Die ungeschminkte Wahrheit

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Die ungeschminkte Wahrheit

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Mal im Ernst: Muss das wirklich sein? Eine sichtbar übermüdete, im Gesicht noch recht zerknittert wirkende und mäßig gelaunte Ministerpräsidentin berichtet uns von den hinteren Sitzen ihres durch die Nacht brausenden Dienstautos von der Mühsal des bevorstehenden Tages.

“6.50 Uhr Abfahrt Richtung Berlin, mit dem Zug. Also jetzt erstmal zum Bahnhof Essen. Dann mit dem Zug. Ich bin noch sehr müde”, sagt sie mit noch halb geschlossenen Augen, “weil gestern Abend habe ich noch ein bisschen Fernsehen geguckt. War ne gute Runde im WDR. Hat mir gut gefallen. Also noch zu Ende geguckt. Und dann heute Morgen um 5 Uhr raus“.

https://www.youtube.com/watch?v=Sge34ELUqik

Naja, wenigstens WDR, denke ich. Aber dann geht’s weiter.

“6.14 Uhr auf’m Bahnsteig, ist noch ganz schon leer hier”, erfahren wir.

Später: “So, wir sind jetzt in Wolfsburg durch. Ich geh’ jetzt erstmal was frühstücken. Hab’ nochmal geschlafen und ein paar Zeitungen gelesen.”

Und so weiter und so weiter. Geschlagene fünf Minuten dauert das “Vlog” der Ministerpräsidentin. Mit grottigem Ton, fetzigen Kameraschwenks und einer seltsamen Fischaugen-Weitwinkel-Optik, die vielleicht Selfie-Nerds entzücken mag, aber der Regierungschefin nun auch nicht unbedingt schmeichelt.

Reality-Soap für junge Leute?

Nach 1’30, mittags – jetzt wirkt Hannelore Kraft immerhin wach – Besuch auf dem Friedhof in Berlin. Zehnter Todestag ihres Vor-vor-Vorgängers im Ministerpräsidentenamt, Johannes Rau.

“Im letzten Jahr war der Kranz nicht da. Da habe ich mich wahnsinnig geärgert”, erfahren wir. Wow! Und später – weil Flug verpasst und Zwangspause auf dem Flughafen – dass sie gerade “den neuen Fitzek” liest. Na immerhin. Schaue ich mir mal an. Vielleicht ist das ja ein Tipp.

Und was soll das jetzt alles? Ich gebe zu: Ich bin 58 und wahrscheinlich ein bisschen altmodisch. Dass Spitzenpolitiker einen Hammer-Job haben, wusste ich auch so schon. Und dass Hannelore Kraft nebenher eine Landtagsrede schreiben kann, während im Fernseher ein aufwühlendes Handballspiel läuft … Respekt! Aber sonst? Erreichen Politiker mutmaßlich junge Leute tatsächlich nur noch durch Reality-Soaps? Durch die Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten, wie sie im Netz täglich millionenfach getwittert, gepostet oder per WhatsApp verschickt werden? Statt Landesmutter zum Anfassen jetzt auch noch Landesmutter zum Mitfühlen?

Die (im wahrsten Sinne des Wortes) ungeschminkten Einblicke in den Alltag einer Politikerin: Ja, okay, das ist mutig. Aber braucht das die Welt? Ich meine nicht.

P.S. Habe Hannelore Krafts Vlog jetzt doch mal abonniert. Aber ob ich wirklich reinschaue … mal sehen.

Über den Autor

Alles, was recht ist, aber langweilig wird es in der Landespolitik nie! Flüchtlinge, Haushalt, Energiepolitik, Umwelt: Ständig tun sich neue politische Baustellen auf, und es gibt immer viel zu berichten. Ich begleite die Landespolitik als Berichterstatter schon seit 1998. Meine wichtigsten Themen sind Umwelt, Energie, Wirtschaft und Verkehr.

4 Kommentare

  1. Frank Gladisch am

    Naja, es ist vielleicht einen Versuch wert. Viele haben vielleicht eine völlig falsche Vorstellung von dem, was eine Ministerpräsidentin den lieben langen Tag so “anstellt”. Man wird kaum von dem Horizont ausgehen dürfen, den diejenigen von der Ministerpräsidentin haben, die sich schon aus beruflichen Gründen mit Politik und/oder Journalismus beschäftigen. Wenn die Vlogs nicht zu banale Inhalte haben, ist das Projekt auch ok. Das Problem ist nur: Wenn jetzt alle, die sehr früh aufstehen müssen und einen stressigen Job haben, einen Vlog machen …. dann säuft man bald im Meer der Vlogs ab. Mal gucken, wie es sich entwickelt, würde ich sagen. Es ist natürlich auch klar, dass es schon zu Beginn die üblichen Nörgler und Bedenkenträger gibt. Gerade erst gestartet und schon ein “Muss das wirklich sein?” und “Und was soll das jetzt alles?”. Kennt man ja. Aber davon sollte man sich nicht irritieren lassen. Ausprobieren hat noch nie geschadet. Danach weiß man mehr.

  2. Johannes Fischer am

    Mit 58 sind Sie nicht altmodisch, Herr Lauscher. Sie sind noch ein richtiger Jungspund, zumindest, wenn man das Durchschnittsalter des WDR Konsumenten von 60+ als Grundlage nimmt und bis dahin haben Sie ja noch ein paar Jahre.

    Insofern ist es fast schon lustig, wenn Sie fragen, ob Politiker junge Leute nur noch mit so modernem Gedöns erreichen, wie es Frau Kraft mit ihrem Vlog versucht. Im Endeffekt machen Sie es als Journalist eines öffentlich-rechtlichen Senders mit Ihrem Blog nicht großartig anders. Sie verzichten lediglich auf die Videosequenzen und kommunizieren stattdessen nur in Schriftform, aber ob sie nun Krafts Vlog abonnieren oder nicht oder ob Sie da in Zukunft nochmal reinschauen werden, interessiert den Gebührenzahler unter 60 vermutlich genauso wenig, wie das Aneinanderreihen von Belanglosigkeiten unserer Ministerpräsidentin.

  3. Hätte der Autor seinen Beitrag genau so begonnen, wenn es ein Politiker und keine Politikerin gewesen wäre? Wohl kaum. Mag sein, dass Hannelore Krafts Vlog verzichtbar ist, aber genau so überflüssig ist dieser Beitrag in meinem Augen.

  4. @ Stefan Lauscher; Welches Ergebnis oder Erkenntnis hat denn Ihre ‘Hannelore Krafts Vlog’ Langzeitstudie gebracht!? 🙂

    @ Johannes Fischer; Ist eigentlich so wie immer, ‘Im Leben kommt es nicht auf die Jahre im Leben an, im Leben kommt es auf das Leben in den Jahren an’. 🙂 Und ansonsten, jeder macht sich so seine Gedanken, zu Diesem und Jenem – Journalisten und Medienvertreter dazu von Berufswegen. 🙂

    Olaf Walter (56), Tuttlingen

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