Der eiskalte Winter 44 in Bologna

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Der eiskalte Winter 44 in Bologna

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Carlo Lucarelli, der in der Nähe von Bologna lebt, ist einer der produktivsten italienischen (Krimi-)Autoren mit Übersetzungen ins Deutsche – hochinteressant ist er vor allem mit seiner Commissario de Luca-Reihe, die er schon seit seinem Debüt Anfang der 1990er Jahre fortschreibt: Ein ambivalenter, auch zerrissener Ermittler, der sich im Bologna der Kriegs- und Nachkriegszeit durchschlägt – und mit dessen vielschichtigen Fällen Lucarelli die Komplexität der Zeitgeschichte treffend spiegelt und seziert. „Der schwärzeste Winter“ (Übersetzt von Karin Fleischhanderl. Folio Verlag, 2021. Euro 22,–) führt in den Dezember 1944, de Luca muss drei Morde klären, einer der Toten ist ein Deutscher, was die Sache besonders prekär macht, denn de Luca hat nur eine Woche Zeit, ansonsten werden zehn Unschuldige hingerichtet; die Ermittlung führt unter zunehmder Lebensgefahr zwischen alle Fronten der fragilen Macht dieser Zeit (von NS-Besatzern, italienischen Faschisten, den Partisanen). Ein tiefscharzer Roman in jeder Hinsicht – und eine klirrende Lektüre, die einen bibbern macht beim Lesen. Zugleich aber auch ein erhellendes Projekt, denn Carlo Lucarelli nutzt die Zeitgeschichte nicht bloß (wie die meisten anderen, die dieses Sujet bedienen) als exotische Kulisse; vielmehr dient sie ihm dazu, die menschlichen Abgründe auszuleuchten, die sich dann auftun, wenn die politischen Verhältnisse und die zeitgeschichtliche Konstellation das ermöglichen. Also: Nicht bloß zeitgeschichtlicher Budenzauber, sondern auch Mahnung für Gegenwart und Zukunft. Abgesehen davon: Eine packende, faszinierende, atmosphärisch dichte Geschichte – exzellente Kriminalliteratur.

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