone, und die ASOZIALEN NETZWERKE schon gar nicht. Also: AUSSTEIGEN heißt die Devise – und die es tun, werden einen ungeahnten Zuwachs an Lebensqualität erleben und eine ungeahnte Abnahme von Burnout- und Erschöpfungsdepressionsgefahr: STEIGT AUS und schließt Euch der neuen Gegenbewegung DIGITAL DETOX an (Stichwort bitte bei ixquick.com eingeben, NICHT bei Google!).

    • Im Prinzip ist da ja was dran, aber Sie klingen mehr besessen als die meisten Internet- und Smartphone-User, die ich jemals erlebt habe… und mit der Hand geschrieben und per Post eingesendet haben Sie diesen Kommentar ja auch nicht, oder?

      Ja, all das kann zur Sucht werden, aber für die meisten Menschen ist es keine Sucht, die nehmen das lange nicht so ernst wie sie es offenbar tun.

      • Suchtfrei. am

        „Ja, all das kann zur Sucht werden, aber für die meisten Menschen ist es keine Sucht, die nehmen das lange nicht so ernst wie sie es offenbar tun.“: Mit Verlaub, aber exakt das sagen die meisten ihrerseits Süchtigen, um die eigene Sucht nicht wahrhaben zu müssen. Und es gibt mittlerweile mehr als genug seriöse Untersuchungen (nicht nur te Wildt und Spitzer, sondern auch die von Prof. Jerusalem aus Berlin und viele andere), die belegen, daß eine Digitalsuchtpandemie auf uns zukommt. Schade auch, daß Sie die Wiedergabe der Ergebnisse der Studien und eigene Wahrnehmungen als „Besessenheit“ abtun. Vielleicht geben Sie einfach einmal das Stichwort „Smartphonesucht“ bei ixquick.com ein oder schauen sich mal die Seite Fachverband Medienabhängigkeit an, dann sprechen Sie vielleicht nicht mehr von Besessenheit, es sei denn, Sie sind selbst abhängig und wollen es nicht wahrhaben (aber dann wäre diese Antwort an Sie eh‘ vergeblich!). Hinzuzufügen wäre noch, daß mich auch meine Beobachtungen als Lehrender an einer Hochschule dazu veranlassen, alarmiert zu sein: Mehr als 80 % der Studierenden sind in den Vorlesungen permanent komplett weggetreten und im Wortsinne nicht ansprechbar – verschwunden im Suchtphone, ebenso die jungen Eltern in der Straßenbahn, neben sich die ganz verloren wirkenden kleinen Mädchen und Jungen….: Da soll man nicht alarmiert sein?

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