Tag 178: Prozesstag mit Hindernissen

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Tag 178: Prozesstag mit Hindernissen

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Heute ist der Zeuge pünktlich, aber viel Neues erfahren wir auch heute nicht von ihm. Im Wesentlichen geht es um Zäune und wie sie wo aufgestellt waren. Nach nicht einmal einer halben Stunde ist der ehemalige Ordner und heutige Gärtner entlassen.

Nicht vernehmungsfähig

Der zweite geladene Zeuge kommt nicht. Er hat sich von seinem Arzt ein Attest ausstellen lassen. Der Patient sei schwer zuckerkrank heißt es dort und die Symptome hätten sich mit der Ladung schlagartig verschlechtert. Denn der Mann leide noch immer unter den psychischen Belastungen, die er bei der Loveparade 2010 erlitten habe, er bekomme die Bilder von den Toten nicht wieder aus dem Kopf.

Eine Stunde Video

Der Richter entscheidet, die so gewonnene Zeit zu nutzen, um ein weiteres Video einzuführen. Es sind Aufnahmen aus dem Hubschrauber der Bundespolizei. Wir sehen Gleise, die Autobahn, das Gelände und seine Umgebung. Wie das Gelände voller und voller wird, wie sich die Menschen zum Teil ihre eigenen Wege suchen, um zur Loveparade zu kommen, aber auch, um wieder weg zu kommen. Das Gedränge im Tunnel und auf der Rampe. Wie eine nahezu ohnmächtige junge Frau zur Treppe weiter gereicht und hinauf gezogen wird.

Distanz und Nähe

Wir sehen, wie die Menschen nach dem Öffnen der Vereinzelungsanlagen geradezu wie eine Welle in den Tunnel branden, wie viel Platz abseits von Tunnel und Rampe eigentlich noch auf dem Gelände ist. Und während wir den Überblick haben denke ich an die vergangene Woche und wie beklemmend „Parade 24/7“ im Moerser Schlosstheater war. Das Stück zum Unglück schafft einen Sog, der die Zuschauer ins tödliche Gedränge zieht: Zum Klang von Techno-Beats und nachgesprochenen Polizeifunk-Protokollen werden immer mehr große, schwarze Luftballons zu den Schauspielern auf die Bühne gestopft, bis sie sich kaum noch bewegen können und das aufgespannte Netz zum Zuschauerraum reißt. Erstaunt stelle ich fest, dass mir die gefilmte Realität heute weniger nahe geht als die Fiktion in der vergangenen Woche. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass es die Draufsicht ist. Dinge von oben zu betrachten schafft den Überblick, aber auch Distanz.

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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