Tag 148: “Vom Angeklagten zum Zeugen”

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Tag 148: “Vom Angeklagten zum Zeugen”

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Jürgen Dressler ist heute 73 Jahre alt. Als er vor fast 10 Jahren Baudezernent der Stadt Duisburg war, sollte seine Abteilung das Veranstaltungsgelände der Loveparade prüfen. Bis Februar 2019 war er noch Angeklagter im Loveparade Prozess. Jetzt ist er Zeuge. Denn seit das Verfahren gegen ihn und sechs andere Angeklagte eingestellt worden ist, darf er die Aussage nicht mehr verweigern.

Jürgen Dressler sagt, dass er auch damals nicht habe schweigen wollen. Als Beschuldigter habe ihm sein Anwalt allerdings geraten nichts zu sagen. Aber auch ein Psychologe habe ihm nach dem Loveparade Unglück den Rat gegeben sich zum Schutz seiner Mitarbeiter nicht in der Presse zu äußern. Dressler unterstreicht in seinen Ausführungen immer wieder die Lage seiner Mitarbeiter und die Fürsorgepflicht, die er ihnen gegenüber wahrgenommen habe. “Wer in  die Nähe von 21 Toten gerückt wird, hat ein psychisches Problem für den Rest seines Lebens”, sagt der Zeuge. Aber eine Schuld bei ihm persönlich oder seinen Mitarbeitern räumt er nicht ein. “Wenn wir herausgefunden hätten, dass unser Dezernat eine Verantwortung für das Unglück gehabt hätte, hätten wir uns gestellt”, führt er fort.

Politische Verantwortung

Aus einem Brief des Zeugen an den damaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland geht hervor, wie er ihn fünf Tage nach der Loveparade Katastrophe zum Rücktritt aufgefordert hat. Auch weitere bisher unveröffentlichte Mitteilungen an den Oberbürgermeister und die Mitarbeiter der Stadt Duisburg zeigen, dass der Zeuge bei der Aufklärung des Unglücks mehr Transparenz gefordert hat. “Ich vermisse alle Signale, Symbole und Initiativen politische Verantwortung zu übernehmen.” Nach dem Unglück sei es in der Stadtverwaltung “chaotisch” gewesen. Die politische Führung habe sich “verdünnisiert”. Die Mitarbeiter seien verunsichert gewesen. Und der Oberbürgermeister habe sich förmlich aufgelöst. Jürgen Dressler macht seinen Unmut über den ehemaligen OB Sauerland und über den Beigeordneten Wolfgang Rabe deutlich. Politisch sei er in einer CDU geführten Stadtverwaltung der einzige Beigeordnete mit SPD-Parteibuch gewesen.

Was bringt die Aussage für den Prozess?

101 Prozesstage war Jürgen Dressler angeklagt. Fast zehn Jahre hat er kein öffentliches Wort über die Katastrophe verloren. Doch die Dinge, die jetzt in seiner Aussage zur Sprache gekommen sind, sind nicht überraschend. Sie geben nur einen gewissen Einblick in das, was damals innerhalb der Stadtverwaltung geschehen ist. Es sind aus meiner Sicht keine Aussagen, die uns im Verfahren gegen die drei verbliebenen Angeklagten wichtige Einsichten liefern. Ein Anwalt drückte es gestern so aus: „Dieser Prozess ist schon lange kein Prozess mehr, sondern ein Untersuchungsausschuss.“ Die Aussage von Jürgen Dressler ist ein weiteres Stück im Puzzle.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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