Die Verschwindenden – jetzt auch von und mit Michel Houllebecq

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Die Verschwindenden – jetzt auch von und mit Michel Houllebecq

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Michel Houllebecq, der französische Schriftsteller, ist längst ein europäisches Phänomen. Hochumstritten – extrem erfolgreich. Jetzt ist sein neuer Roman “Serotonin” auf Deutsch erschienen. Der Roman wird heftig diskutiert, als politisches Statement gelesen. Das beruht auf einem Irrtum.

Houllebecq erzählt die Geschichte eines Mannes von Mitte 40, Florent-Claude Labrouste, dessen Leben in jeder Hinsicht erschlafft ist, insbesondere auch sexuell, nicht zuletzt, weil er, der Erzähler, sich letztlich bloß mit Hilfe des Antidepressivums Captorix noch irgendwie über Wasser halten kann. Labrouste ist außer Kräften, körperlich und mental, auch der Wille ist ihm abhanden gekommen, eine letzte Aktivität bekommt er noch auf die Reihe: Die Entscheidung, sein Leben aufzugeben, alles zu kündigen, alle zu verlassen, sich zu verflüchtigen. Davon erzählt er in “Serotonin” (Dumont Verlag, übersetzt von Stephan Kleiner, Euro 24,–) ebenso ausführlich wie von dem Davor, das zum dann folgenden Dahin führte.

Und zwar gewürzt mit allerlei Ingredienzien, die man aus allerlei Houllebecqschen Texten bestens kennt, Weltekel, Frauenhass, nihilistischer Zynismus etcpp. Nichts Neues, letztlich – im Gegenteil, im Grunde kopiert der Autor streckenweise bloß sich selbst. Und weil die älteren Texte, die er dabei paraphrasiert, schon mal mehr, mal weniger nach demselben Prinzip entstanden, sind es halt Kopien von Kopien von Kopien, die hier präsentiert werden, ein reiner Abklatsch also. Was im Grunde genommen nur konsequent ist, wenn es darum geht, die aufgeplusterte Sinnlosigkeit der neoliberalen Oligatrie, in der wir zu leben gezwungen sind, zu spiegeln. Dann zumindest, wenn man unsere Gegenwart so sieht, wie Michel Houllebecq sie zu sehen scheint bzw. sein Erzähler Labrouste, die Grenze scheint da durchlässig zu sein, nicht umsonst ist im Roman immer wieder mal die Rede von der “Autofiktion”.

Interessant ist die Sache mit dem Verschwinden: Houllebecq gilt ja als einer, der ein unfaßbares, fast unheimliches Gespür für Trends und kommende Ereignisse (respektive: Katastrophen) hat, die er in seinen Geschichten vorweg nimmt. Einmal mehr? Als Beleg dafür wird bei “Serotonin” eine Reihe von Szenen angeführt, die auf die Gelbwesten-Proteste in Frankreich zu zielen scheinen, von denen beim Schreiben des Buches noch nichts abzusehen war. Allerdings sind das eher Nebenschauplätze der Handlung dieses Romans. Im Zentrum steht das Verschwinden. Und da ist Houllebecq diesmal nicht wirklich originell, da gibt´s einige, die das vor ihm praktiziert haben: Virginie Despentes in ihrer Vernon Subutex-Trilogie (erschienen bei Kiepenheuer & Wietsch), zum Beispiel. Vor allem aber Jérôme Leroy mit seinem Kriminalroman “Die Verdunkelten” (Edition Nautilus, übersetzt von Cornelia Wend, 18 Euro), der im vergangenen September auf Deutsch erschien.

Spannendes Motiv, jedenfalls: In einer Welt, in der Grenzen und Kategorien immer poröser werden, in der Wertsysteme und staatliche Organe zerfallen, in der Sinnangebote und Wertsysteme obsolet scheinen, in der alles gleichzeitig passiert und zugleich alles überwacht werden kann, gibt es nur eine Möglichkeit, in irgendeiner Form Haltung zu zeigen: Eben die, aus dieser Welt zu verschwinden. Und wenn es sein muss, wie im Fall Labrouste, mit letzter Kraft, ohne jede Lust, dafür voll drauf, mit dem Serotonin des Antidepressivums als letztem Wegbegleiter vor dem Schritt ins Nichts. Eine “Haltung” dann zumindest, wenn einem die Kraft oder die Phantasie fehlt, sich jenseits einer zerfledderten “alten Ordnung” ein anderes Gerüst vorzustellen, das Halt, also Sinn gibt im Strom des Seins.

Das Gute an der ganzen anstrengenden Sache, die immer wieder auch noch mit den für Houllebecq typischen Längen ermüdet: Zwischendurch glänzt und blitzt und perlt es, auch das typisch, auf eine so ausgefuchst fiese und böse Art und Weise, dass es ein Vergnügen ist. Houllebecq, der Provokateur, ist ein Meister der Groteske, und wie kein anderer sorgt er dafür, dass einem bei den entsprechenden Situationen (die häufig literarisch brillant dramatisiert und ausgeführt sind) das unfreiwillige Lachen auf besonders perfide Weise im Hals stecken bleiben kann. Ein Beispiel dafür: Die krasse Szene mit dem pädophilen deutschen “Ornithologen” in der verlassenen Ferienhaussiedlung, über die hier inhaltlich nichts weiter gesagt werden kann, deshalb bitte: nachlesen! Wie auch immer – wenn es diesem Text darum geht, die Schattenseiten unserer “freiheitlichen” Gesellschaft des anything goes (wenn man die Mittel hat) auszumalen, dann trifft er im wahrsten Sinn des Wortes voll und ganz ins Schwarze, so, dass es richtig weh tut. Beschämend.

Das betrifft übrigens insbesondere das Männerbild, das Houllebecq in seinem Roman über seine ganzen Zynismen und widerlich-pornösen Verunglimpfungen von Frauen en passant von Hinten durch die Brust zeichnet, und das ist es, worum es letztlich bei diesem Roman geht, nicht irgendein (gesellschafts-)politischer Gehalt. Der autofiktionale Erzähler brüllt es geradezu heraus: Alter, was können wir erbärmlich sein, also: ERBÄRMLICH, das ist ja kaum zu fassen!! Und, tja, ganz unrecht hat er nicht, da liefert “Serotonin” doch schon per se eine rundum überzeugende Argumentation. Fazit: Dieser Roman ist ziemlich kacke, ziemlich klasse und häufig beides zugleich; man sollte ihn auf jeden Fall keinesfalls verpassen.

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