Wo bleibt Eure Verantwortung?

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Wo bleibt Eure Verantwortung?

Kommentare zum Artikel: 4

Über das Thema Hasskommentare und wie Social Media Dienste damit umgehen, ist wahrlich schon viel gesagt und geschrieben worden. Man muss kein besonders feinfühliger Mensch sein, um den Eindruck zu bekommen, dass sich Facebook, Twitter und Co. gerne wegducken, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Es müssen nämlich immer die anderen den Karren aus dem Dreck ziehen. Zumindest Facebook ist wohl zu sehr mit Geld verdienen beschäftigt, um sich zur Abwechslung mal mit so lästigen Dingen wie Verantwortung zu beschäftigen.

Wenn es noch eines Beispiels bedurfte, wie ungeniert Facebook sich seiner Verantwortung entzieht, dann hat der von den Kollegen des ZAPP-Magazins eingefangene Moment ein solches Beispiel geliefert.

Facebooks Europazentrale; Rechte: dpa/Picture Alliance

Facebook drückt sich

Da sitzt Facebooks deutsche Chef-Lobbyistin Eva-Maria Kirschsieper auf dem Podium einer Presseveranstaltung, in der die Counterspeech-Tour promotet werden soll, und windet sich wie ein Aal bei der simplen und völlig berechtigten Frage, wie viele Mitarbeiter eigentlich derzeit Meldungen von Hasskommentaren jeder Art bearbeiten. Die Antwort: Sage ich nicht. Selbst Smudo von den Fantastischen Vier, der mit auf dem Podium sitzt, mischt sich ein: „Ich würde es aber auch gerne wissen!“ Doch keine Antwort. Eva-Maria Kirschsieper drückt sich und will nur eine Methode gelten lassen, um „diese Probleme, die es möglicherweise auch auf dieser Plattform gibt“ zu bekämpfen: Counterspeech. Also die Gegenrede.

Der Subtext ist eindeutig: Lasst das mal die anderen machen. Dann haben die anderen die Arbeit, die Kosten und den Ärger am Hals. Allein die Aussage „Probleme, die es möglicherweise gibt“ macht schon klar, dass man sich bei Facebook noch immer nicht seiner Verantwortung im Klaren ist – und zu allem Überfluss auch noch die Realität verkennt. Entweder, es gibt ein Problem – oder es gibt keins. Aber nach monatelanger Auseinandersetzung eine derart geschwurbelte Einlassung zu machen, spricht Bände. Deutlicher kann man wohl nicht sagen, dass man eigentlich am liebsten in Ruhe gelassen würde. Die User sollen die Arbeit machen. Und Organisationen wie jugendschutz.net. Ein tragfähiges, überzeugendes Konzept für eine mögliche Lösung des Problems ist nicht in Aussicht.

Twitter drückt sich auch

Auch Twitter hat ein Problem mit Hasskommentaren. Übrigens nicht erst seit der Flüchtlingskrise, seitdem aber massiert – wie überall, wo Menschen im Netz sich öffentlich äußern können. Auch Twitter hat den Kampf gegen Hassbotschaften outgesourct. Twitter hat einen Trust & Safety Council gegründet, mit 40 Organisationen und Experten. Auch hier ist jugendschutz.net vertreten. Sie sollen – gemeinsam mit Twitter – für weniger Pöbeleien und Hetze sorgen. Auch bei Twitter haben also andere die Arbeit. Sie sollen darauf achten, was kommuniziert wird – und was möglicherweise zu weit geht. Erst wenn es zu Strafanzeigen kommt und in Folge zu einer behördlichen Anordnung etwas zu löschen oder zu blockieren, wird auch Twitter aktiv – und löscht den Tweet oder das Konto.

Für Facebook, Twitter und Co. ist es das Geschäftsmodell, dass jeder sagen darf, was er will – und je mehr davon, desto besser. Die Unternehmen profitieren sogar davon, wenn sich andere aufregen – das gibt längere Aufenthaltszeiten in den Diensten. Counterspeech ist daher der aus kommerzieller Sicht einzige richtige Weg: Keine Arbeit und noch mehr Traffic – yippi!

Nice try, würde ich sagen. Aber Facebook, Twitter und Co. müssen allmählich kapieren, dass sie keine Holztische für Bierzelte herstellen – wenn sich da ein Depp aufstützt, während er Unsinn redet, kann der Tisch nichts dafür -, sondern dass sie Veranstalter der Diskussionen sind. Es ist ihre Pflicht darauf zu achten, dass es hier rechtsstaatlich zugeht. Sie stellen die Infrastruktur zur Verfügung und verdienen an den Debatten. Kneifen gilt nicht. Und wir dürfen es nicht zulassen, dass sie kneifen.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

4 Kommentare

  1. Never Fratzenbuch am

    Nun ja,da ist nun mal in den USA das 1st. Ammendment:““Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.”“Gehoert zu den Unveranderlichen Verfassungsgrundsaetzen(haben wir ja auch einige).Dies wird nun malsehr hoch gehalten in den USA,daher gelten dort nun mal andere Schwellen ab denen man eingreift,eingreifen kann.Das dies hier in Deutschland ein wenig anders gesehen wird und die Grenzen fuer „freie Rede“enger gesteckt sind kollidiert halt mit dem Amerikanischem Selbstverstaendnis.Das da auch die die Gruende mitspielen die Herr Schieb hier anfuehrt ist nachvollziehbar,nur dann ist das Sache der Deutschen Politik und Justiz fratzebuch und twitter mit den Mitteln des Gesetzes in die Schranken zu weisen=Bussgelder in schmerzhafter Hoehe und eben nicht TTIP im geheimen zu verhandeln.

  2. „Mimi Mimi Mimi!“ (c) Beaker.
    Mein Güte, wenn Ihnen das wirklich so auf den Senkel geht, dann nutzen Sie diese „Dienste“ doch einfach nicht mehr und Ruhe ist im Karton!
    Und glauben Sie wirklich, dass amerikanische Großkonzerne sich von einem Herrn Maas maßregeln lassen und ihre millardenschweren Geschäftsmodelle
    („Datennutzvieh, gebt uns gefälligst kostenlos alle Eure Daten, wir vertickern die zu Mondpreisen und zeigen Euch dafür die weltbeste Reklame – für Euch natürlich kostenlos!“)
    entsprechend abändern?
    Sie glauben das wirklich? Oh je!

    • Suchtfrei. am

      @Hardy: Sic! Vollste Zustimmung!!! Traurigerweise verhält es sich aber ja so, daß es – nach meiner Wahrnehmung u.a. als Lehrender an einer Hochschule – immer mehr Menschen zu geben scheint, die allen Ernstes fest glauben, ohne Smartphone und ohne die asozialen Netzwerke existierten sie nicht. O-Ton einer Studenten an mich in einem Seminar: „Es gibt Sie ja gar nicht!“ AW von mir: „Wie bitte? Ich sitze doch gerade 1 m von Ihnen weg!“ Ihre Antwort: „Nein, ich meine, so RICHTIG, im Internet.“….. Oder: Antworten aus Straßenumfragen mehrer Sender mit der Frage, worauf man in der Fastenzeit am wenigsten verzichten „könne“: Mindestens die Hälfte antwortete: „Auf mein Handy / Smartphone.“
      Nach nicht nur meiner, sondern auch der Meinung etlicher Leute, die sich auskennen (Dr. Bert te Wildt, Prof. Manfred Spitzer et al.), sind das eindeutige SUCHTMERKMALE.
      Also verlieren immer mehr Menschen ihre Steuerungsfähigkeit – nicht sie haben ein Smartphone – das Smartphone hat sie.
      Gefangen in den asozialen Netzwerken.
      Was also nottut, sind Suchtprävention und Ausstiegshilfen – was passiert aber? Stattdessen sollen nun noch alle Schulen kostenlos mit der offenbar zum neuen Götzen erhobenen Digitalisierung verseucht werden.
      Das ist ungefähr so, als würde der Staat an den Schulen kostenlos Crack und Crystal Meth verteilen!

  3. Nils Arndt am

    Wirtschaftliche und ethische Interessen können ja mal am selben Strang ziehen aber ich würde mich nicht wohlfühlen wenn die Wahrung der ethischen Interessen ein Unternehmen bedient. So ist die ganze initiative doch schon skurril. Da wird dann ja auch beworben Hass mit verstand zu begegnen. Man hat sich für mich nicht genug Gedanken darüber gemacht, was denn dieser Hass beabsichtigt.
    Wenn jemand nicht will das über etwas gesprochen wird ist Hass kein schwaches Mittel.
    Und wenn der Hass dann zu Kommunikation führt ist es nichts mehr als gut für den der davon lebt.
    Foren sind eigentlich erst interessante Orte wenn sie schon klinisch tot sind. Da wütet dann keiner mehr herum. Das versuche ich gerade für mich zu entdecken.Man muss ja nur 3 Tage warten können. Länger leben die Dinger nicht.
    Wenn ich einen Hasskommentar entdecke und nicht damit klar komme, das der dreck da steht, kann es klar nicht schaden den zu melden. Man kann auch darunterschreiben dass man nicht versteht, warum facebook so einen Müll verbreitet.
    Der arme kranke Mensch,der das geschrieben hat kann ja vieleicht nicht einmal was dafür.

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