Tag 43: Druck

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Wieso wurde die Loveparade 2010 in Duisburg genehmigt? Enge Zugangsstraßen, dazu der Zutritt nur über Tunnel und Rampe. Heute sind sich viele einig, dass das Event an diesem Ort eigentlich gar nicht hätte stattfinden dürfen. Am Ende gab es eine Massenpanik mit 21 Toten.

Der heutige Zeuge, ein 68 Jahre alter Pensionär, der bis 2014 Duisburgs Ordnungsamt leitete, wiederholt oft ein Wort, um die Vorgeschichte der Katastrophe zu erzählen: „Druck“.

Bloß kein „Shitstorm“

Druck hätten damals Medien ausgeübt, berichtet der Ex-Amtsleiter im Zeugenstand. Bochum habe 2009 einen „Shitstorm“ erlebt, weil die Loveparade wegen Sicherheitsbedenken abgeblasen wurde. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 sei der Druck auf Duisburg umso größer gewesen.

Der Zeuge spricht unbefangen, manchmal fast im Ruhrpott-Plauderton, ohne lange Gedankenpausen. Seine Arme ruhen locker auf dem Tisch vor ihm. Die Hände hebt er manchmal leicht, wenn er redet.

Land gab bereitwillig Geld

Auch die damalige CDU/FDP-Landesregierung in Düsseldorf habe deutlich gemacht, dass sie die Veranstaltung wollte – wenn auch subtiler. „Es wurde nicht gesagt“, so der Zeuge, aber allein die vom Land ungewöhnlich reibungslos bereitgestellten Finanzmittel in sechsstelliger Höhe hätten gezeigt, dass die Loveparade erwünscht war.

Gegendruck

Der Zeuge war nach eigenen Angaben schon sehr früh ein Gegner der Loveparade in Duisburg. In Briefen und Aktenvermerken, die vor Gericht verlesen werden, wird klar, wie oft er vor den Risiken warnte. Doch der zuständige Beigeordnete habe deutlich gemacht, dass die Veranstaltung nicht abgesagt werden solle, so der Zeuge.

An einer Stelle seiner Aussage philosophiert der Zeuge, dass Druck nicht immer negativ sein müsse. Er habe Mitarbeiter manchmal „dreimal am Tag gefragt, wann etwas fertig wird“, sagt er. Zum konkreten Fall Loveparade: „Natürlich war der Druck groß. Aber wir wurden nie gezwungen, etwas Unrechtes zu tun“, so der Zeuge.

Der Zeuge berichtet, wie er versucht habe, ebenfalls Druck aufzubauen – Gegendruck. Mit immer neuer Kritik am zu kleinen Gelände zum Beispiel. „Weil ich immer noch die Hoffnung hatte, dass die Loveparade abgesagt wird“. Doch er drang mit seinen Bedenken nicht durch. Der Dezernent habe Probleme „nicht nach oben weitertransportiert“. Aus seiner zweitägigen Aussage ist ja auch bekannt, dass Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sich kaum um die Planungen kümmerte. Am nächsten Prozesstag wird der Zeuge weiter berichten, was vor der Loveparade in der Duisburger Verwaltung ablief.

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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