Hör mir auf mit dem Stress

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Hör mir auf mit dem Stress

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Vielleicht kennen Sie das. Endlich ist es Wochenende. Zeit, sich um private Dinge zu kümmern, mit Freunden etwas zu unternehmen oder mit den Kindern Fußball zu spielen. Und dann klingelt das Telefon, der Chef ist dran. Oder im Handy poppen dienstliche E-Mails auf. Natürlich gehen Sie ans Telefon, und sehr wahrscheinlich öffnen und beantworten Sie die Mails. Aus Freizeit wird in diesem Moment Arbeit, aus Erholung Stress.

Nicht gut, sagt ein vielstimmiger Chor aus Gewerkschaftern, Arbeitsmedizinern und Psychologen. Die Deutschen stehen immer mehr unter Stress, häufen immer mehr Überstunden an, handeln sich vermehrt einen Burn-Out ein. Es müsse etwas gegen den Stress getan werden, heißt es.

Symbolbild Stress am Arbeitsplatz Rechte:dpa

Die SPD hat die Vorlage aufgenommen. Klar, für eine Arbeitnehmerpartei ist das ein dankbares Thema. Vor allem jetzt, da populäre Themen wie der Mindestlohn und die Rente nach 45 Beitragsjahren durchgesetzt sind.

Einer der ersten, die sich zu Wort gemeldet haben, ist NRW-Arbeitsminister und Ex-Gewerkschafter Guntram Schneider. Im August forderte er ein Anti-Stress-Gesetz – oder eine entsprechende Verordnung. Seine Ministerkollegin Andrea Nahles zeigte sich offen für die Idee, spielt aber erst mal auf Zeit. Man wisse zu wenig über die Auswirkung der ständigen Erreichbarkeit auf die Gesundheit von Arbeitnehmern. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin soll den Wissenstand aufarbeiten.

Garrelt Duin gegen Guntram Schneider

Der Koalitionspartner in Berlin schaut derweil mit Argwohn auf das Projekt der Arbeitsministerin. Der CDU-Wirtschaftsflügel äußert sich kritisch, ebenso die Mittelstandsvereinigung der CDU. Tenor: Es gibt bereits ein Arbeitsschutzgesetz, und das muss reichen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl SPD-Chef Sigmar Gabriel als auch der NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin so denken wie die CDU.

Am Montag (08.09.2014) sagte Duin der “Rheinischen Post”, ein Anti-Stress-Gesetz sei unnötig. Schließlich liege es im eigenen Interesse der Unternehmen, ihre Gesundheit und Motivation zu erhalten. Der Staat müsse sich nicht mit einem Gesetz einmischen. Damit stellt sich Duin gegen seine Partei, gegen seinen Kabinettskollegen und vermeintlich gegen die Arbeitnehmer. Aber eben nur vermeintlich.

Ein Kontakt-Verbot nach Feierabend ist unsinnig

Denn mal ehrlich: Ist wirklich ein Gesetz nötig, um die Feierabend-Kontakte zwischen Unternehmen und Mitarbeitern zu regeln? Muss wirklich alles immer mit Verboten geregelt werden statt mit flexiblen Vereinbarungen? Und wie soll so ein Gesetz überhaupt ausgestaltet werden? Ein generelles Kontakt-Verbot von Mitarbeitern nach Feierabend ist ebenso unsinnig wie undurchführbar. Genau wie ein Gesetz mit zig Ausnahmen, dessen Einhaltung niemand überprüfen kann.

Ich meine, Duin hat Recht, wenn er auf die Vernunft der Unternehmen setzt. Es liegt in ihrem Interesse, Mitarbeiter zu halten und vernünftige Rahmenbedingungen anzubieten. Das ist zwar noch nicht in allen Management-Etagen angekommen. Und deshalb ist es gut, wenn Gewerkschaften und meinetwegen auch SPD-Politiker auf das Recht auf Feierabend pochen. Ein Gesetz aber ist überflüssig.

So, und jetzt muss ich Schluss machen. Mein Chef ist am Telefon und will über den Wochenend-Dienst reden.

Über den Autor

Online-Reporter sind im Düsseldorfer Politik-Betrieb immer noch eine Seltenheit. Das hat sich seit 2011, als ich in Düsseldorf angefangen habe, nicht verändert. Ich schreibe, blogge und twittere über alles, was mit Landespolitik zu tun hat. Egal, ob Jagdgesetz, Haushaltsdebatte oder Funkloch-Affäre. Nachzulesen - unter anderem - bei WDR.de.

4 Kommentare

  1. Wir sollten vielleicht lieber dazu übergehen, die Handys ndgültig in dieTonne zu kloppen. Der Rest ergibt sich dann von ganz alleine – in seeliger Entspannung. Alles andere ist aufgeblasener Mumpitz!

  2. Bertram in Mainz am

    Das Problem müssen wir endlich ernst nehmen. Von neuen Gesetzen halte ich wenig. Spezialisten müssen vielleicht für Notfälle erreichbar sein, Wissenschaftler müssen am Wochenende Messwerte ablesen. Letztlich geht es um die Gesamtbelastung! Das Problem ist eine zum Modetrend gewordene Unersättlichkeit! Ganz viel arbeiten, damit man in der immer knapperen Freizeit noch mehr kaufen und erleben kann. Dazu noch ein paar Überstunden oder ein Nebenjob, damit man sich den noch tolleren Urlaub leisten kann. Dieses “mehr, mehr, mehr” ist in alle Breiche des Lebens eingedrungen. Kinder sollen ab Ende 1. Lebensjahr in die Frühförderung für den späteren Arbeitsmarkt, anerkannt wird nur bezahlte Arbeit. Teure Statussymbole sind wieder wichtig. Dazu kommen sinnlose Verpflichtungen, z.B. für die Bürokratie. Da muss sich etwas ändern! Die Gewerkschaften sind gefordert. Auch die wollen immer nur “mehr, mehr, mehr”! Psychologen sagen immer nur “selbst schuld”. Oder wachen die endlich auf?

  3. Handys brauchen nicht in die Tonne, aber viele Leute haben heutzutage lediglich vergessen, dass diese Geräte auch einen Ausschalter haben! Das man diesen nach Feierabend auf seinem Dienst-Gerät auch drückt, sollte selbstverständlich sein, es sei denn, man hat im Arbeitsvertrag Rufbereitschaft stehen (die hoffentlich dann auch vergütet wird, versteht sich..). Ob ich eine Dienst-email am Wochenende lese kann ich mir ja selber einteilen, ich kann sie ja auch kurz lesen und bis Montag ignorieren und dann tätig werden, wenn wieder Dienst ist. Alles nur eine Frage der Selbstdisziplin, mMn. Ich jedenfalls fahre mit diesem System als Wissenschftler, der auch mal am Wochenende ins Büro muss um was abzulesen oder Analysen zu starten, sehr gut. Mit meiner netten Kollegin einmal die Woche essen zu gehen, um über gänzlich undienstliche Dinge zu quatschen, werde ich mir als freier Mensch im freien Land durch kein Gesetz verbieten lassen, solange dies in gegenseitigem Einvernehmen geschieht 😉

  4. Ich dachte ja schon da Thema wär durch. Medialer Aufschrei Große Konzerne und Unternehmen haben gezeigt mit welchen Maßnahmen man den Erreichbarkeitszwang abstellen kann und damit hat sich die Sache. Es kann auch nicht zu viel verlangt sein, dass diese Angelegenheit betriebsintern gelöst wird. Klar es gibt Interessen des AN auf Freizeit und es mag Situationen geben, in denen das Interesse des AG betriebesbedingt überwiegt. Dafür eine Vereinbarung zu finden kann nicht all zu kompliziert sein. Nebenbei zeigen Auswüchse seitens des Arbeitgebers auch einfach nur organisatorische Defizite auf. Eventuell sogar selbst verschuldet. Denen sollte dann eher von den Beteiligten Beachtung geschenkt werden als einem nicht überprüfbaren Gesetz.

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