Wie ein Zwischenruf nach hinten losging

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Wie ein Zwischenruf nach hinten losging

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Der SPD-Abgeordnete Volker Münchow ist im Landtag bislang nicht weiter aufgefallen. Hin und wieder eine kleine Rede, Kärrnerarbeit in drei weniger beachteten Ausschüssen. Am Donnerstag (29.01.2015) aber spielte dieser Parlamentarier eine größere Rolle in der Debatte über die Regierungserklärung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Ganze fünf Wörter warf der Abgeordnete ins Rund des Plenarsaals. Die aber hatten Folgen.
Es ist 12 Uhr mittags im Landtag, High Noon. Es spricht Christian Lindner. Der FDP-Vorsitzende seziert gerade die Regierungserklärung Krafts zur digitalen Zukunft von Nordrhein-Westfalen. Alles ist wie immer. Lindner kritisiert, Lindner ätzt. Keine schlechte Rede, aber irgendwie erwartbar…

Aber dann, ausgerechnet bei einem Punkt, wo der Liberale der Ministerpräsidentin zunächst einmal Recht gibt – es geht darum, dass junge Unternehmensgründer auch mal scheitern dürfen – kommt der Zwischenruf aus den Reihen der Sozialdemokraten: „Da haben Sie ja Erfahrung…” Und Lindner stockt kurz: „Bitte?” Und dann kommt er so richtig in Fahrt.

Hintergrund: Vor vielen Jahren, mit Anfang 20, hatte der junge Abgeordnete Christian Lindner Schiffbruch mit einer Firma erlitten und unter anderem Fördergelder der staatlichen KfW-Bank in den Sand gesetzt. Es war ein Unternehmen, das das damals noch in den Anfängen steckende Einkaufen im Internet vereinfachen sollte. An dieses gescheiterte Unternehmen wollte der SPD-Abgeordnete mit seinem Zwischenruf erinnern.

Dabei hatte die Ministerpräsidentin doch gerade gefordert, dass Menschen, die sich an eine Existenzgründung trauen, ermutigt werden sollten. Und Hannelore Kraft hatte hinzugefügt, die Mentalität, dass jemand, der einmal gescheitert ist, kaum noch eine neue Chance erhält, müsse geändert werden.

Eine solche Vorlage lässt sich Christian Lindner nicht entgehen. Mit seinen fünf Wörtern ermöglicht der SPD-Abgeordnete dem Liberalen eine einzige Tirade, die es in sich hat: Damit werde die Regierungserklärung Makulatur, das sei die typische Denke von Sozialdemokraten: Unternehmern, die erfolgreich sind, das Geld durch Umverteilung wegnehmen, denen, die scheitern, mit Häme begegnen.

Fair ist das vielleicht nicht, aber ein schlechtes Gewissen hat Christian Lindner auch nicht: Wenn einem der Ball freiwillig auf den Elfmeterpunkt gelegt werde, dann verwandele er den Strafstoß eben, feixt er. Und: „Das hat Spaß gemacht.”

Das dürften die Ministerpräsidentin und der besagte Abgeordnete anders sehen.

Hinweis: Dieser Text ist bereits am Donnerstag (29.01.2015) im Landtagsblog erschienen.

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Drei Jahre als Korrespondent in Düsseldorf und jetzt schon meine zweite Landtagswahl. So hatte ich mir das nicht gedacht, als ich 2009 von WDR 2 in Köln in die Landeshauptstadt gewechselt bin. Aber spannend ist es schon. Wahlkampf, Koalitionsverhandlungen, dann das Experiment Minderheitsregierung, jetzt also wieder Wahlkampf. Und wir als Journalisten immer mittendrin. Das ist das Schöne an der Landespolitik, man bekommt vieles hautnah mit. Meine Schwerpunktthemen sind Haushalt und Finanzen, die Hochschulpolitik, und bei den Parteien FDP und Linke. Und wenn es mal keine Politik ist, hält mich die Familie auf Trab. Drei Kinder machen mindestens so viel Trubel wie fünf Parteien.

7 Comments

  1. Wieso ist das nicht fair? Lindner hat so recht damit und spricht Gründern aus der Seele. Gerade diese Menschen, die nie irgendein Risiko auf sich genommen haben und durch glückliche Umstände einen “Lebensjob” haben, kennen das Gefühl der Verantwortung nicht, das viele Unternehmer, Selbstständige, Gründer haben und das zuweilen auch belastet. Von den ganzen Themen, die beim Scheitern (Schulden, keine Altersvorsorge, Loser-Status etc.) kommen mal abgesehen. Und von so jemandem sich dann so einen Spruch anhören zu müssen kann einen auf die Palme bringen. In Deutschland sind die Risikoaversen in der Mehrzahl, zum Glück gibts da aber auch welche, die unternehmerisches Handeln würdigen. Alles in allem: Ohne FDP-Anhänger zu sein, Applaus, Applaus für Lindner!

  2. Ich kann es auch nicht mehr hören bzw. lesen, dass Christian Lindner in ganz jungen Jahren unternehmerisch mal nicht erfolgreich war. In den USA ist eine pragmatischere Haltung üblich. Dann fängt man eben wieder von vorne an. Wer nichts tut oder riskiert, kann auch nicht scheitern. Absolut lächerliche Angriffe verwandelt der Clevere in Steilvorlagen!

  3. Hier wird wieder sehr schön verdeutlicht, dass unsere Politiker seit vielen Jahren immer am schönsten über die Themen palavern können, von denen Sie wenig bis nix verstehen. Gerade als Politiker der heutigen Zeit wird einem das auch besonders einfach gemacht, da egal wie inkompetent die Entscheidungen auch sein mögen, Restriktionen sind nicht zu befürchten. Und jetzt soll diese Vorgehensweise auch noch Schule machen und jeder Depp wird ermutigt: wenne sonst nix kannst, dann mach Dich selbständig. ( Weil in der Politik bereits alle Plätze besetzt sind ? ) Wenne scheiterst is eh egal, das zahlt sowieso der Steuerzahler. BER soll überall sein. Wir solidarisieren uns in der Unfähigkeit. Nein, Herr Lindner, es sollten nur die Personen ermutigt werden, die es auch können und nicht nach dem Motto Versuch und Irrtum vorgegangen werden. Wir benötigen eine Unternehmerkultur, die in der Lage ist, Ihre Fehlentscheidungen zu kompensieren. Lieber wenige Qualifizierte als viele Gescheiterte.

  4. Günter Schack on

    Also ich frage mich was war an dem Zwischenruf falsch? Unsere Welt steckt doch voller Vorurteile. Da werden H 4 Empfänger pauschal als arbeitsscheues Gesinde eingestuft die nur auf andere Leute Kosten leben wollen. Und da werden Leute die den Start in die Selbstständigkeit gewagt haben und scheiterten als unfähig ein gestuft. Darum ein Hoch auf die Vorurteile.

  5. Und man kann von Lindner halten was man will: es gab nichts in seiner Rede, was nicht stimmte. Gerade dieser Abgeordnete ist ein perfektes Beispiel, wie man gut von Staat und Steuergeld leben kann, ohne jemals die die Verantwortung für sein handeln übernehmen oder unternehmerischen Mut beweisen zu müssen.

  6. Ja. ich kann Herrn Lindner sehr gut verstehen. Ich habe den Schritt in die Selbständigkeit gewagt, ich bin es immer noch, würde es aber nicht noch einmal riskieren. Der kleine Mittelständler ist die Melkkuh der Nation, trägt ein Risiko, die Verantwortung für die Mitarbeiter und hat einen Stundenlohn von € 4,50 – 8,00. Da sollte man besser Politiker werden. Diese können nur gut schwätzen.

  7. Heinz-Jürgen Steinbach on

    Ja dieseesgekreische von dem tollen Lindner findet ja wenigstens eine grße Fangemeinde.
    Lindner, wo er bisher war, verbrante Erde.
    Lindner, der Kämpfer gegen Subventionen, selbst aber verbraten.
    Lindner, ein fantastischer krakeler, immer schön laut. Immer “schön” sachlich?
    Eine Analyse seiner letzten Koalitionsarbeit zeigt sein “Können”.
    Übrigens: So möchte ich auch wirtschaftlich gesichert und abgefedert werden, wie Herr Lindner.
    Außerdem: Ich mußte meine Ivestitionen selber erwirtschaften und hätte im Falle eines Scheiterns mit meinem gesamten privaten Geld und Gut gehaftet! Linder auch?

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