Aus der Karibik

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Aus der Karibik

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Zwei Klassiker der Migrationsliteratur, die erstmals auf Deutsch erscheinen: „Die Taugenichtse“ von Samuel Selvon und „Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden“ von Dany Laferrière.

Samuel Selvon: Die Taugenichtse (dtv, Euro 18)

Moses Aleotta war einer der ersten, irgendwann Ende der 1940er, Anfang der 50er Jahre kam er aus Trinidad und Tobago, aus der englischsprachigen Karibik also, nach London, um dort sein Glück zu finden. Nun lebt er schon ein paar Jahre in der nebligen Hauptstadt des Empires – und ist eine Art Portier für Neuankömmlinge: Immer wieder Mal bekommt er die Info, dass der Bekannte eines Bekannten dann und dann in Waterloo ankommen wird, er, als etablierter Londoner, möge sie bitte kümmern. Mit dem Etabliertsein ist es allerdings so eine Sache: Moses hat zwar einen Job, aber heimisch ist er nicht wirklich geworden, er lebt immer noch in einem Kellerzimmer, er hat Heimweh – und die Londoner, die Weißen, sie mögen „die Mokkas“ nicht, das ist unverkennbar, alle hetzen gegen die Einwanderer. Trotzdem kommen immer neue Landsleute, mitunter ganze Familien, vor allem aber junge Typen. So wie Henry Oliver Esquire, genannt Sir Galahad, den Moses am Anfang dieses Romans empfängt, bevor´s dann ab nach Bayswater und vor allem mitten hinein in die wachsende karibische Community geht…

Samuel Selvon, geboren 1923, gestorben 1994, kam selbst Anfang 1950er Jahre aus Trinidad nach London, er fand Arbeit bei der indischen Botschaft. Moses, der sich mit einem Job in einer Fabrik für Küchenartikel durchschlägt, trägt ganz eindeutig Züge eines Alter Egos des Autors, insbesondere durch eine letzte Wendung der Geschichte ganz am Schluss. „Die Taugenichtse“ erschien in England erstmals 1956, gut 60 Jahre später gibt’s nun auch hierzulande diesen Klassiker der Migrationsliteratur zu entdecken. Ein luftiger und „frischer“ Roman, der erstaunlich zeitgemäß anmutet, thematisch, aber auch in der literarischen bzw. insbesondere der sprachlichen Gestaltung. Selvon ist ein Könner der Reduktion, ihm genügen wenige Striche, um ganze Milieus auszuleuchten; er lässt den Witz an allen Ecken und Enden blühen trotz der nun nicht eben wirklich amüsanten Lebensumstände der Helden. Und er hat über weite Strecke des Romans Wendungen aus dem Kreolischen ins Englische übertragen, was gut funktioniert – und von der Übersetzerin Miriam Mandelkow toll ins Deutsche übertragen wird.

Dany Laferrière: Die Kunst einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden

Zunächst mal eine Entwarnung: Im Gegensatz zu seinem Titel ist dieser Roman kurz und knapp und vor allem ziemlich knackig. Dany Laferrière erzählt zwei Mittzwanzigern, die aus Haiti stammen und nach Montreal/Kanada ausgewandert sind; in Haiti herrscht zur erzählten Zeit Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre der Diktator „Baby Dog“, dessen Schreckensherrschaft viele ins Exil trieb.

Zusammen leben die beiden Typen jedenfalls in einer kleinen Bruchbude von Zimmer im Quartier Latin. Der eine verlässt das Zimmer kaum; er hört Jazz, liest Freud und den Koran, wenn er nicht schläft zumindest, was die meiste Zeit der Fall ist. Der andere ist viel unterwegs, lässt sich durch die Stadt treiben, träumt davon Schriftsteller zu werden, eine alte Schreibmaschine ist sein einziger Besitz. Was die beiden gemeinsam haben: großes Interesse an hübschen jungen Frauen von der benachbarten Universität, die denn auch reihenweise in ihrem Zimmer zu Besuch sind. Die beiden Typen bezeichnen die Frauen nach dem, wofür sie stehen – eine Zeit lang ist zum Beispiel Miz Literature angesagt, die an der Uni Literaturwissenschaften studiert, aber es gibt auch eine Miz Hachette, eine Miz Suizid und so weiter. Zwei Hänger also (die letztlich nur an Sex denken und denselben auch ausgiebig pflegen), zwei Taugenichtse, aber mit Hirnschmalz. Und der eine, der angehende Schriftsteller hat nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch ein Talent für spitze Worte, um von dieser Lebenssituation zu erzählen…

Dany Laferrière, geboren 1953, stammt aus Haiti, ging mit 23 nach Kanada, als er erfuhr, dass sein Name auf einer Todesliste des Baby Doc-Regimes stand. Er schlug sich durch, übernachtete zum Teil in Parks, arbeitete acht Jahre lang in einer Fabrik – hatte immer den Traum, Schriftsteller zu werden. Nach neun Jahren in Kanada, 1985, hatte er es geschafft, dieser Roman wurde veröffentlicht, sein Debüt. Ein Roman, der sich auch heute noch, wo er endlich auf Deutsch erscheint, mit großem Vergnügen liest: „Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden“ ist eine gewitzte und funkelnde Geschichte, die einerseits die Migration mit ihren Licht- und Schattenseiten reflektiert, andererseits insbesondere aber auch das Verhältnis von Schwarz und Weiß. Heute ist Dany Laferrière einer der bekanntesten Autoren des französischen Sprachraums, der seit ein paar Jahren auch in Deutschland entdeckt wird – ein Großer, einer der bedeutendsten haitianischen Schriftsteller.

Wem das alles bekannt vorkommt, der hat vielleicht den Film „Die Kunst, einen Neger zu lieben, ohne müde zu werden“ gesehen, eine kanadisch-französische Koproduktion aus dem Jahr 1989, die im Januar 1990 auch in Deutschland startete. Musik: Manu Dibango. Drehbuch: Dany Laferrière.

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