„Die drei Reiche“: DER Roman der Chinesen – Interview mit der Übersetzerin Eva Schestag

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„Die drei Reiche“: DER Roman der Chinesen – Interview mit der Übersetzerin Eva Schestag

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Wie „Game of Thrones“ – nur viel älter: Jeder, der China verstehen will, muss „Die drei Reiche“ lesen, sagt die Sinologin und Übersetzerin Eva Schestag. Sechs Jahre lang hat sie an der Übersetzung des Romans gearbeitet, der nun erstmals vollständig auf Deutsch erschien. Entstanden ist „Die drei Reiche“ in der jetzigen Fassung wohl im 14. Jahrhundert, geschrieben von Luo Guanzhong, beruhend auf biographischen Texten, die schon damals ein Jahrtausend alt waren. In China erlebt das Buch derzeit eine Renaissance, man besinnt sich auf „Werte“ – für Eva Schestag gibt es allerdings noch zwei viel bessere Gründe, das Buch zu lesen, auch nach sechs Jahren Arbeit daran: Es gibt, sagt sie, so unglaublich viel zu entdeckten darin, große Helden und ihre Taten, und Sprachkunst, außergewöhnliche Bilder und Metaphern. Außerdem mache das Lesen ganz einfach Freude, und zwar mit Ausrufezeichen!

„Die drei Reiche“ in drei Sätzen: Worum geht’s in diesem Mammut-Roman?

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Das ist ein Satz, der sich wie ein Muster über den gesamten Roman legt. Die Drei Reiche handeln vom Niedergang der Han-Dynastie, vom Zerfall von Herrschaftsstrukturen und Werten und gleichzeitig vom Kampf rivalisierender Helden um die Zurückeroberung der Vorherrschaft und die nationale Identität in einer neuen Zeit.

Das Ganze erinnert, etwas zugespitzt formuliert, entfernt an „Game of Thrones“. Oder?

Ja, das ist ein Vergleich, den auch Wieland Freund von der Welt am Sonntag gezogen hat. Ich habe „Game of Thrones“ nicht gesehen. Aber strukturell ist dieser Roman ähnlich angelegt wie eine moderne Fernsehserie: die Komplexität der Handlung, die sich nicht chronologisch, sondern in parallel verlaufenden Erzählsträngen entwickelt; einzelne Episoden, die in sich abgeschlossen aber dennoch Teil eines Großen Ganzen sind; der abrupte Abbruch jedes Kapitels auf dem Höhepunkt der Spannung, die Cliffhanger also, um nur einige vergleichbare Merkmale zu nennen. Und auch bei einer Serie dauert es wegen der breit angelegten Handlung ja meist etwas länger als bei einem Film von 90 Minuten bis man versteht, worum es geht und man die einzelnen Figuren kennt.

Die Geschichte stammt aus dem 14. Jahrhundert, ist aber viel älter. Was hat es damit auf sich?

Der Roman „Die Drei Reiche“ beruht auf der „Chronik der Drei Reiche“ des Hofhistoriografen Chen Shou aus dem 3. Jahrhundert nach Christus. Die Tatsache, dass eine Sammlung von Biografien die Grundlage für den Roman bildet, hat zur Folge, dass die Handlung sich über weite Strecken in Dialogen entwickelt. Mao Zonggang, Kommentator und Herausgeber der maßgeblichen Ausgabe des Romans aus dem 17. Jahrhundert, hat gesagt, dass wir in der chinesischen Geschichte nie auf eine solche Dichte von außergewöhnlichen Menschen und herausragenden Talenten stoßen wie in der Zeit der Drei Reiche. Die Taten dieser Helden schreiben die Geschichte und treiben sie voran. Neben Strategie und Gelehrsamkeit steckt das Buch voll spannender Action.

Was weiß man über Luo Guanzhong?

Man weiß kaum etwas über den Autor der Drei Reiche. Luo Guanzhong ist eher ein Name, dem das Buch zugeschrieben wird, als eine greifbare Person. Er soll im 14. Jahrhundert gelebt haben und Sohn eines Seidenhändlers aus Taiyuan sein. Da er sich nicht für die Geschäfte des Vaters interessierte, hat dieser ihn zu einem Literaten in die Lehre geschickt. Er soll später zurückgezogen gelebt und Gedichte geschrieben haben. Der Roman war damals kein angesehenes Genre, deshalb blieben deren Autoren oft gerne anonym.

Stimmt es, dass Sie sechs Jahre an der Übersetzung dieses Großprojekts gearbeitet haben? Wie oft haben Sie das bereut?

Ja, ich habe sechs Jahre ohne Unterbrechung an der Übersetzung gearbeitet. Bereut habe ich es nie. Im Gegenteil. Sich über einen so langen Zeitraum mit einem großartigen Buch beschäftigen zu dürfen, empfand ich eher als Privileg. Was nicht heißt, dass es nicht schwierige Momente gab. Als ich Seite 1 von insgesamt 2000 aufschlug, musste ich tief Atem holen. Aus den Fersen, wie es bei Zhuangzi heißt.

Wie gelingt es, solch ein historisches Romanprojekt in einer zeitgemäße Sprache zu übertragen?

Das ergibt sich zum Teil beim Übersetzen und Schreiben, wenn die Personen vor einem lebendig werden. Gleichzeitig schärft man die Wahrnehmung für die Sprache im Alltag – in der Zeitung, im Theater, auf der Straße, in Gesprächen – alles bezieht man auf die Arbeit am Schreibtisch. Der Stil darf dabei natürlich nicht zu modern oder lässig werden. Mir war es wichtig, eine gewisse Distanz zu bewahren und zeitlos zu bleiben. Wir haben es ja mit einem Klassiker zu tun. Schwierig war auch die Übersetzung der vielen Originaldokumente aus der Han-Dynastie mit zahlreichen historischen Anspielungen – Throneingaben, Anklageschriften, Langgedichte, Denkschriften, Briefe. Das sind eigenständige Literaturdenkmäler.

Gab es auch mal Tage, an denen Sie an dem Projekt verzweifelt sind?

Ja. Als ich nach fünf Jahren den ersten Durchgang der Übersetzung vor mir liegen hatte, eine Rohfassung, und mit der Überarbeitung meines eigenen Textes begann. Da hatte ich das Gefühl, nochmals von ganz vorne zu beginnen. Wichtig war in der Phase die Zusammenarbeit mit meinem Lektor, Kristian Wachinger, der zwar kein Sinologe, aber selbst Übersetzer ist – und ein erfahrener und kluger Leser.

Und dann die Gedichte, deren Übersetzung sicher viel Zeit gekostet hat, oder?

Als ziemlich am Anfang ein Kapitel mit acht Gedichten kam, suchte ich nach einem guten Grund, sie wegzulassen, und schrieb an den amerikanischen Übersetzer der drei Reiche, Moss Roberts, den ich als junge Studentin vor vielen Jahren einmal in New York kennengelernt hatte. Er ist ein Professor Emeritus für Ostasienkunde an der NYU. Als nach drei Wochen eine Antwort kam, hatte ich bereits selbst verstanden, warum die Gedichte ein wesentlicher Bestandteil des Textes sind und auf keinen Fall fehlen dürfen: Sie unterbrechen den Gang der Erzählung, und der Leser hält inne, um über eine Heldentat zu staunen, einen außergewöhnlichen Menschen zu bewundern oder über den Tod einer Person zu trauern.

Welche Bedeutung hat der Roman für die chinesische Kultur?

„Die Drei Reiche“ ist der erste und älteste Roman der chinesischen Literatur. Später hieß es, dass er „allen anderen Romanen überlegen sei, weil er nicht aus dem Nichts schöpft und frei erfindet, sondern Wundersames und Außerordentliches meisterhaft erzählt und dennoch den historischen Gegebenheiten und insbesondere dem Leben seiner Helden verpflichtet bleibt“. Der Stoff ist lebendig wie nie. Jedes Kind kennt die Helden der Drei Reiche. Zumeist zwar nicht aus dem klassischen Text, sondern aus Übersetzungen ins moderne Chinesische, Fernsehserien, Heftchenromanen, Kinofilmen, Opern, Comics, Computerspielen. Im Netz gibt es aktive gaming communities, die sich in Blogs und Foren oft sehr detail- und kenntnisreich austauschen.

Wie kommt es eigentlich, dass er in China derzeit eine so große Renaissance erlebt?

Präsident Xi Jinping hat in einer Rede gesagt, dass die Helden der Drei Reiche die zentralen Werte des chinesischen Volkes verkörpern, und die jungen Leute das Buch deshalb wieder lesen sollten. In dem Zusammenhang nennt er Loyalität, Bescheidenheit und Entschlossenheit. Aber natürlich geht es um viel mehr: Tapferkeit, Heldenmut, Respekt auch vor dem Feind, Gelehrsamkeit, Weisheit, strategisches Denken. Verstärkt wird an den Schulen auch wieder Klassisches Chinesisch gelehrt. Interessant wird es, wenn unterschiedliche Werte miteinander in Konflikt geraten.

Es geht in „Die drei Reiche“ viel um Schlachten, um Militärstrategie und so weiter. Die Köpfe rollen schneller, als man lesen kann, so formulieren Sie es im Nachwort. Wie viel Spaß hatten Sie denn beim Übersetzen dieser Passagen?

Großen Spaß hat das Übersetzen der strategischen Gespräche und Schachzüge im Vorfeld einer Schlacht gemacht. Der Einsatz von List und Rhetorik und Figuren wie dem Scheinüberläufer oder dem Überreder ist großartig. Die Grausamkeit und Brutalität mancher Passagen ist unvorstellbar. Manchmal hatte ich die Befürchtung, ich könnte beim Lesen und Übersetzen gefühlsmäßig verrohen.

Wie steht es um die Frauenfiguren?

In dem Roman „Die Drei Reiche“ gibt es über tausend handelnde Personen, die allermeisten davon sind Männer. Doch „gelegentlich spitzt zwischen den Reihen der bewaffneten Soldaten ein roter Rockzipfel hervor, oder im Schatten der Flaggen und Fahnen erscheint ein gepudertes Gesicht“ wie es in einem Kommentar aus dem 17. Jahrhundert heißt. Die Namen der Frauen wurden von den Historikern meistens nicht aufgezeichnet. In den unterschiedlichsten Formen gibt es zum Beispiel die Figur der Mutter, der ein Kind – und sei es der Kaiser – ein Leben lang zu Gehorsam verpflichtet bleibt. Mütter sind dadurch immer mächtige – bisweilen intrigante – Frauenfiguren, die nicht selten die Geschicke des Staates von den inneren Gemächern aus lenken. Bemerkenswert ist zum Beispiel die Witwe des Kriegsherrn Yuan Shao, deren Eifersucht ungeheure Ausmaße annimmt. Nach dem Tod ihres Mannes lässt sie dessen fünf Lieblingskonkubinen ermorden und aus Furcht, das Verhältnis könnte sich im Jenseits fortsetzen, lässt sie den Frauen die Köpfe kahlscheren, die Gesichter zerkratzen und die Körper verstümmeln.

„Der“ Roman des Konfuzianismus, kann man das so sagen?

Ja, die Herausgeber der maßgeblichen Fassung des Romans, Mao Zonggang und Mao Lun, sind ganz offenbar Anhänger des Konfuzianismus, der Staatsideologie der Han-Dynastie. Ihr Held und wahrer Erbe des Han-Reiches ist Liu Bei, und sie stellen dessen Gegenspieler Cao Cao in ein denkbar schlechtes Licht. Es gibt noch eine andere Fassung des Romans aus dem 16. Jahrhundert, redigiert und mit einem Vorwort versehen von dem Philosophen Li Zhi. Er war ein namhafter Kritiker des herrschenden Konfuzianismus. Doch seine Fassung des Romans hat sich nicht durchgesetzt.

Was hat Sie, im Nachhinein betrachtet, an dem Buch am meisten zum Staunen gebracht?

Die Fülle an kleinen, wundersamen Begebenheiten. Sie blühen am Rand des Wegs durch diesen großen Roman wie seltene Blumen. Diese kurzen Prosastücke – Träume, Erinnerungen, Begegnungen mit Zauberern, Einsiedlern, Trunkenbolden und anderen kuriosen Gestalten sind eine Freude.

1752 Seiten, 99 Euro – eher ein (verdienstvolles) Buch für Institute und Bibliotheken, oder? Warum sollte man „Die drei Reiche“ gelesen haben?

Das Lesen der Drei Reiche macht, wie gesagt, Freude! Es gibt unglaublich viel darin zu entdecken. Neben den großen Helden und deren Taten, von denen wir schon sprachen, eine Fülle von außergewöhnlichen Bildern und Metaphern. Die Drei Reiche sind ein Stück chinesische Geschichte ganz am Anfang des zweitausendjährigen Kaiserreichs, wo sich immer wiederkehrende Muster und Strukturen bilden. Jeder, der China verstehen will, muss „Die Drei Reiche“ lesen.

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