WWW-Erfinder will das Web neu organisieren

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WWW-Erfinder will das Web neu organisieren

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Sir Tim Berners-Lee ist der Erfinder des World Wide Web. Nicht wie wir es kennen, voll gestopft mit Werbung, Spam und Layern, sondern als gut gemeintes Projekt: Alles ist mit allem verbunden und so bestens strukturiert. Einfacher Zugriff auf Wissen und Informationen. Auch die Idee der Hyperlinks (Links) geht auf das Konto von Berners-Lee. Was aus seiner Idee geworden ist – ein Netz, fest im Würgegriff von Kommerz und Sozialen Netzwerken, wo User nur Daten sind und die wiederum Währung für alles, wo die Nutzer jede Kontrolle verlieren – das ist nicht das, was er gewollt hat.

WWW-Erfinder Tim Berners Lee will das Netz umstrukturieren; Rechte: dpa/Picture Alliance

WWW-Erfinder Tim Berners Lee will das Netz umstrukturieren

Sir Berners-Lee will Netz umkrempeln

Ein bisschen ist ihm das unheimlich. Ja, wohl auch peinlich. Das ist Tim Berners-Lee anzumerken. Jetzt hat der “Vater des Web” ein Unternehmen gegründet, um uns – den Usern – die Kontrolle zurückzugeben. Das Web soll mit der Open-Source-Lösung Solid dezentralisiert werden. Bedeutet: Unsere Posts, Fotos, Videos, Audios und vor allem unsere persönlichen Daten sind nicht mehr bei Google, Facebook, Twitter und Co. gespeichert, sondern bei uns. Oder zumindest dort, wo wir Kontrolle darüber haben.

Die Idee: Wir sollen die Möglichkeit bekommen, unsere Daten selbst zu “hosten”, also zu speichern. Auf eigenen Servern, wenn wir das wollen. Oder bei einem Provider, dem wir vertrauen. Will jemand ein Video sehen, das wir hochladen, dann kommt das Video von “unserem” Server und nicht von YouTube, Instagram oder Facebook. Vorteil: Wir behalten die vollständige Kontrolle. Wir können das Video jederzeit wieder entfernen. Wir können sogar steuern, wer es sehen darf. Dasselbe gilt für Fotos, Texte, Infos.


Die Web Foundation erklärt: So ist das Web entstanden (in englischer Sprache)

Jeder User hat vollständige Kontrolle über seine Daten

Berners-Lee greift damit seine Ur-Idee vom dezentralen Wissen wieder auf und bietet eine gut durchdachte Lösung an. Charmant daran ist, dass Solid Software Open-Source ist. Jeder kann sie verwenden. Man könnte die Daten auch zu Hause auf eigenen Rechnern speichern. Konsequent genutzt, würde das die Macht von Facebook, Google, Microsoft und Co. dramatisch reduzieren, da sie unsere Daten nicht mehr speichern und auch nicht mehr kontrollieren würden, sondern nur darauf verweisen. Wie es im WWW eigentlich auch gedacht war.

Doch das würde einen ungeheuren Willen bei der Mehrheit der Nutzer voraussetzen, damit sich die Key-Player am Markt überhaupt bewegen – und diese Idee in ihre Onlinedienste integrieren. Oder: Die Politik müsste diese Form der Datenspeicherung schlichtweg vorbeschreiben. Das wäre revolutionär, aber es wäre denkbar. Nur ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es so kommt. Denn die Politik reagiert bestenfalls – sie agiert nicht.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

3 Kommentare

  1. “Jeder User hat vollständige Kontrolle über seine Daten”.
    Eine begrüßenswerte, wenn auch utopische Idee. Aber zumindest mal ein ideologischer Torpedo gegen sämtliche Schnüffel- bzw. Überwachungsdienste, Reklameschleudern und vor allem gegen jene Lobbyprostituierten, die mir immer wieder eintrichtern wollen, dass Daten der Rohstoff des 21. Jahrhunderts sind.
    Gut, dass es noch Freidenker, wie Berners-Lee, gibt!

    • Klaus Lohmann am

      Die einzelnen Funktionen kann Jeder auch heute schon auf dem “eigenen” VServer bei den meisten Providern oder auch – da Bandbreite heute meistens kein teures Gut mehr ist – zuhause umsetzen. Das ist aber nicht der Knackpunkt, denn das ging auch schon (oder ging überhaupt nur so) zu Zeiten der Webanfänge – man musste und muss sich halt das benötigte Wissen aufschaufeln.

      Und da schlägt der Mensch gestern wie heute in seiner Faulheit und Dummheit die löblichen Ansätze Berners-Lees in den Wind. Der geborene Passiv-User und reine Konsument *will* keine Eigenverantwortung, wenn er dafür lernen und selbst tätig werden muss, er will gehätschelt und getätschelt werden. Deswegen ist das Netz an der Oberfläche ein reiner Konsumalbtraum geworden und das war leider schon ziemlich kurz nach seiner Erfindung klar.

      • Stimme Ihnen zu; deshalb schrieb ich ja auch “utopische Idee”. Erst recht, wenn ich z. B. wieder sowas lese:
        com-magazin.de/news/business-it/vw-microsoft-kooperieren-kuenftige-smart-cars-1587758.html
        Daraus:
        ” … VW-Konzernchef Herbert Diess sprach vom ‘Turbo für unsere digitale Transformation’. Ab 2020 sollten jährlich über fünf Millionen Autos der Marke VW vollvernetzt auf den Markt kommen. …”
        “Turbo für unsere digitale Transformation”? Mit oder ohne Abgasschummelei?

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