Tag 81: Warum Polizeiketten?

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Tag 81: Warum Polizeiketten?

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“Es darf im Tunnel keinen Stillstand geben.“ Das hat bisher jeder Zeuge gesagt, der mit der Planung der Loveparade zu tun hatte. Und dennoch ist es genau dazu gekommen. Mehr noch – es hat Polizeiketten gegeben, die die Menschen im kritischen Bereich aufhielten. Heute sagt der Polizist aus, der diese Polizeiketten veranlasst hat. Seine Aussage ist wichtig. Die Polizeiketten werden von einigen Verteidigern ursächlich für die Katastrophe verantwortlich gemacht. Die Verteidiger haben später die Gelegenheit diese Vorwürfe in der Befragung des Zeugen aufzunehmen. Bemerkenswert heute, der Polizeibeamte kommt relativ schnell  zur Sache und erklärt, wie es zu den Blockaden auf der Rampe und im Tunnel kam.

Wer wollte Polizeiketten?

Die Idee für Sperren soll der Crowd Manager gehabt haben. Der Zeuge sagt, dass sie beide sich gemeinsam im Container am Aufgang zur Rampe befanden. Da soll die Lage bereits angespannt gewesen sein. Der Crowd Manager habe zwei Maßnahmen zur Auflösung des Staus vorgeschlagen.

Der Plan

Erstens sollten die Vereinzelungsanlagen an den Tunneleingängen komplett geschlossen werden, um das Nachströmen in den Tunnel zu verhindern. Zweitens sollte eine Polizeikette in der Mitte der Rampe errichtet werden. Dann sollten die Ordner des Veranstalters die Leute oberhalb der Sperre auf das Gelände schieben und verteilen. Die ganze Aktion sollte nur 10 Minuten dauern, sagt der Beamte. Der Crowd Manager habe gesagt, dass er so etwas schon einmal gemacht habe.

Komplikationen

Zur Unterstützung dieser Maßnahme wurden weitere Polizeiketten an anderen Stellen errichtet. Doch die Menschenmasse am Eingang des Geländes ließ sich nicht verteilen. Der Druck innerhalb und außerhalb des Tunnels wurde immer größer. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren war gestört und Vieles mehr. Welche Rolle die Polizeiketten bei der Katastrophe spielten, kann wohl nur das mehrere Tausend Seiten umfassende Gutachten des Sachverständigen Gerlach leisten, das im Prozess noch nicht öffentlich eingeführt worden ist. Es soll belegen, dass die Polizeikette das Unglück mit ausgelöst habe. Innerhalb dieses Blogeintrags versuche ich mich jedoch eng an die Aussage des Zeugen zu halten und mich nicht immer wieder zu der Frage hinreißen zu lassen: “Wer war eigentlich schuld?” Zurück zum Zeugen.

Überblick verloren

Der Zeuge berichtet, dass es ihm nicht mehr möglich war Kontakt zu seinen Kollegen aufzunehmen.  „ Ich konnte nicht funken, nicht telefonieren, weil es so laut war. Die Leute kletterten auf den Container und liefen darüber.“ Da habe er beschlossen selbst raufzuklettern. Oben angekommen, habe er gedacht: „Meine Güte, hast du dich so verschätzt?” Dann habe er angefangen mit Handzeichen und Blickkontakt seine Kollegen und die Menschen zu steuern. Diesen Zustand nennt er “Polizeiarbeit aus der Steinzeit”. Es habe nicht funktioniert. Dann habe er versucht den Polizeibus, der durch die Menge fuhr, dazu zu bewegen Lautsprecherdurchsagen zu machen. Auch das sei nicht gelungen. Er schließt seine freie Schilderung des Geschehens mit den Worten: “Irgendwann ist die Personenmenge abgeflossen – und dann. – Dann lagen die Toten da.”

Eindruck

Der Zeuge wirkt angespannt, aber er gibt Antworten und zieht kaum den “Ich kann mich nicht mehr erinnern”-Joker. Er trägt keine Polizeiuniform und hat auch keinen Anwalt dabei. Den Blick senkt er meistens auf den Tisch und zu Beginn der Verhandlung wird er häufig gebeten lauter zu sprechen. In den vergangenen acht Jahren habe er sich täglich mit der Katastrophe auseinandergesetzt. Heute hatte er Gelegenheit einzig und allein seine Sicht der Dinge darzustellen. Dabei haben sich Widersprüche zu vorangegangenen Zeugenaussagen ergeben, die am morgigen Verhandlungstag sicher aufgegriffen werden.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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