Tag 176: Reinlassen, nicht reinlassen, reinlassen, nicht reinlassen…

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Tag 176: Reinlassen, nicht reinlassen, reinlassen, nicht reinlassen…

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Das Gericht beschäftigt sich auch heute mit de Frage: Warum sind die Zäune am Westeingang an der Karl-Lehr-Straße geöffnet worden? Der Zeuge, dessen Aussage wir hören, hatte damals an den Einlassanlagen die Taschen der Besucher kontrolliert. Eine leitende Funktion im Sicherheitsdienst hatte er nicht. Er soll jedoch ein Gespräch zwischen dem Bereichsleiter des Westeingangs und einem hochrangigen Polizisten mitbekommen haben, in dem es um die Öffnung der Einlassanlagen gegangen sein soll.

Der geborene Sicherheitsmann

Ich habe jetzt eine Reihe von Männern im Zeugenstand erlebt, die nach eigenen Aussagen bis 2010 im Sicherheitsdienst gearbeitet haben. Doch der Eindruck, den ich von ihnen gewinne, ist ein anderer, den ich zunächst von starken Sicherheitsleuten erwartet hätte. Als sie ihre Erfahrungen aus der Katastrophe vom 24.7.2010 in Worte zu fassenversuchen, wirken sie auf mich sensibel, schüchtern, fast zerbrechlich. Einer möchte die Aussage sogar verweigern. Der Begriff Trauma schwebt in einer Gedankenblase über meinem Kopf. Die Zeugen betonen, dass sie nach dem Unglück keine professionelle Hilfe zur Verarbeitung der Katastrophe bekamen und dass sie seit diesem Ereignis nicht mehr im Sicherheitsdienst arbeiten können. Diese persönlichen Eindrücke vorangestellt, gibt es vom heutigen Prozesstag Folgendes zu berichten.

Wer waren die Polizisten?

Der Zeuge erklärt: “Wir sollten die Leute reinlassen. Später sollten wir die Schleusen schließen. Dann sollten wir wieder Leute reinlassen und dann wieder nicht.” Wann genau die Anweisungen kamen, weiß er nicht mehr. Er arbeitete auf Anweisung, schildert er. Die Anweisungen bekam er von zwei Vorgesetzten, von denen einer bereits im Dezember 2018 ausgesagt hat. Der Zeuge soll mitbekommen haben, wie dieser Vorgesetzte, der Bereichsleiter des Westeingangs, von einem Polizisten die Order bekam, die Besucher unkontrolliert durch die Schleusen in den Tunnel zu lassen. Die zentrale Frage ist: Wer war dieser Polizist? Dem Zeugen werden Portraitfotos verschiedener Beamter gezeigt. Eindeutig identifizieren kann er den Beamten nicht.

Es gibt in diesem Kontext zwei Beamte, die nicht ermittelt werden konnten und für die Aufklärung der Situation von Bedeutung sein können. Ein Polizist, der die Order zum Öffnen gegeben haben soll und ein weiterer, der einem Ordner (dieser hat am 28.01.2020 ausgesagt) das Werkzeug zum Öffnen der Zäune gegeben haben soll.

“Sind die Zäune geöffnet worden, um den Rettungswagen durchzulassen?”

Auch heute werden die Videoaufnahmen von der Einlassanlage näher studiert. Aus der Vogelperspektive ist die Einlassanlage West zu erkennen. Auf dem linken Bildrand sieht man einen Rettungswagen, der sich in der Menge festgefahren zu haben scheint. Der Zeuge sagt, dass die Rettungswagen auf der rechten Seite durch die Rettungsgasse hätten fahren sollen. Doch er weiß nicht mehr, ob das der Grund gewesen ist, aus dem die Zäune beiseite geräumt wurden. Auf der Aufnahme lässt sich jedenfalls erkennen, dass der Rettungswagen nach der Öffnung durchfahren kann, mutmaßlich, weil sich der Druck der Menschenmasse vor dem Fahrzeug auflöst. Bestätigen kann dies der Zeuge nicht.

Viel mehr Input gibt es heute im Prozess nicht. Die Befragung ist nach knapp zwei Stunden beendet. In der nächsten Woche geht es weiter.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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