Verschraubtes Leben: „Kramp“ von María José Ferrada

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Verschraubtes Leben: „Kramp“ von María José Ferrada

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Insider wissen Bescheid: Kramp ist wichtig. Unverzichtbar. Bombensicher, sozusagen. Sehr unwahrscheinlich, sagt der chilenische Eisenwarenvertreter D. einmal zu seiner Tochter, dass ein Haus bein einem Erdbeben oder Wirbelsturm einstürtzt, wenn es zu achtzig Prozent aus Kramp-Produkten errichtet wurde.
Kramp also. Sowas wie Bosch. Oder Mikita. Nägel, Schraubern, Muttern, Werkzeuge, Maschinen. Alles, was man zum Bauen braucht. Zum sicheren Bauen. Und D. ist ja einer, der es wissen mussen: Er reist durch Chile, Anfang der 80er Jahre, er versorgt die Dörfer und Hinterwäldler mit allem, was sie brauchen, um weiter zu sicher sein – und auch mit allem Möglichen, von dem sie niemals geahnt hätten, dass sie es jemals brauchen können. So muss so ein Vertreter sein, sorry, schließlich reicht das, was man als Vertreter an Provisionen verdient, fast nie bis zum Ende des nächsten Monats.
In der Provinz sind viele Vertreter unterwegs. Zum Beispiel auch für Drogeriewaren. Oder für Alkoholika. Oder für was auch immer. Sie kennen sich. Sie treffen sich, immer wieder, in den stets gleichen Cafés, Restaurants, Billighotels. Dann trinken sie zusammen und erzählen von den irrsten Erlebnissen, die sie auf ihren Reisen hatten. Und von den besten Deals. Die oft die nicht ganz anstreinen sind. Deshalb gilt auch die Regel: Niemals irgendwas leserlich unterschreiben, am besten gar nichts unterschreiben, wenn jemand mit so einem Dorf- und Kleinstadtladen eine Lieferung aufgibt.
All das wissen wir von der Erzählerin dieses Buches – Kramps Tochter. Denn er ist ein besonderer Vertreter, zwei Jahre lang hat er seine Kleine (fast immer) mit dabei. Und das ist noch nichtmal schlecht für die Geschäfte. Für uns LeserInnen auch nicht, schließlich ist sie eine genaue und gewitzte Beobachterin. Die Erzählerin jedenfalls, sie ist froh und stolz, dass sie bei ihrem Vater sein kann, dass sie nicht in die Schule muss. Sie wird immer mehr zu Ds Subunternehmerin. Die Frage ist: Passierte das tatsächlich? Oder war es nur ihre Fantasie? „Mit acht Jahren war mir klar, dass D. als Vater nicht viel hermachte, aber dafür war er ein großartiger Arbeitgeber.“ Und einer, der, vermutlich ohne es zu wollen, seiner Tochter (fast) heile Welten schafft, mit Krampschen Mitteln, wenn man so will, fest verschraubt, gegen jeden Wirbelstum und jede Erdbeben gefeit, fast zumindest, eine Art Zauberer.
Bloß: Wie lange kann so ein Zauber halten in einer solchen Welt wie der, in der die beiden leben? Irgendwann muss der große Bruch kommen, so viel ist klar. Er hat, so viel kann man schon verraten, mit der Mutter zu tun. Wie überhaupt so vieles in dieser Geschichte. Die Mutter, sie ist da, aber nicht anwesend. In einer anderen Welt. Zurückgezogen in ihr Inneres. Nur deshalb landet die Erzählerin mit dem Vater und seinen Kollegen auf ihren Touren. Dass die Mutter so ist, wie sie ist, hat mit der Gesellschaft zu tun. Und mit der Politik. So sickert nach und nach die Realität, also die argentinische Zeitgeschichte, mit ins Geschehen. Und diese Realität, die Zeitgeschichte – hatte und hat unter der Pinochet-Diktatur bekanntlich nicht viel Gutes zu bieten.
Es geht also nicht anders, die Mutter muss wieder erwachen, muss einen Aufbruch finden, muss sich stellen. Denn so wie die Erzählerin kann doch kein Kind groß werden, dass geht nicht mal dort, wo die Dinge so ver-rückt sind, wie in dieser Geschichte. Und schließlich braucht diese Geschichte ja auch noch eine entscheidende Wende, sonst macht sie keinen Sinn – und sonst könnte die Erzählerin nicht so erzählen, wie sie es tut, Jahre später, in teils sehr wacher Erinnerung.
„Kramp“: Was ist das für ein merk-würdiges und ver-rücktes Buch. Mit derart viel Essenz auf gerade mal knapp 130 Seiten, die auch noch großzügig gesetzt sind. María José Ferrada, geboren 1977, ist Journalistin und Kinderbuchautorin; „Kramp“ ist ihr Debüt im Erwachsenensegment (und da gehört es hin): Eine Geschichte, die eben die Welt ver-rückt und sie so auf merk-würdige Weise erst richtig sichtbar macht. Sehr eigen im Ton, mit einer dezidiert gesetzten Prise Ironie. Und mit einer um so größeren Portion Herzenswärme: für die Vertreter, die es nicht mehr gibt – vor allem aber für die, denen die politischen Verhältnisse dieser Zeit das Leben verpfuscht haben. Das Trauma, das einem Vater gar keine andere Wahl ließ, als seiner Tochter eine schöne Illusion zu schrauben. Und auch wenn ihm selbst das wahrscheinlich gar nicht so bewusst war – sie weiß es zu schätzen …

(María José Ferrada: Kramp. Übersetzt von Peter Kultzen. Berenberg, 2021. Euro 22,–)

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