Tag 179: „Wir sind fast verzweifelt“

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Tag 179: „Wir sind fast verzweifelt“

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Der heutige Zeuge ist Polizeibeamter. Bei der Loveparade war er im Polizeipräsidium im Einsatz als Leiter einer Führungsgruppe. Übersetzt heißt das: Er war das Bindeglied in der Kommunikationskette zwischen dem für das Gelände verantwortlichen Einsatzleiter und der Stabsstelle, die den gesamten Einsatz – also auch die Zuwege – koordiniert hat. Entscheiden konnte er nichts, er durfte und konnte nicht einmal mit anderen Einheiten in Kontakt treten. Auch nicht, um darum zu bitten, die Vereinzelungsanlagen zu schließen, bis sich das Gedränge in Tunnel und auf der Rampe aufgelöst hätte, betont der Bochumer Beamte immer wieder: „Wir konnten nur Wünsche weiter geben.“ Und zwar an die Stabsstelle.

Ein völlig unbekannter Kollege

Neun Jahre nach dem Unglück sind die Erinnerungen des 59-Jährigen extrem lückenhaft. Allerdings hat er offenkundig ein ausgesprochen gutes Namensgedächtnis, um das ich ihn als ausgewiesene Null in diesem Bereich zwischenzeitlich heftig beneide. Umso erstaunlicher ist, dass er sich an einen Kollegen, der sogar namentlich in von ihm selbst verfassten Plänen steht, überhaupt nicht erinnern kann.

Es tropft

Die Mittagspause wird heute vorgezogen, denn draußen regnet es in Strömen und offenbar hat sich das Wasser seinen Weg gesucht. Ausgerechnet auf den Platz des vorsitzenden Richters, der nach Krankheit zwar wieder vollständig gesundet scheint, aber doch darum bittet, das Leck im Dach während der Pause abzudichten. Ob das schließlich gelungen ist bleibt ungeklärt, aber nach der Pause tropft es nicht mehr – jedenfalls nicht im Saal.
Die Staatsanwaltschaft hat keine Fragen an den Zeugen und auch die Nebenklage hat nur wenige Nachfragen. Dafür legen aber die Verteidiger mit großer Detailfülle und Beharrlichkeit los. Allerdings sind dies alles Fragen, die der Zeuge nicht oder nur in Teilen beantworten kann – er kann sich schlicht nicht erinnern, allenfalls logisch schließen und das soll er ja nicht.

Und der Erkenntnisgewinn?

Am Ende eines mittlerweile außergewöhnlich langen Prozesstages bleiben wenige greifbare Erkenntnisse. Die Kommunikation innerhalb der Polizei aber auch zwischen Polizei und Veranstalter war eine Katastrophe, und die, die einen Überblick über das große Ganze hätten haben sollen, hatten allem Anschein nach keinen. Für mich ist das ein weiterer Aspekt, der zu dem Unglück führte, aber bei Weitem nicht der Einzige und ich bin sehr gespannt auf das, was ab Ende März der Gerichtsgutachter dazu zu sagen hat. Davor liegen aber noch mehrere Verhandlungstage und mehrere Zeugen – zwei davon morgen.

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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