Das Märchen vom einstigen Null-Wachstum

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Das Märchen vom einstigen Null-Wachstum

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Der 30. März 2016 war kein guter Tag für den damaligen NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin von der SPD. Das statistische Landesamt verkündete an diesem Tag, dass die Wirtschaftsleistung Nordrhein-Westfalens im Jahr 2015 nicht gewachsen war: 0,0 Prozent Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt standen am Ende der Berechnungen des Arbeitskreises “Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder” für NRW zu Buche.

Wasser auf die Mühlen der Schlusslichtdebatte

Die Zahl vermasselte Wirtschaftsminister Garrelt Duin die Amtszeit. Fortan war NRW das „Griechenland von Deutschland“. Der Opposition passte die Zahl prima in die Schlusslicht-Kampagne: Jetzt war NRW auch beim Wirtschaftswachstum überholt worden. Sogar Bremen, das Saarland und Sachsen-Anhalt verzeichneten Zuwächse  – nur das rot-grün-regierte NRW nicht. Der damalige Oppositionsführer von der CDU, Armin Laschet, sprach von einem “schwarzen Tag für Nordrhein-Westfalen” und attestierte der Landesregierung eine “verheerende Bilanz”.

Weil es damals so hohe Wellen schlug und auch den Wahlkampf bestimmte, muss die Sache nun noch einmal aus der Wiedervorlage gekramt werden. Denn beim Wachstum der einzelnen Bundesländer enthüllt sich die statistische Wahrheit immer erst nach und nach. Die Null für NRW stand zunächst nur unter Vorbehalt nach der “ersten Fortschreibung”. Das heißt: Es handelte sich um eine erste Schätzung. Regelmäßig stecken die amtlichen Statistiker des Bundes und der Länder ihre Köpfe über ihren Laptops zusammen und korrigieren ihre Wachstumszahlen. Das komplette Datenmaterial trudelt eben immer erst mit zeitlicher Verzögerung ein; in der Regel dauert es drei Jahre, bis die wirkliche Wachstumszahl feststeht.

2012 das eigentliche Seuchenjahr

Manchmal geschehen dabei kleine Wunder: In der regelmäßigen Fortschreibung stieg das Wachstum für NRW im Jahr 2015 von 0,0 über 0,8 auf abschließend 1,1 Prozent. Ergebnis: Die verheerende Wirtschafts-Depression, die NRW 2015 lahmlegte, beruhte auf einem statistischen Irrtum. In Wirklichkeit wuchs NRW ganz ordentlich, kaum schlechter als der Schnitt (+1,7 Prozent) und wesentlich besser als Hessen, Niedersachsen und das Saarland.

Nach der amtlichen Korrektur war 2012 das eigentliche Seuchenjahr für NRW. Da gab es wirklich ein “Null-Wachstum”. Davon hat damals aber niemand etwas bemerkt, weil die erste Schätzung einen Wert von +0,4 Prozent ermittelte, was zu diesem Zeitpunkt im Ländervergleich gar nicht so viel schlechter war.

Der Tipp: Auf das RWI schauen

Im vergangenen Jahr soll NRW übrigens um 1,7 Prozent gewachsen sein. So jedenfalls heißt es in der vorläufigen Schätzung, die das Statistische Landesamt in den Osterferien veröffentlichte. Das “Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung” (RWI) in Essen hatte kurz vorher noch ein NRW-Wachstum von 2,4 Prozent für 2017 prognostiziert. Wer hat nun Recht? Ich tippe auf das RWI. Die Essener hatten das Wachstum für NRW im Jahr 2015 nämlich auf 1 Prozent geschätzt – am 18. Dezember 2014. Die Prognose der Wirtschaftsforscher vor Beginn des Jahres war also genauer als die Schätzung der Statistiker nach Ablauf des Jahres. Ein paradoxer Befund.

Der neue Wirtschaftsminister, Andreas Pinkwart von der FDP, wird damit umzugehen wissen, immerhin ist der ehemalige Hochschulprofessor ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler und Chaosforscher. Der alte Wirtschaftsminister Garrelt Duin ist dagegen von der Politik frustriert dahin gewechselt, wo Wirtschaft wirklich stattfindet – in die Wirtschaft.

Über den Autor

Zwei Politikbetriebe durfte ich schon kennen lernen: den in Berlin und den in Brüssel, jeweils als Korrespondent für das WDR-Radio. Jetzt Düsseldorf. Erste Randbeobachtung: In Düsseldorf haut man sich heftiger. Im parlamentarischen Schlagabtausch werden die Kontrahenten auch gerne mal persönlich. Obwohl sich alle so gut kennen. Oder vielleicht gerade deshalb. Politikbetrieb Nummer Drei scheint spannend zu werden.

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