Tag 18: „Fragerei der Verteidigung macht mich wütend“

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Tag 18: „Fragerei der Verteidigung macht mich wütend“

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Heute werden die toxikologischen Gutachten zu den verbliebenen 13 Todesopfern der Loveparade verlesen. Es ist also die Fortsetzung vom vergangenen Montag. Der vorsitzende Richter Mario Plein spult das Startprozedere ab, dann geht es los. Als einziger persönlich anwesender Nebenkläger fällt mir der Vater einer jungen Frau auf, die bei der Loveparade 2010 umgekommen war. Auch ihr Untersuchungsergebnis wird heute verlesen.

„Das fand ich ekelhaft“

Der Vater nimmt das zusammengefasste Untersuchungs-Ergebnis gefasst auf. „Ich wusste ja schon, dass bei meiner Tochter nichts war.“ Ich frage ihn, warum er dann heute hier sei und sich stattdessen nicht eine Verschnaufpause gönnt (es ist schon sein zehnter Prozesstag). Er habe wissen wollen, wie die Verteidigung mit den Untersuchungsergebnissen umgehen würde, antwortet er. In der ersten Prozess-Pause fahren wir gemeinsam mit der Rolltreppe runter ins Foyer. Sein Fazit: „Das fand ich ekelhaft, was die Verteidigung da zum Teil gefragt hat“.

Es geht fast ausschließlich um Drogenkonsum

Für die Verteidiger scheinen die Ergebnisse ohne Befund eher nebensächlich zu sein – keine Nachfragen. Bei den anderen Gutachten sieht es anders aus. In einem Fall geht es um den Cannabiskonsum eines Todesopfers. Vielleicht habe es dadurch die Situation falsch eingeschätzt – die Gefahr nicht erkannt, fragt ein Verteidiger. Immerhin habe Cannabis bekanntlich eine hemmende Wirkung, sagt er und berichtet nebenbei über eigene Joint-Erfahrungen. „Aus rechtsverjährter Zeit“ versteht sich. Ihn mache diese Fragerei der Verteidigung einfach wütend, kommentiert der Vater. Was man damit erreichen wolle. Es gebe auch Todesopfer, die weder Alkohol getrunken noch Drogen genommen hätten.

Eine von mehreren Strategien

Der Gutachter lässt sich auf keine Diskussionen mit den Verteidigern ein. Er sitzt hier, um die medizinischen Fakten zu präsentieren und nicht, um mögliche juristische Zusammenhänge zu bestätigen. „Das Mediziner und Juristen nicht immer die gleiche Sprache sprechen, wissen wir ja“, sagt er kurz. Die Suche der Verteidigung nach möglichen Zusammenhängen gehört zu ihrer Strategie. Könnten die Verteidiger beweisen, dass sich Opfer durch ihren Drogenkonsum selbst in diese Situation gebracht haben, könnte es ihre Mandanten entlasten.

Finanzielle Unterstützung

Seit heute können die Nebenkläger finanzielle Unterstützung beim Land beantragen – so ein Prozess kostet viel Geld. Ob dadurch in Zukunft mehr von ihnen im Prozesssaal sitzen werden? Ich glaube nicht, denn es sind wohl kaum die Kosten, die sie abhalten. Die emotionale Belastung macht diesen Gang für sie so schwer. Im letzten Prozessdrittel schweift mein Blick kurz über die Reihen der Nebenkläger. Auf dem Platz des Vaters, mit dem ich vorhin noch gesprochen hatte, sehe ich ihn nicht mehr. „Vielleicht ist er nach Hause gegangen“, denke ich. Es war ein harter Tag.

Über den Autor

1982 im Ruhrgebiet geboren. Nach dem Volontariat ging es für knapp drei Jahre nach Berlin. Dort unter anderem Nachrichtenredakteur beim rbb. Seit 2017 wieder zu Hause im Ruhrgebiet, beim WDR.

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