Wir brauchen kleinere Apps!

https://blog.wdr.de/digitalistan/wir-brauchen-kleinere-apps/

Wir brauchen kleinere Apps!

Kommentare zum Artikel: 7

Ich mache gerade Urlaub. Mitten im Nirgendwo. Da ist man froh über jede Steckdose – und über jedes WLAN. Ein paar Tage bin ich erst unterwegs, da meldet sich der App Store auf dem Smartphone: 14 Updates sind verfügbar, und beim Blick auf die Downloadgrößen muss ich schlucken.

Facebook: 206 MB. Gmail: 128 MB. Spotify mit seinen 82 MB ist da schon fast schlank. Ich habe zusammengerechnet: Würde ich alle 14 Updates runterladen, käme ich auf 1.668 MB. Anderthalb Gigabyte. Dafür bräuchte ich hier, wo ich mit etwas Glück ein Mobilfunknetz mit durchschnittlicher Datenübertragungsrate erwische, eine gute halbe Stunde.

Wie kommt es zu diesen immensen Größen? Laut den Marktforschern von Sensor Tower sind die Größen verschiedener Apps vor allem unter iOS mehrfach explodiert: einmal zu dem Zeitpunkt, als Apple die Maximalgröße für Apps von 2 GB auf 4 GB hochgeschraubt hat, und einmal zur Einführung von iOS 10 – was aber weniger mit iOS 10 und mehr mit der Konkurrenz vor allem der beliebtesten Apps untereinander zu tun hatte. Snapchat, Facebook oder Instagram haben in dieser Zeit immer mehr Features verpasst bekommen. Damit ist auch der Speicherhunger gestiegen.

Snapchat

Die Größe der Snapchat-App hat sich laut den Marktforschern von Sensor Tower innerhalb von vier Jahren ver-51-facht.

Tatsächlich enthalten viele Apps heute Funktionen, die wir nicht immer benötigen, die aber trotzdem mit an Bord sind: Videochats, Bildbearbeitung – oder Betafunktionen, die schon Teil der App sind, aber nur von einem kleinen Kreis an Testnutzern eingesetzt werden können. All diese Dinge können ebenfalls dafür sorgen, dass Apps sich unnötig aufblähen.

Zum Teil tragen aber auch schludrige Entwickler die Schuld: Weil Smartphones mit jeder Generation mehr Speicherplatz an Bord haben, sehen Entwickler nicht immer die Notwendigkeit, den Speicherhunger in Grenzen zu halten. Oder Entwickler A weiß als Teil eines großen Teams nicht, was Entwickler B tut. Das prominenteste Beispiel ist die Facebook-App, die eine ganze Weile lang den gleichen Programmcode mehrfach an Bord hatte. Der Münchener Entwickler Alexandre Colucci hat im Frühjahr ausgerechnet, dass sie sonst ganze 40 MB schlanker gewesen wäre.

Die Hersteller der Betriebssysteme haben darauf schon reagiert. „Shrink Your Code and Resources“ heißt es bei Google, „App Thinning“ nennt Apple seine Lösung, die dafür sorgen soll, dass bei der Installation einer App nur die Inhalte runtergeladen werden, die für das jeweilige Gerät nötig sind.

iPhones

Mit iOS 11 will Apple im Herbst eine Funktion einführen, die selten genutzte Apps automatisch von iPhone oder iPad löscht.

Die Explosion der Downloadgrößen hat vor allem Apple damit aber nicht verhindern können. iOS 11, das in diesem Herbst ausgeliefert werden soll, wird deshalb noch einmal eine zusätzliche Funktion enthalten, mit der – sofern man sie als Nutzer überhaupt aktiviert – das Betriebssystem komplett selbstständig Apps löschen kann, die man selten öffnet.

Am Ende ist das aber nicht nur ein Thema für die Betriebssystemhersteller, sondern natürlich auch für die Entwickler – und vielleicht sogar für die Mobilfunkanbieter. Wir brauchen kleinere Apps. Wir brauchen keine Dauerupdates, aus denen nicht ersichtlich wird, was sich da von Version zu Version überhaupt getan hat. Und vielleicht brauchen wir auch einfach realistischere Volumentarife – ein Thema, bei dem Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor als Entwicklungsland dasteht.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

7 Kommentare

  1. Dennis Horn am

    @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Wir haben Ihren Kommentar gelöscht. Bitte beachten Sie die Blogregeln und verzichten Sie auf Kommentare immer gleichen Inhalts.

  2. Martin Thimm am

    Ich habe mein Smartes-Phon gegen ein „Normales“, ohne irgendein Betriebssystem, vor einem halben Jahr getauscht und lebe noch!

    • Dennis Horn am

      @Martin Thimm: Warum auch nicht. Da hält der Akku auch schön lang. Nur ein Hinweis: Auch ältere Handys haben Betriebssysteme. Es sind nur ganz andere als Android oder iOS. ;)

  3. Ich mache mittlerweile sämtliche upgrades meiner android- und windows- Geräte über hotspot meines handys mit der O2 free Karte, nach Verbrauch des Highspeed Volumens.
    Da kommen einige GB zusammen. Ist zwar mit ca. 300-1000 KB/sec nicht das schnellste, aber für updates und selbst für youtube reicht es aus!

  4. Ich bin mit dem ZX-81 von Sinclair aufgewachsen…: 1 kB RAM, 768 B waren nutzbar. = Das zwang zur Code-Optimierung! Nebeneffekt: Auch die Effizienz und die Geschwindigkeit waren erheblich höher. == Vielleicht bin ich verrückt, aber noch heute „fühle“ ich jedes einzelne Bit, das sich durch DFÜ-Verbindungen kämpft. Die inflationäre Datenflut zeugt auch meiner Meinung nach von dem unverantwortlichen Umgang mit Resourcen, hier: Bandbreite.

  5. Bei letzterem kann ich nur zustimmen, ich bin häufig in Irland unterwegs dort ist Flächendeckend 4G mit 48mbit/s verfügbar und der kleinste Datentarif sind 15GB bei Vodafone… wiso wird man hier mit 1GB abgespeist?

    • Weil es hier (a) mehr Nutzer gibt, die (b) bereit sind, dafür zu bezahlen. == Beispiel LTE: Das sollte der Standard werden, um diejenigen Regionen, in denen eine Verkabelung unmöglich oder unverhältnismässig aufwändig ist, zu versorgen. LTE/4G ist heute hauptsächlich in Ballungsräumen verfügbar, die eigentlichen Zielgebiete sind immernoch abgehängt. = Durch die sehr hohe Nutzeranzahl in den Metropolen aber müssen sich alle die verfügbare Bandbreite teilen, also wird 1GB Datenvolumen zu einem Kapital mit hohem Wert.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage: *

Top