Tag 92: Ein grauer Tag

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Tag 92: Ein grauer Tag

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Ein grauhaariger Mann im Anzug sitzt vor dem Richter und macht seine Zeugenaussage. Dabei formuliert er Sätze, die man direkt mitschreiben und als Erlass des Bauministeriums ausdrucken könnte. Das ist ja auch sein Job. Was er mit dem Loveparade-Prozess zu tun hat? Das erschließt sich erst, wenn man sich auch den ersten Tag seiner Zeugenvernehmung anschaut, an dem meine Kollegin Doro Blome-Müller gebloggt hat.

Man muss bei der Befragung des Zeugen durch die Staatsanwaltschaft und Verteidigung heute ganz besonders gut hinhören. Vor allem, da selbst einige der Fragen so kompliziert formuliert sind, dass sie vorgelesen werden. Außerdem ist die Befragung der Zeugen allgemein streng geregelt. Schlussfolgerungen sind beispielsweise nicht erlaubt. Es wird immer nur behandelt, woran sich dieser eine Zeuge noch erinnern kann. Teilweise erst Wochen später geben die Anwälte dann Erklärungen zu den Zeugen ab, in denen sie die Aussagen in einen größeren Kontext setzen.

Das Sicherheitskonzept – Prüfen oder nicht prüfen. Das ist hier die Frage.

Der Zeuge soll unter anderem zur Klärung der Frage beitragen, ob die Vertreter des Baudezernats damals die Aufgabe hatten, das von der Veranstalterfirma Lopavent erstellte Sicherheitskonzept zu prüfen. Klare Frage, oder? Die Antwort lautet: “Ein Sicherheitskonzept ist keine Bauvorlage.” so der Zeuge. Das kann heißen, dass das Baudezernat der Stadt Duisburg nicht die Aufgabe hatte das Sicherheitskonzept zu prüfen. Das muss es aber nicht. Es scheint in diesem Fall keine klaren Vorgaben zu geben. Die vorhandenen Regeln lassen sich scheinbar auch nicht auf das Gelände der Loveparade übertragen. Das führt zumindest der Zeuge aus.

Die Überwachungskameras

Zum Schluss wird noch ein Stummfilm gezeigt. So kommt es mir jedenfalls vor. Ich wünschte er wäre schwarz-weiß. Dann würde er weiter weg und weniger grausam erscheinen.

Das Saallicht wird gedimmt. Es ist still. Auf der Leinwand sieht man im Zeitraffer einen Teil des Tunnels. Es sind die Bilder einer Überwachungskamera. Sie muss an einem Zaun am weißen Container vor der Rampe befestigt gewesen sein. Sie zeigt Menschen, die aus Richtung Grabenstraße kommen und links an der Kamera vorbei auf die Rampe wollen.

Die Aufzeichnung startet etwa um 13 Uhr. Ich sehe Menschen durch den Tunnel laufen, die durch den Zeitraffer so wirken, wie in alten Stummfilmen. Anfangs ist noch viel Platz. Mal fallen mir kleine Grüppchen auf, die alle die gleichen T-Shirts tragen. Ein Pärchen läuft Arm in Arm knutschend den Tunnel entlang. Da sind Polizeibeamte, und Eltern mit Kindern und eine Rollstuhlfahrerin.  Manche Leute bleiben stehen, telefonieren, zünden sich eine Zigarette an, setzen sich auf den Bordstein und trinken mitgebrachte bunte Mixgetränke aus großen Plastikflaschen. Es fahren Rettungswagen und Mannschaftswagen der Polizei durch die Leute. Die Menschen wirken entspannt. Die einen laufen rauf zum Gelände, die anderen aus dem Tunnel raus.

Gegen 16 Uhr wird der Zugang in den Tunnel geschlossen. Das erkenne ich daran, dass irgendwann nur noch Leute zu sehen sind, die raus wollen.

Etwa eine Viertelstunde später werden die Einlässe geöffnet und man sieht wie Menschen auf die Kamera zuströmen. Das Gedränge wird immer größer. Die Kameraperspektive ändert sich plötzlich. Erst sieht man einzelne Leute im Gedränge. Dann ändert sich die Perspektive erneut. Die Kamera zeigt hinunter und man sieht Menschen, die versuchen einen Zaun hochzuklettern. Der Zaun verbiegt sich und am Boden liegen jede Menge Rucksäcke. Dann ist das Video zu Ende.

Für mich ist heute ein grauer Tag im Prozess. Einer, an dem schwarz und weiß ineinander laufen. Es ist ein Prozesstag, an dem die vielen Phrasen in gepflegtem beamtendeutsch über Sicherheitskonzepte und Sonderbauverordnungen in krassem Gegensatz zu dem Stummfilm aus dem Unglückstunnel stehen.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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