Wie NRW auf dem SPD-Parteitag die Strippen zieht

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Wie NRW auf dem SPD-Parteitag die Strippen zieht

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“Glückauf aus NRW!” ruft Sebastian Hartmann in den vollen Berliner Saal. Zum Ende seiner kurzen Rede erntet der SPD-Landesvorsitzende dafür eher mäßigen Applaus. Zwar ertönt Beifall aus den gut gefüllten Reihen der NRW-Delegierten, aus den übrigen Landesverbänden ist die Reaktion aber äußerst verhalten. 

Nordrhein-Westfalen hat sich in den letzten Wochen nicht nur Freunde gemacht in der eigenen Partei. Das liegt nur vordergründig daran, dass nunmehr Sozialdemokraten aus dem Westen in der Führungsriege der SPD üppig vertreten sind. Mit dem Kölner Norbert Walter-Borjans an der Parteispitze, einem weiteren Kölner, Rolf Mützenich, als Fraktionschef und Schatzmeister Dietmar Nietan aus Düren dominiert die NRW-SPD nunmehr in der Chefetage. Auch dass der NRW-Landesvorstand die Bewerbung des Duos Esken/Walter-Borjans quasi in letzter Minute durch eine Nominierung erst möglich machte, scheint verziehen. Hingegen ist vielen Genossen inzwischen aufgegangen, wie sehr der mitgliederstärkste Landesverband auch hinter den Kulissen die Fäden gezogen hat. 

Fleißige Helfer aus NRW

Wer auf dem Berliner Parteitag genau hinschaut, dem bleibt nicht verborgen, wie auffällig viele Parteiarbeiter aus Nordrhein-Westfalen geschäftig zu Werke gehen. Am auffälligsten Veith Lemmen, ehemaliger Juso-Chef aus NRW und passionierter Hutträger. Er weicht den beiden Neuen kaum von der Seite. Ein weiterer wichtiger Mitarbeiter der Düsseldorfer Landtagsfraktion steckt dem Kandidatenpaar am Freitagmorgen noch eilig letzte Zettel zu. Auch Fraktionschef Thomas Kutschaty bewegt sich, flankiert durch seinen Stab aus der Landeshauptstadt, selbstbewusst durch die Reihen in der Berliner Messe und zeigt sich sichtlich zufrieden. Ebenso die Juso-Landesvorsitzenden Jessica Rosenthal. Sie gibt sich wenig Mühe, ihre Freude über den Verlauf der Vorsitzendenwahl zu verbergen. Und ein ehemaliger enger Mitarbeiter von Walter-Borjans betrachtet die Szenerie mit Genugtuung aus den hinteren Reihen.

Die Kandidatur des Duos Esken/Walter-Borjans wäre ohne einflussreiche Genossen aus dem Westen womöglich nie zustande gekommen. Von Anfang an haben Mitglieder der Landtagsfraktion aus Düsseldorf und Politiker der Jusos nichts unversucht gelassen, ein Duo ins Rennen zu schicken, das den Durchmarsch von Olaf Scholz und Klara Geywitz an die Parteisitze vereiteln sollte. Mit Erfolg. Und gegen den erklärten Wunsch des Landesvorsitzenden Sebastian Hartmann, der für einen offenen Wettbewerb plädierte und die Wahl allein der Basis überlassen wollte. 

Eigentliche Arbeit beginnt erst

Doch bei aller Zufriedenheit mit dem Erreichten ist den verantwortlichen Strippenziehern vom Rhein inzwischen auch klar, dass die eigentliche Arbeit für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans jetzt erst beginnt. Den roten Teppich hat das Willy-Brandt-Haus, die Berliner SPD-Zentrale, den beiden in Parteifragen eher unerfahrenen Newcomern aus der Provinz dem Vernehmen nach nicht gerade ausgerollt. Im Gegenteil. Welche harte Nuss die alte Tante SPD sein kann, musste schon ein weiterer Genosse aus dem tiefen Westen erfahren. Die Kanzlerträume von Martin Schulz zerschellten nicht zuletzt auch am Beharrungsvermögen des Apparats. 

Und genau dieser Apparat könnte auch für die neuen Vorsitzenden zur Nagelprobe werden. Zu der politischen gesellt sich für die SPD eine ganz praktische Misere: die Finanzen. Schatzmeister Nietan lässt es in seinem Bericht an Deutlichkeit nicht mangeln: “Angesichts der dramatischen Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre muss allen Verantwortlichen im Parteivorstand klar sein, dass wir uns nicht länger den Apparat einer 40-Prozent-Partei mit den Einnahmen einer 20-Prozent-Partei leisten können.” Im Klartext: Ein Viertel des Personals, so sagt ein führender Genosse, müsse gestrichen werden. Angenehme Aufgaben für die Neuen sind das nicht. 

Tücken des Alltags

Ein erfahrener Stratege aus Düsseldorf organisiert dem Duo nun die ersten Tage an der Wilhelmstraße, dem Sitz der Partei. Vielleicht muss er auch länger bleiben. Wie wichtig die Unterstützung ist, zeigt sich im Detail. Als die Reden der beiden designierten Vorsitzenden am Freitagmorgen ausgedruckt werden sollte, streikten alle Geräte. “Lauter Drucker, aber keiner funktionierte,” sagt der Büroleiter. Am Ende fand sich eine Lösung, ganz knapp. Nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Tücken des Alltags in der Hauptstadt.  

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

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