Zweitausend Sprachen und mehr

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Zweitausend Sprachen und mehr

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“Crossing Borders” – das toll kuratierte und besetzte Literaturfestival zum zehnjährigen Jubiläum der Lesereihe “Stimmen Afrikas” findet vom 6. bis zum 9. November in Köln statt; Programm siehe HIER. Hinter “Stimmen Afrikas” steckt die Literaturwissenschaftlerin und Dramaturgin Christa Morgenrath, die lange auch als Entwicklungshelferin in Westafrika gearbeitet hat. Ein Gespräch mit der Initiatorin und Leiterin dieses besonderen Projektes.

“Stimmen Afrikas”, wer genau kommt da auf welche Weise zum Klingen? Wie entstand denn die Idee?

Hier kommen die literarischen Stimmen von Afrikaner*innen und Afrikanern mit ihren eigenen Geschichten, mit ihren eigenen Helden und Erzählweisen zum Klingen.
Die Idee entstand aus Begeisterung für die Erzählkunst aus Afrika und der afrikanischen Diaspora und aus glücklichem Zufall: eine damals (2009) kleine, aber feine Sammlung afrikanischer Belltristik, überwiegend aus privaten Spenden zusammengetragen, befand sich im Allerweltshaus Köln. Damit mehr Menschen diese tollen und hierzulande weitgehend unbekannten Bücher kennenlernten, starteten wir die Literaturreihe.

10 Jahre mit dieser Veranstaltungsreihe, hättest Du das damals erwartet?

Nein, das hätte ich nicht zu träumen gewagt. Es war ja auch überraschend, dass sich immer mehr Literatur und politisch interessierte Besucher*innen einfanden und sich so eine Kontinuität entwickeln konnte.

Schriftsteller*innen aus afrikanischen Ländern nach Deutschland zu organisieren, das ist garantiert nicht immer ganz einfach, oder?

Ja und nein. Es ist schwierig, weil man weit im Voraus planen, viele Faktoren wie Reisen und Visa etc. berücksichtigen und dafür immer wieder finanzielle Mittel aquirieren muss. Nein, weil wir immer eine lange Wunschliste haben, mit vielen Akteuren der Szene und auch den Verlagen gut vernetzt sind.

Welche Begegnungen sind Dir besonders in Erinnerung geblieben, wer hat Dich beeindruckt?

Unvergesslich sind Veranstaltungen und Begegnungen mit Ngugi wa Thiong’o oder auch mit Chimamanda Ngozi Adichie. Beeindruckend fand ich aber auch junge Talente wie Chinelo Okparanta oder Tope Folarin, die ganz eigene Sujets behandeln und auch stilistisch eigene Wege gehen. Die Courage, sich mit einer eigenen Stimme zu unbequemen Themen wie Homosexualität oder religiösem Fanatismus zu Wort zu melden, finde ich bewundernswert. Dieses unmittelbare Erlebnis macht mir große Freude und auch Hoffnung.

Ihr seid mal an kleineren, mal an großen Veranstaltungsorten – was ist besser?

Größe und Charakter der Räume versuchen wir immer auf die literarischen Themen und die individuellen Autor*innen abzustimmen. Wichtig ist uns, dass man diese Stimmen an verschiedenen Orten und im Umfeld unterschiedlicher Publikumskreise vernehmen kann.

Was findest Du – mit dem Überblick, den Du jetzt zwangsläufig hast – in den afrikanischen Literaturen?

Ich finde hier andere und ganz anders erzählte Geschichten, die mich in kulturelle und gesellschaftliche Sphären führen, die mir sonst verschlossen bleiben würden. Wie sonst sollte ich mich als westliche Frau z.B. in die Verhältnisse einer polygamen Ehe hineindenken? Mich interessieren diese Innenansichten und die andere Perspektive auf menschliches Zusammenleben, das wir uns im “freiheitlichen” und das Individuum anbetenden Westen nicht vorstellen können.

Gibt es bestimmte prägende Themen, die man konzentriert findet?

Das kann ich bei der Fülle nicht wirklich beurteilen. Eine große Rolle spielt nach wie vor der Kolonialismus und die Nachwirkungen dieser Fremdherrschaft in all seinen Facetten. Es geht oft darum die konkreten, alltäglichen Geschichten auszugraben, die sich unter diesem Joch zugetragen haben. In anderen Texten wird die Gegenwart, die sich daraus entwickelt hat, analysiert und auch selbstkritisch und humorvoll betrachet. Hier wird dann auch an Tabus wie Homosexualität und Xenophobie oder Genderfragen gerüttelt.

Was hat sich geändert in den 10 Jahren?

Es wird insgesamt mehr geschrieben oder zumindest veröffentlicht und auch mehr übersetzt und zwar sowohl in Afrika als auch in Europa und den USA. Auch sehr gute Sachbücher übrigens. Das sind keine gigantischen Zuwachsraten, aber jedes gute Buch mehr, das seine Leser findet, bringt doch mehr Vielfalt und Bewegung in die Welt.

So wahnsinnig präsent waren und sind afrikanische Schreibende nicht auf dem deutschen Buchmarkt. Wie kommst Du denn auf spannende Gäste?

Durch Verlage, Blogs und Online-Plattformen, durch Empfehlungen von Autor*innen und Kolleg*innen.

10 Jahre „Stimmen Afrikas“, wie wollt Ihr das denn feiern?

In vier Tagen mit 35 Gästen aus 19 Ländern – Schriftsteller*innen, Literaturexpert*innen, Übersetzer*innen -, darunter Susan Kiguli (Uganda), Sarah Ladipoh Manyika (Nigeria), Fiston Mwanza Mujila (DR Kongo). Sie werden sich untereinander und mit den Besucher*innen über Mehrsprachigkeit, die Kunst der literarischen und der kulturellen Übersetzung austauschen. Im Unesco-Jahr der indigenen Sprachen wollen wir damit auch auf die über 2000 afrikanischen Sprachen aufmerksam machen. Und natürlich wollen wir in Lesungen und Performances die farbenprächtige, anrührende und auch humorvolle Schönheit der afrikanischen Erzählkunst erlebbar machen.

Bibi Bakare-Yusuf hat das Ganze co-kuratiert. Wer ist sie? und was hat sie geplant?

Die Nigerianerin Bibi Bakare-Yusuf ist Mitbegründerin und Verlagsleiterin von Cassava Republic Press und eine gefragte Gender- und Forschungsberaterin und Expertin auf akademischen Konferenzen. Sie ist Yale World Fellow, Desmond Tutu Fellow und Frankfurter Buchmesse Fellow. – Eine tolle, hoch engagierte und kluge Frau, die viel in der afrikanischen Literaturszene bewegt. Sie hat uns viele der hochkarätigen und spanneden Gäste vermittelt, so z.B. Wangui Wa Goro, die literarische Schwergewichte wie Ngugi wa Thiong’o oder Veronique Tadjo übersetzt hat.

Und dann – die nächsten zehn Jahre?

Klar, wenn man uns weiter und angemessen unterstützt, um hier tolle Leute vorzustellen und die auch in Deutschland wachsende Szene sicht- und hörbach zu machen!

Und nicht zuletzt noch ein paar Lesetipps von Christa Morgenrath. Ihre momentanen Favoriten der afrikanischen Literaturen – denn die Liste der Lieblingsbücher ist wandelbar, sagt sie:

“Die Nächte des großen Jägers” von Ahmadou Kourouma
“Hinter uns der Regen” von Veronique Tadjo
“Menschenkind” von Toni Morrison
“Von dieser Welt” von James Baldwin
“Tram 83” von Fiston Mwanza Mujila
“Black Mamba Boy” von Nadifa Mohamed
“Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt” von Sarah Ladipoh Manyika

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