Das Ganze in seinen Teilen – William Boyles neuer Roman „Brachland“

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Das Ganze in seinen Teilen – William Boyles neuer Roman „Brachland“

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Gesellschaftskritisch. Eine Zuschreibung, deren Häufigkeit vermutlich größer ist als die der Buchveröffentlichungen. Gesellschaftskritik gehört dazu, insbesondere beim Krimi. Gesellschaft – und Kritik. Das darf dann schon mit einem genauen Blick auf die sozialen Umstände passieren, also: milieustark. Die Frage ist damit: Wie erzählt, wie schreibt man eigentlich Gesellschaft am besten?

Klar, fürs Beschreiben und Analysieren von Gesellschaft sind die (Sozial-) Wissenschaften zuständig, mit ihren verschiedenen Modellen und Methoden. Mit Glück kann sich das Ergebnis solcher Erkundungen und Beschreibungen sogar mal fast schon „literarisch“ lesen. Aber von „Literatur“ ist das natürlich weit entfernt. Eine ganze Dimension. Literatur muss mehr können. Sie erzählt Gesellschaft, indem sie gut beobachtet, genau analysiert – und auf Basis dessen etwas Eigenes entstehen lässt: Fiktion, die Gesellschaft schreibt, indem sie sie zum Leben bringt.

Damit das gelingt, müssen diverse Widersprüche gemanagt und verschiedene Paradoxa überwunden werden: Literatur ist nie unmittelbar, sie ist – allein durch den Prozess ihrer Entstehung – immer schon historisch. Wenn Gesellschaft zu erzählen und zu schreiben bedeutet, dass diese Gesellschaft so echt und lebendig wird, dass man in ihr aufzugehen meint beim Lesen, muss also die Zeitlichkeit überwunden werden; hinzu kommt natürlich die Grenze zwischen Realität und Fiktion.

Schwierig? Das geht schon, mit den spezifischen Mitteln der Literatur, wenn sie eine:r richtig gut im Griff hat. Und genau das ist es auch, was den Vorzug der Literatur gegenüber anderen Wegen und Methoden der Gesellschaftskritik ausmacht: Sie erlaubt die Nähe des Dabeiseins wie die Distanz der Beobachtung gleichermaßen und in demselben Moment.

Wenn es ganz besonders gut läuft, entsteht aus der Überwindung dieser Widersprüchlichkeiten eine Dynamik, die dazu führt, dass das Narrativ ein Eigenleben annimmt. Das Ganze ist dann mehr als die Summe seiner Teile. Und genau das ist es, was die Qualität dieses exzellenten Romans von William Boyd ausmacht: Er erzählt eine „kleine“, im Prinzip länger zurückliegende, auch noch lokal begrenzte Story – die durch die Art, wie er sie erzählt, zu einer großen und universellen Geschichte wird. Eine Geschichte, die Gesellschaft schreibt, dazu einlädt, in ihr zu leben beim Lesen. Kein Thema, wenn einer mit diesen Mitteln der Literatur zu jonglieren weiß, wie William Boyle das kann.

Das Besondere daran ist, dass sich die Dynamik des Geschehens größtenteils erst im Erzählen entwickelt, aus den Konstellationen und Beziehungen und ihrer Anordnung heraus. Der Autor hat die Voraussetzungen geschaffen, und er hat das so geschickt gemacht, dass der Stoff sich emanzipieren und das Kommando übernehmen konnte. Die Macht auszuüben, zu beherrschen also, das klappt in diesem Fall nur durch Machtverzicht. Noch so ein Paradox, das Geschehen, also: die Gesellschaft übernimmt stattdessen das Kommando.

Wie geht das? Im Zentrum von allem stehen die Charaktere und ihre Geheimnisse, verbunden mit der Glücksfrage, die in der Regel eher eine Frage der Vermeidung weiteren Unglücks ist. Ein ganzes Ensemble von Menschen, die in ihren Leben und auch miteinander so verstrickt sind, teils ohne davon zu wissen, dass es eigentlich nur böse ausgehen kann. Oder ist für den einen oder die andere doch ein halbwegs gutes Ende denkbar?

Das hängt natürlich deutlich vom Geld ab, wir befinden uns schließlich in einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft mit mafiösen Strukturen. Glück muss finanzierbar sein. Und Finanzprobleme sind der Ursprung (fast) allen Unglücks, spätestens mit dem Gang zum Geldverleiher. Der amerikanische Alptraum. Heißt konkret: Eine Chance, dem alltagstypischen Unglück zu entrinnen, hat nur, wer an die versteckten Mafia-Gelder rankommt, ohne dass jemand anders das mitbekommt, dieses eine Geheimnis muss unbedingt geheim bleiben.

Und möglicherweise müssen die Guten auch ein Stück weit böse sein, wenn sie sich diesen Traum verwirklichen wollen; so, wie die Bösen in dieser Geschichte, in dieser Gesellschaft auch ein mal mehr, mal weniger ausgeprägtes kleines Gutes in sich tragen.

So weit, so interessant zwar, aber auch so bekannt. Das Tolle und Besondere an William Boyles Geschichte ist die Art und Weise, wie er diese Verstrickungen inszeniert, zuspitzt, schließlich auch (teilweise) auflöst: Das Geschehen ist ja weitgehend auf ein kleines Viertel in Brooklyn konzentriert, es passiert also alles letztlich auf einer Bühne, so wird der Plot zum Konzentrat.

Diese Bühne ist allerdings keine starre Kulisse, man darf sie sich eher wie eine Drehbühne vorstellen: Permanent wechselnde Ausstattung und Besetzung, immer noch mehr Konflikte und Konstellationen. Alles hängt mit Allem zusammen, Jede ist irgendwie mit Jedem verbunden; erst nach und nach stellt sich ein Eindruck davon her, wie die Strukturen sein könnten, die sich aber durch das Geschehen zugleich auch permanent verändern und zuspitzen. Eine Bühne also, die immer schneller rotiert, bis es schließlich nur noch krachen kann – krachen muss.

Die Frage ist, wer dann noch am Leben und wer mit dem Geld wo unterwegs sein wird, und dafür hat William Boyle, hat seine Story, seine Struktur eine wirklich zauberhafte Lösung gefunden. Ein kleines Stück vom Glück.

Dieses Story ist ja alles andere als eine schnelle Geschichte. Aber sie birgt eine ungeheure Dynamik. Und Dichte. Und die Assoziation mit der Drehbühne kommt nicht von ungefähr, die Mittel der Literatur sind bei William Boyle in vielfacher Hinsicht verkappt auch die Mittel des Theaters. Möglicherweise erklärt sich so auch die Intensität, mit der die Protagonistinnen und Protagonisten nicht bloß Darsteller sind, sondern eben Charaktere. Charaktere in ihrer zutiefst menschlichen Substanz, die nicht einfach so erdacht und angeordnet sind, sondern erlebt und erfahren, spätestens hier kommt auch der autobiographische Zugang von William Boyle zum Zug, der in seinen Romanen ja durchgehend aus dem eigenen Erleben und Beobachten schöpft, seine Arbeit an diesen Geschichten ist auch eine an der eigenen Erinnerung.

Bei aller Gebrochenheit sind seine Protagonisten starke Charaktere. Und das müssen sie auch sein, schließlich übernehmen sie mit zunehmendem Rotieren die Macht in diesem Geschehen, in dieser, in ihrer Gesellschaft: Die satten Erkenntnisse, die William Boyle über seine Charaktere gewonnen hat, so erzählt er, sind nur bis zu einem gewissen Grad aus eigener Anschauung und eigener Überlegung resultiert. Wichtiger war das, was sich aus dem Miteinander, aus den verschiedenen Perspektiven aufeinander, aus den Konstellationen und Konflikten ergab. Das Puzzle als Erkenntnisweg. Die Figuren haben selbst entschieden, was sie preisgeben und was nicht. Sie haben sich auf Entwicklungen eingelassen oder auch nicht. Anders gesagt: Die Struktur, die William Boyle angelegt hat, war entscheidend, diese Geschichte ist eine, die sich ganz entscheidend aus ihrer Form heraus entwickelt hat. Und diese Form ist nicht zuletzt: dynamisch.

Was will dieser Roman? William Boyle schreibt Gesellschaft, indem er das Zeitparadoxon nebst diversen anderen Widersprüchen aufhebt und umgeht – und sie so lebendig werden lässt, dass auch wir beim Lesen und in der Interaktion mit seinen Charakteren Teil des Ganzen werden. Das ist gesellschaftskritisch nicht unbedingt per se, jedenfalls aber gründlich auf der universellen Ebenen, die mitschwingt. Der amerikanische Traum? Sich wenigstens mal Zeit für einen Hotdog nehmen zu können, zum Frühstück, mit der Mutter.

Im engeren Sinn, für sich, will William Boyle möglicherweise ja nur die Zeit seiner Jugend im Brooklyn der 1990er Jahre wieder aufleben lassen, davon zeugen übrigens auch die großartigen Ortsbeschreibungen und die vielen popkulturellen Verweise. Scheint, als wollte auch er Teil des Ganzen sein beim Schreiben; ist er ja sogar direkt, mit Blick auf den scheiternden Drehbuchautor und auf den Mafia-Chronisten. Der die Schöne, die am Rande eine Rolle spielt, gleichermaßen verliert und gewinnt, noch ein aufgehobenes Paradox.

All das wirkt zusammen und miteinander, aus der Struktur heraus, auf vielen verschiedenen Ebenen. Das Ganze ist bei „Brachland“ in vielerlei Hinsicht mehr als die Summe seiner Teile, aber das ist längst noch nicht alles, denn bei diesem Roman schwingt in den vielen Teilen jeweils auch das Ganze mit.

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