Tag 46: Zeugin ohne Erinnerung

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Tag 46: Zeugin ohne Erinnerung

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“Boah, ist das lange her“, murmelt die Zeugin vor sich hin. Das Mikrofon trägt auch ihre leise dahingesagten Worte in den ganzen Saal. “Da muss ich wirklich graben“, grübelt die 59-Jährige, “Ich krieg das alles nicht mehr zusammen, weil – das war so viel“, antwortet sie auf eine Frage von Richter Mario Plein. Oder “Kann sein, ich weiß es nicht genau“, heißt es auf eine andere Frage.

Zwei Tage sind für diese Zeugenbefragung eingeplant und bereits nach den ersten 60 Minuten treten so große Erinnerungslücken auf, dass ich zweifle, ob wir mehr als den heutigen Tag für die Aussage brauchen werden. Doch der Richter lässt sich nicht beirren und führt die Befragung fort.

Im Zeugenstand sitzt eine Beamtin der Stadt Duisburg. Seit zweieinhalb Jahren sei sie krankgeschrieben. Ob die Krankschreibung in Zusammenhang mit der Loveparade Katastrophe steht, erfahren wir nicht. Auch nicht, ob es einen Zusammenhang zwischen ihrer Erkrankung und den Erinnerungslücken gibt.

Die Koordinatorin

Es ist schade, dass sie sich an so wenig erinnert, oder erinnern will. Ich möchte ihr nichts unterstellen, doch glaubwürdig erscheint mir das Ganze nicht. Denn die Zeugin war, wie sie selbst berichtet, nicht nur als Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, sondern auch als Koordinatorin der einzelnen Arbeitsgruppen in die Planung involviert.

Wir erfahren, dass wichtige Mails an sie gegangen sind und sie diese dann an die betreffenden Personen weitergeleitet hat.

Sie will bei so vielen Begehungen der Zu- und Abwege dabei gewesen sein, dass sie sie nach eigener Aussage nicht mehr auseinanderhalten könne. Vielleicht weiß sie zu viel, denke ich. Oder sie hat alles verdrängt.

Die Sicherheitsexpertin und Protokollantin

Als Mitglied der Arbeitsgruppe Sicherheit soll sie nicht nur an wichtigen Sitzungen teilgenommen, sondern auch die Protokolle geschrieben haben. Doch immer dann, wenn Richter Mario Pleins Fragen konkret werden, kann oder will sie sich nicht erinnern. Oft verstrickt sie sich in spekulative Äußerungen. Immer wieder wird sie vom Richter und den Anwälten darauf hingewiesen, dass sie besser sagen soll, dass sie sich nicht erinnern könne, statt ellenlange Sätze voller Konjunktive zu bilden und Vermutungen anzustellen.

Dabei hat die Zeugin nichts zu befürchten, denke ich. Denn es ist klar, dass sie keine Entscheidungsträgerin gewesen ist. Dennoch hat sie als eine Art Knotenpunkt zwischen den Arbeitsgruppen fungiert und muss jede Menge gewusst haben. Die ideale Zeugin also? Leider nicht.

Am Ende des Tages stellt sich für mich heraus, dass der heutige Tag wieder mal eine Chance gewesen wäre, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Fehler möglicherweise in der Planungsphase gemacht wurden. Geholfen hat die Zeugin dabei bisher nicht. Dass das Gericht sich aufgrund ihrer Aufgaben viel mehr von ihr erhofft und zwei Tage für die Befragung eingeplant hat, kann ich nachvollziehen.

Vielleicht kehrt ihre Erinnerung morgen zurück, wenn die Nebenkläger sie befragen.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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