Tag 68: Aaaaha!

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Tag 68: Aaaaha!

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Die Zeugenbefragung durch den Richter wurde gestern abgeschlossen, heute liegt sie zunächst bei der Staatsanwaltschaft. Und der Zeuge überrascht mich. Gestern war er noch sehr auskunftsfreudig, heute ist er wesentlich knapper in seinen Antworten. Zwar habe ich nie einen Polizei-Großeinsatz geleitet, weiß also nicht, was normal ist. Dennoch vermittelt sich mir persönlich der Eindruck, dass sich der ehemalige Einsatzleiter der Polizei im Vorfeld eher rudimentär mit dem anstehenden Großereignis auseinandergesetzt hat. Auch während des Einsatzes schien er wenig mit den konkreten Dingen befasst gewesen zu sein, obwohl die Gesamtkoordination bei ihm lag.

Wenig Überraschendes von den Verteidigern

Als die Verteidiger das Fragen übernehmen bin ich zunehmend irritiert. Dass die Anwältin eines Lopavent-Mitarbeiters versuchen wird, den Zeugen auf eine falsche Behauptung festzunageln, hatte ich mir schon gedacht. Ich sitze schräg hinter ihr und ihrem Mandanten. Als der Zeuge gestern erklärte, man habe die kleinere der beiden ursprünglich abgesperrten Rampen zunächst nicht für das Publikum öffnen können, weil ein Schlüssel für den Zaun gefehlt habe, sah ich ihren Mandanten ostentativ in ungläubiges Gelächter ausbrechen. Der Anwalt eines anderen Lopavent-Mitarbeiters hatte auch schon vorher immer wieder Zeugenaussagen süffisant kommentiert. Heute belehrt er den Zeugen zudem, er habe hier nicht die Welt zu erklären, sondern Fragen zu beantworten.

Viel Schaum

Natürlich soll die Schau den Blick auf mögliche Polizeifehler lenken, das war ja von Beginn des Prozesses an die Linie der Verteidigung. Aber der Zeuge war selbst mal Beschuldigter, die Ermittlungen gegen ihn wurden jedoch eingestellt. Für wen also die Schaumschlägerei? Schließlich muss hier niemand eine Geschworenengruppe überzeugen!

Wo ist der Erkenntnisgewinn?

Meinen persönlichen Höhepunkt erreicht die „Schaumparty“ bei der Befragung durch einen anderen Verteidiger. Der legt das Protokoll einer Duisburger Polizeibeiratssitzung vom 28. Juli 2010 vor, an der der Zeuge teilgenommen hat. Dieser soll nun die Powerpoint-Folien aus dem dort gehaltenen Vortrag erklären, den allerdings ein anderer Polizeibeamter gehalten hatte. Das ist deswegen erstaunlich, weil der Zeuge doch zuvor immer wieder aufgefordert wurde, nicht zu interpretieren, sondern nur auf Fragen zu antworten und.

Der Subtext dieses Aktes im heutigen Prozessdrama – ohne mit der Zusammensetzung des Gremiums oder mit anderen Einzelheiten langweilen zu wollen – ist politisch und geht in Richtung des damaligen SPD-Innenministers Ralf Jäger und dessen Behauptung, die Polizei habe keine Fehler gemacht. Diese Volte nützt aber heute, so finde ich, keinem mehr. Nicht dem Gericht, nicht den Angeklagten und am allerwenigsten den 21 Toten vom 24. Juli 2010.
Aber all das dauert – und deshalb muss der Zeuge in der kommenden Woche noch mal vor Gericht erscheinen.

 

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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