Tag eins: Das lange Warten

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Tag eins: Das lange Warten

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Siebeneinhalb Jahre hat es gedauert bis zum Beginn des Loveparade-Prozesses. An diesem Freitag geht das lange Warten weiter. Wegen „organisatorischer Probleme“, so ein Gerichtssprecher, verzögert sich der Auftakt. Details werden nicht genannt.

Der Vorsitzende Richter Mario Plein eröffnet mit 45 Minuten Verspätung die Verhandlung – mit der Feststellung der Anwesenheit. Alle zehn Angeklagten sind da. Auch zahlreiche Nebenkläger – darunter Angehörige der 21 Todesopfer – sind erschienen.

Viele Zuschauerplätze bleiben leer. Einer der Angeklagten versteckt sich hinter einer Aktenmappe. Leise surrt die Belüftung. Nach wenigen Minuten folgt schon eine Unterbrechung. Die Kamera-Technik im Saal funktioniert nicht. Immer wieder kommt es zu Sitzungspausen – unter anderem wegen Befangenheitsanträgen der Verteidiger.

Der Gerichtssaal in Düsseldorf ist eigentlich ein großer Kongress- oder Veranstaltungsraum. Sonst finden hier Parteitage oder Konzerte statt. Heute ist alles anders. Der improvisierte Gerichtssaal ist mit grauen Raumteilern hergerichtet. Der große Andrang, mit dem viele gerechnet hatten, ist zumindest an diesem ersten Prozesstag ausgeblieben.

In der Mittagspause treffen sich die Prozess-Beteiligten in einer kleinen Cafeteria. Man hört auch italienische und spanische Unterhaltungen. Es gibt Bockwurst und Brötchen. Es ist ein zäher erster Tag im Loveparade-Prozess: Erst um kurz vor 16 Uhr beginnt die Vorlesung der Anklageschrift.

Die Stunde der Anklage

Einige Nebenkläger sind schon müde gegangen. Aber es folgen die bewegendsten Minuten des ganzen Tages. Fast eine halbe Stunde lang schildert die Staatsanwaltschaft in trockenem Juristendeutsch, wie es zur Katastrophe kam und wer aus sicht der Anklage daran schuld ist.

Es ist absolut still im Verhandlungssaal, als der Ankläger die Schicksale der Opfer vorträgt: Wer wann warum in welchem Krankenhaus gestorben ist. Selbst die exakte Uhrzeit fehlt nicht. Und obwohl das alles sehr nüchtern vorgetragen wird, läuft wohl bei jedem im Saal ein innerer Film ab, der eine Gänsehaut hinterlässt.

 

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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