Die Liste der Herausforderungen

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Die Liste der Herausforderungen

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Literatur kann auch ganz schön anstrengend sein. Im schlechteren Fall produziert das dann ein Gefühl von Schullektüre 3.0 – im besseren ein Aha-Erlebnis der Marke “Okay, war auch Arbeit, das Ganze, aber hey, hat sich gelohnt …”. Gleich drei Romane, die dieses Kriterium erfüllen, und das ist ungewöhnlich, finden sich auf der aktuellen Krimibestenliste:

Bei Merle Kröger und ihrem dokumentarischen Roman “Die Experten” (Suhrkamp, Euro 20,–), der hier auf dem Blog schon mehrfach Thema war, ist es die schiere Menge des zeitgeschichtlichen Materials, in das die Autorin, wie sie sagt, die Story “hineinfiktionalisiert” hat. Es geht um deutsche Ingenieure, vielfach mit NS-Vergangenheit, die in den 1960er Jahren Ägypten aufrüsten sollten, eine Bedrohung insbesondere für den noch jungen Staat Israel. Merle Kröger durchmisst die facettenreiche Komplexität der historischen Umstände ihrer Erzählung mit Hilfe einer im Grunde genommen einfachen und geradlinigen, auf jeden Fall absolut stringenten Coming of Age-Geschichte; die Schnittmengen dieser Geschichte mit der Geschichte machen den Thriller aus, der sich also aus persönlicher Perspektive durch das historische Setting ergibt. Das ist ungewöhnlich und erkenntnisreich, das kann man in seiner Detailfreudigkeit auch anstrengend finden, das ist für Anhänger “dicker” Romane jedenfalls ein gefundenes Fressen. (HIER geht´s zu einem Werkstattgespräch mit Merle Kröger – HIER findet sich ein langes Interview mit ihr.)

“Geradlinigkeit” wäre möglicherweise der passende Begriff, wenn man alle die Eigenschaften in einem Wort zusammenfassen wollte, die Stephen Greenalls Debüt “Winter Traffic” (exzellent übersetzt von Conny Lösch, Suhrkamp, Euro 16,95) nicht verkörpert: Ein Roman wie eine Explosion, die Lesenden werden selbst zu Ermittlern, die in dem Trümmerfeld, das sich da aufzutun scheint, die Story vorm inneren Auge (re-)konstruieren müssen; die Story mithin, die sich da ereignet hat und noch ereignet, die also zu der Explosion führte. Oder so. Klingt kompliziert? Ist es auch. Glaube ich zumindest. Denn ich bin auch Wochen nach der Lektüre nicht sicher, wie viel von dem Ganzen ich wie verstanden habe. Ein korruper Polizist spielt jedenfalls eine Rolle, ein “ehrenhafter Gangster”, ein Überfall auf einen Geldtransport möglicherweise, der speziell den Cop als letzte Chance aus einer üblen Bredouille befreien könnte. Erstmal eine – im Grunde auch wieder – einfache Krimi-Kernstory scheint sich da zu kristallisieren; aber es sind zugleich auch jede Menge andere Genre-Erzählmotive mit ihm Spiel, und alles scheint auf teils geheimnisvolle Weise zu interagieren. Stephen Greenall bricht die Strukturen des (“Krimi”-) Erzählens auf, zugleich ist dies Gebrochene, eben die Explosion, ein großes Fest des Erzählens, auch sprachlich. “Winter Traffic” ist ein Roman, der auf dem berühmten Grat zwischen Genie und Wahnsinn seine ganz eigene Form von Extremklettern betreibt. Und ein Roman, den man auf jeden Fall auch als Statement lesen kann – gegen das allzu Gemütliche und Geordnete und damit letztlich auch Bieder-Restaurative, das “Genre” bzw. “Krimi” in diesen Zeiten leider allzu oft ausmacht.

Apropos Detailfreue und Detailgenauigkeit – da kann Chan Ho-Kei mit seinem neuen Roman “Die zweite Schwester” (Übersetzt von Sabine Längsfeld, Atrium, Euro 25,–) durchaus mit Merle Kröger und “Die Experten” konkurrieren, allerdings mit einer ganz und gar anderen Geschichte: Eine Schülerin hat sich aus dem Fenster gestürzt; ihre geschockte Schwester, einzig verbliebene Angehörige, versucht herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Sie wendet sich an einen Detektiv, der verweist sie an einen Hacker – mit dem sie dann das Leben der Schwester genau durchleuchtet, wobei sich jede Menge Überraschungen und Geheimnisse auftun, bis sich irgendwann die Frage stellt: Soll sie mit den gleichen Mitteln zurückschlagen, die – möglicherweise – zum Tod der Schwester geführt haben? Cybermobbing ist das Thema, damit verbundene moralische Fragestellungen, das ist aber nur ein Teil des Ganzen. Denn Chan Ho-Kei erzählt und zeigt über Hunderte Seiten genau, was in digitalen Zeiten alles sichtbar und nachvollziehbar ist im Leben eines Menschen, wenn man fit ist und hinter die Fassade der digitalen Struktur schauen kann. Und was wie manipulierbar wäre. Es geht also andersherum auch darum, wie man möglicherweise dies oder das verbergen oder bewerkstelligen kann – und da sind wir dann bei der politischen Dimension dieses Romans, der erkennbar aktuelle Bezüge hat, Stichwort Demokratiebewegung: Chan Ho-Kei zeigt was Sache ist, versteckt das aber in seiner wirklich umfassenden, teils auch enervierend exakten Thriller-Story, schlägt der Zensur so also möglicherweise ein Schnippchen. Abgesehen davon: Die Wendungen, mit denen speziell im hinteren Teil des Buches der Thriller Fahrt aufnimmt, sind auch nicht von schlechtern Eltern.

 

 

 

 

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