Ayad Akhtar: “Homeland Elegien”

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Ayad Akhtar: “Homeland Elegien”

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Die Vereinigten Staaten von Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – bis hin zu einem Präsidenten namens Trump. Der auf Zwiespalt setzt, auf maximalen Eigennutz, auf unendlichen Gewinn zu Lasen anderer. Wie konnte es dazu kommen, was war möglicherweise sogar zwangsläufig an dieser Entwicklung?
Die USA, so ein Erklärungsansatz seiner ehemaligen Dozentin Mary Moroni, das erwähnt der Erzähler von „Homeland Elegien“ direkt zu Beginn, seien mental immer noch so etwas wie eine Kolonie – definiert durch Plünderung, ein Ort der Bereicherung um jeden Preis, an dem bürgerliche Werte bloß eine Nebensache sind. Und das betreffe längst nicht mehr nur physische Phänomene, sondern vor allem geistige Welten – „das amerikanische Ich.“
Der Erzähler ist der Schriftsteller und Dramatiker Ayad Akhtar; er erzählt, wenn man so will, Geschichten aus seinem Leben – als us-amerikanischer Muslim, Sohn pakistanischer Einwanderer. Einer, für den die Möglichkeiten schon wegen seines „Glaubens“ etwas beschränkter sind als für jemanden wie Trump. „Glauben“ übrigens deshalb in Anführungszeichen, weil dieser Erzähler weder gläubiger, noch praktizierender Muslim ist.
Trotzdem prägt dieser Herkunftsaspekt sein Leben – innerlich, wie von außen. Du bist Muslim? Oftmals ein Spießrutenlauf in den Vereinigten Staaten nach den Anschlägen von 9/11; ein fortlaufendes Trauma auch für die, die seitdem einem täglichen Generalverdacht ausgesetzt sind. Ein Kristallisationspunkt der Geschichten in Ayad Akhtars „Homeland Elegien“ – „Klagegedichte“ auf die Heimat, das allerdings in Prosaform, geschrieben mit Grimm, Witz, Verstand – und sehr viel Stil.
Wenn Sie nur kritisieren, wenn das Leben hier so schwer ist, warum gehen sie dann nicht, wird der Autor bei einer Podiumsdiskussion gefragt. Wohin sollte ich Ihrer Meinung nach gehen, antwortet er. Keine Ahnung, nicht mein Problem. „Ich bin hier, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich habe mein ganzes bisheriges Leben hier gelebt. In guten wie in schlechten Tagen habe ich nie irgendwo anders Leben wollen. Ich habe nie auch nur daran gedacht. Amerika ist meine Heimat.“
Was ist das für eine Heimat, dieses Amerika? Für einen Muslim, der keiner ist? Oder doch? In Zeiten, die auf einen Präsidenten Trump zulaufen, dann unter seiner Regentschaft? Ayad Akhtars Eltern sind in den 1960er Jahren aus Pakistan eingewandert. Es sind auch ihre Geschichten, die Akhtar erzählt. Der Vater war Herzspezialist – und ein Glücksritter. Er lebte den amerikanischen Traum, gewann und verlor fast alles. Anfang der 1990er Jahre lernte er Donald Trump kennen, behandelte ihn.
Trump empfahl Sikander seinerzeit die Prostituierte Caroline, aus der sexuellen Dienstleitung wurde später eine heimliche Beziehung, mit Tochter. Ayad Akhtars Halbschwester. Von der er erfährt, als er nach einem Junggesellenabschied in einem Stripclub eine Tänzerin kennenlernt, die ihn nach mehreren Treffen „privat“ mitnimmt nach Hause – wo er überraschenderweise ein Portrait seines Vaters an der Wand entdeckt, das Portrait ihres Vaters also. So erzählt Ayad Akhtar seine Geschichten, und er hat sehr viele davon auf Lager. „Nur eins möchte ich klarstellen, bevor ich diese Episode so kurz wie möglich skizziere: Wir haben nicht. Miteinander geschlafen.“
Ayad Akhtar, geboren 1970, hat im Jahr 2012 den Roman „Himmelssucher“ veröffentlicht; sein Stück „Disgraced“ ist ein Welterfolg und wird auch auf vielen deutschen Bühnen gegeben. „Homeland Elegien“ ist sein zweiter – Roman? Darüber könnte man länger diskutieren. Ein flirrend hybrider Text im besten Sinne, Coming of Age-Geschichte, Essay, Erkundung, Autofiktion, Familiengeschichte, Migrationsstory, Gesellschaftsanalyse – verfasst von einem faszinierend begabten Erzähler.

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