Wo ist das Problem an der Wanze im Wohnzimmer?

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Wo ist das Problem an der Wanze im Wohnzimmer?

Kommentare zum Artikel: 9

„Warum machst du das?“ „Du stellst dir damit doch eine Wanze ins Wohnzimmer!“ „Hast du keine Angst, dass Amazon oder Google jetzt alles mithören? Private Gespräche, vertrauliche Informationen, intime Details?“ Wer einen intelligenten Lautsprecher wie Amazon Echo oder Google Home oder bald den Apple HomePod nutzt, kennt die Sprüche schon.

Solche Reaktionen kommen fast reflexhaft, auch diese Woche hier in Digitalistan zum Verkaufsstart von Google Home: Als „Spionageding“ bezeichnet der Nutzer Dieter das Gerät in den Kommentaren. Man habe jetzt „nicht mehr nur die Rechner als private Datensammelkraken, sondern auch akustische Informationsabgreifer“, schreibt der Nutzer hoerblogger.

„Die Wanze im Wohnzimmer“ gehört mittlerweile ins Überschriftenbingo, wenn es um die Berichterstattung zu intelligenten Lautsprechern geht. Der Kollege Jörg Schieb schrieb zu den ersten Plänen für den Amazon Echo vor drei Jahren hier in Digitalistan, das Gerät versprühe „auch ein Gefühl von George Orwell“: Es höre immer mit, belausche jedes gesprochene Wort, denn es könnte ja eine Anweisung gesprochen werden.

Apple HomePod

Nach Amazon Echo und Google Home wird dies der nächste intelligente Lautsprecher sein: der Apple HomePod.

Auf mich wirkt das befremdlich: an einem Assistenzsystem, das dafür erfunden wurde, Sprachbefehle entgegenzunehmen, zu kritisieren, dass es Mikrofone eingebaut hat, die ständig eingeschaltet sind, um zu registrieren, ob ein solcher Sprachbefehl denn auch kommt. Es handelt sich dabei nicht um einen Nachteil dieser Geräte – sondern schlicht um deren Aufgabe.

Die Kollegen der COMPUTER BILD haben im Februar getestet, wann der Amazon Echo eine Verbindung ins Netz aufbaut, um Sprachaufnahmen in die Cloud zu schicken – und festgestellt dass das tatsächlich erst der Fall ist, wenn Nutzer „Alexa“ sagen und danach ihre Wünsche äußern. Ansonsten hört das Gerät drei Sekunden lang mit und löscht die Daten wieder.

Ähnlich funktioniert es laut der Datenschutzhinweise beim Google-Lautsprecher: „Google Home hört fortlaufend für kurze Zeitabstände (von wenigsten Sekunden Dauer), ob das Hotword ausgesprochen wurde. Die Aufnahmen, die bei diesen Prüfungen gemacht werden, werden wieder gelöscht, wenn das Hotword nicht erkannt wurde.“

Google Home

Die Angst hinter der „Wanze im Wohnzimmer“: Wie sicher können wir sein, dass ein Gerät, das dauernd mithören muss, nicht auch dauernd unbemerkt Dinge ins Netz funkt?

Es gibt noch einen Punkt, der mich an der Kritik so wundert: Natürlich stellen wir uns mit einem intelligenten Lautsprecher auch eine Wanze ins Wohnzimmer. Aber es ist nicht so, als wäre das neu. Viele von uns haben solche potenziellen Wanzen nicht nur im Wohnzimmer stehen, sondern tragen sie auch in der Hosentasche ständig mit sich: ihr Smartphone – und das hat nicht nur ein Mikrofon, sondern auch eine Kamera an Bord.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: welche Daten genau übertragen werden, was mit ihnen angestellt wird und wie man als Nutzer die Sicherheit hat, dass nichts ungewollt in der Cloud landet – das sind wichtige Fragen. Die großen Techkonzerne haben in den vergangenen Jahren immer wieder Vertrauen verspielt. Über Transparenz, Datenschutz, Privatsphäre und die damit verbundenen Fragen müssen wir also sprechen.

Wer aber die Wanze im Wohnzimmer befürchtet, müsste in aller Konsequenz auch die Sprachassistenz auf dem Smartphone abschaffen. Vielleicht sogar das komplette Smartphone. Und Computer und Monitore mit eingebauten Mikrofonen und Kameras gleich mit.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

9 Kommentare

  1. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Zitat aus obigem Artikel von Digitalistan-Blogger Dennis Horn:
    „Wer aber die Wanze im Wohnzimmer befürchtet, müsste in aller Konsequenz auch die Sprachassistenz auf dem Smartphone abschaffen. Vielleicht sogar das komplette Smartphone. Und Computer und Monitore mit eingebauten Mikrofonen und Kameras gleich mit.“
    Das sind exakt die Konsequenzen, die gezogen werden müssen.
    Ich freue mich sehr, daß auch Herr Horn dies nun schlußendlich erkannt hat! :-)

    • Dennis Horn am

      @SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG: Den Gefallen, diese Konsequenz ernsthaft zu fordern, tue ich Ihnen leider nicht. ;)

      • SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

        Das ist schade, Herr Horn, und nicht so recht verantwortungsbewußt für einen Digitalistan-Blogger, dessen Meinung Gewicht hat, da doch Abstinenz von übertriebener, obsessiver, krank- und süchtigmachender Digitalsierung wirklich absolut nottut und eigentlich das Gebot der Stunde ist: Wie viele Lebensbereiche wollen Sie denn noch der Totaldigitalisierung unterworfen sehen?
        Nein, eindeutig ist weniger mehr, und je mehr Menschen das begreifen und auch nach dem Begriffenen handeln, desto größer die Chance, daß die Gesellschaft geistig und psychisch gesund bleibt – oder besser: wieder wird! – und Gefahren eines „XXL-1984“ nach Orwell oder einer „Schönen Neuen Welt“ nach Huxley entgegengetreten wird.
        Und dazu gehört eindeutig auch, die Finger von jedweder „Versmartung“ der eigenen 4 Wände zu lassen – Amazon Echo, Google Home und Apple HomePod eingeschlossen.

        • P. Gedoehns am

          Inzwischen beobachte ich in meinem Umfeld, dass auch manche junge Leute nachdenklich werden und eine Art digitale Abrüstung betreiben, oder zumindest nicht aufrüsten. Manche Leute fühlen sich auch durch ihre Totalvernetzung genervt und werden einsichtig.
          Wie seinerzeit geschrieben, beneiden mich immer mehr Leute um meine Smartphone-Abstinenz und die Ruhe, die ich dadurch habe, was nicht bedeutet, dass ich im Wald oder auf dem Mond lebe. Ich mache nur noch lange nicht alles mit, wozu man uns drängen möchte.
          Klar ist natürlich, dass Sie und ich mit unseren Ansichten in diesem Forum selten auf Gegenliebe stoßen. Jedoch sollte man als Rundfunkbeitragzahler seine Meinung in einem öffentlich-rechtlichen Medium kundtun und vielleicht einige Leute zum Nachdenken anregen, da manche Dinge nicht so harmlos sind, wie sie erscheinen oder dargestellt werden.

  2. In unserer Konsumgesellschaft muss man sich die Frage stellen, wozu braucht man ein „Ding“ wirklich. Man muss man abwägen, welche Nutzen/Vorteile bringt es mir und welche Nachteile und Risiken sind damit verbunden. Dinge haben eine vorgesehene Gebrauchsbestimmung, die natürlich auch missbraucht werden kann. Natürlich ist der Sprachassistent in einem Lautsprecher, Handy, Fernseher etc. und auch eine eingebaute Kamera zur Spionage geeignet und manipulierbar. Aber auch mit einer Zaunlatte, Pflasterstein, Auto etc. kann man eine Menge Unfug anstellen, wozu diese nicht gedacht sind. Das gehört zum allgemeinen Lebensrisiko dazu. Wie viel Risiko man eingeht, kann man zu mindestens teilweise selbst steuern. Ich stehe auch gern mal auf, um mir ein Buch aus dem Regal zu holen, die Rollos herunter zu lassen oder Preise und Informationen selber in Zeitschriften und Internet zu recherchieren/nachprüfen als auf der Couch der Bequemlichkeit zu verfallen und alles einem Assistenten zu überlassen ;-)

  3. Mielkes Erich am

    Wo das Problem liegt? Z.B. hier:
    https://www.theverge.com/2017/8/1/16079044/amazon-echo-hack-microphone-listen-in-mark-barnes

    Und Hacks sind nur ein denkbares Szenario für Datenreichtum, es könnten genauso gut die Hersteller sein, die ihre AGB ändern, ohne dass es jemand mitbekommt (siehe übliche Praxis von Facebook und Microsoft), oder es könnten staatliche Begehrlichkeiten sein (amerikanische Firmen sind zur verschwiegenen Kooperation mit US-Diensten verpflichtet, ob sie wollen oder nicht).

    Das mit den Abhörmöglichkeiten bei Mobiltelefonen stimmt, nur ist der gezogene Schluss falsch. Man sollte nicht Wanzen im Wohnzimmer akzeptieren, weil man auch eine in der Tasche mit sich herumträgt, man sollte beides strikt ablehnen. Es hätte ja damals[TM] keiner gesagt, die Stasi wäre ganz okay, weil einen ja sowieso schon der KGB abhört.

    • Oh ja, da bin ich absolut d’accord. Es wird immer wieder gerne vergessen, dass es keine sicheren Systeme gibt und alles gehackt werden kann, egal, ob es um Smarthomes, selbstfahrende Autos oder mithörende Lautsprecher geht. Selbst wenn ich dem Hersteller vertraue (was ich bei Google und Amazon bestimmt nicht tue), muss ich zusätzlich noch vertrauen, dass es auch keine Schwachstellen gibt, über die Fremde Zugriff bekommen.
      Aber ich frage mich grundsätzlich eh immer erst mal, wozu ich ein Ding gebrauchen kann, was es mir für einen Mehrwert oder von mir aus auch Spaß bereitet. Und da sehe ich weder bei Alexa noch bei Google Home, was ich damit anfangen soll.

    • Dennis Horn am

      @Mielkes Erich: Manipulationsmöglichkeiten gibt es, seit es Technik gibt. Wir lehnen auch nicht das Automobil ab, weil sich Bremsleitungen durchschneiden lassen – sondern wir haben Regeln und Straftatbestände eingeführt. Eine reine Hackbarkeit, die ja nicht nur bei Mikrofonen und Kameras gegeben ist, sondern bei Computern insgesamt, als Argument dafür, eine Technologie zu verbieten, führt in der Konsequenz dazu, dass man Technologien an sich verbieten müsste.

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