YouTube lässt andere die Arbeit machen, etwa Wikipedia

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YouTube lässt andere die Arbeit machen, etwa Wikipedia

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Wie andere soziale Netzwerke steht auch YouTube in der Kritik, nichts gegen unsinnige und schädliche Inhalte zu unternehmen. Zu Recht, denn während Facebook und Twitter zumindest im Schneckentempo vorankommen, steht YouTube still. Es geschieht praktisch nichts, um Videos mit Fake-News einzudämmen. Doch: Halt. Auf dem Festival SXSW in Texas hat der YouTube-Chef tatsächlich eine Aktion angekündigt, die zumindest Verschwörungstheorien relativieren soll. Die Idee: Wikipedia macht die Arbeit. Sollen die doch erklären, dass in den auf YouTube gezeigten Videos nur Unsinn erzählt wird.

YouTube

YouTube setzt auf Wikipedia: Mehr Infos zu Verschwörungstheorien im Web

Wikipedia-Artikel sollen es richten

Und so soll es gehen: Bei Videos, die dafür bekannt sind, dass sie sich mit Verschwörungstheorien beschäftigen – etwa Videos, die behaupten, die Mondlandung sei eine Inszenierung im Studio gewesen – präsentiert YouTube demnächst einen Link zu passenden Wikipedia-Artikeln. Hier soll das im Video Gezeigte relativiert werden. Erst mal nur bei Videos, die ausdrücklich Verschwörungstheorien bedienen. Damit will der milliardenschwere Konzern der zunehmender Kritik entgegenwirken.

Wer sich ein Video mit Verschwörungstheorien anschaut, bekommt danach nur Bestätigendes gezeigt. So ist der Algorithmus. Es wird kein einziges Video gesperrt. Auch werden nicht etwa die Algorithmen bearbeitet oder geändert, die insbesondere Fake-News und Verschwörungstheorien nach oben spülen. Dabei wäre das besonders wichtig. Forscher haben jüngst belegt, dass YouTube nach dem Betrachten eines Videos danach Videos präsentiert, die radikaler sind. Jogger sehen Videos über Marathon, Videos über Trump folgen Videos über Rechtsradikale, und nach dem Massaker in Florida werden Videos gezeigt, in denen die Berichte der Überlebenden als Fake diffamiert werden.

Fake-News verbreiten sich rasant – und es wird fast nichts unternommen

Der Umsatz für uns, die Arbeit für die anderen

Es ist unfassbar: Unpassende Videos werden nicht etwa versteckt oder gelöscht, auch nicht in der Bedeutung herabgestuft oder mit einem Warnhinweis versehen, sondern weiter ausgeliefert. Stattdessen begnügt man sich mit einem Feigenblatt: Die Verlinkung bei solchen Videos auf ein Online-Lexikon, das zweifellos oft nützlich, aber nun ja auch nicht gerade über jeden Zweifel erhaben ist. Texte als Kampf gegen Videos, an einem Ort, an dem die Leute Videos schauen wollen.

Es ist eine Frechheit. Die US-Konzerne greifen immer wieder auf externe Helfer zurück, die gar nicht oder kaum bezahlt werden. Der Rechercheverbund soll Fake-News enttarnen. Wikipedia soll YouTube-Filme relativieren. Der Umsatz wird in den Netzwerken gemacht, die anderen haben die Arbeit. YouTube hätte wenigstens den Anstand haben können, Wikipedia nun fortan mit 100 Mio. Dollar im Jahr zu versorgen. Aber: Nichts da. Das zeigt abermals, wie die Konzerne ticken. Der Umsatz für uns. Verantwortung haben immer die anderen.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

1 Kommentar

  1. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    „Wie andere soziale Netzwerke steht auch YouTube in der Kritik,…“:
    Ich begrüße die wachsende Kritik an Facebook und seinen Komplicen durch immer mehr Digitalistan-Artikel.
    Um so weniger verständlich ist freilich, daß sie ungeachtet ihrer erwiesenen Amoralität und gesellschaftlichen Schädlichkeit – von Fake-News-Verbreitung über Haßmails bis zum Anfixen zur Online-Sucht – „soziale“ Medien genannt werden.
    Denn anscheinend ist es, so jedenfalls der Tenor von immer mehr Artikeln hier, auch den hiesigen Autoren gedämmert, daß es sich um ASOZIALE MEDIEN handelt – und es „soziale“ gar nicht gibt.
    Dann möge das aber bitte auch sprachlich deutlich gemacht werden.

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