Er wäre dann mal weg – “The President Is Missing” von Bill Clinton und James Patterson

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Er wäre dann mal weg – “The President Is Missing” von Bill Clinton und James Patterson

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Ein neuer Stern am Firmament der Spannungsliteratur: Bill Clinton. Ja, der Bill Clinton, ehemalige US-Präsident von 1993 bis 2001. „The President Is Missing“, sein Politthriller-Debüt, gemeinsam verfasst mit dem Krimi-Fabrikanten James Patterson, Gesamtauflage um die 400 Millionen, erzählt – natürlich, klar, von einem Präsidenten:

Über seine Tochter, die in Paris studiert, erfährt Jonathan Duncan, Irakkrieg-Veteran, trauernder Witwer, aufrechter Demokrat von einer apokalyptischen Bedrohung, die die USA bedrohen; ein Cyberangriff von ungeahnter Perfidität. Wenige Stunden bleiben ihm, das Land zu retten. Zugleich steht Duncan politisch massiv unter Beschuss, ein Amtsenthebungsverfahren droht. Dumm, dass er genau in dieser Krisenzeit untertauchen muss, der Präsident verschwindet von der Bildfläche; die Medien zerfetzen ihn in der Luft, die Opposition sowieso, und die eigene Partei lässt sich auch nicht lumpen. Aber das ist nunmal die einzige Möglichkeit, die Terroristen zu stoppen, zusammen mit zwei reuigen Hackern aus Osteuropa; die auch noch, klar, von einer gnadenlosen Killerin gejagt werden; sie soll vermeiden, dass die Katastrophe verhindert wird, indem sie die einzigen Personen tötet, die das bewerkstelligen könnten. Mit dem Präsidenten, natürlich. Eine aussichtslose Situation, die Opfer verlangt – und einen Mann, der über sich hinauswächst, um sein Land zu retten: Duncan, der Präsident, ein Held wie er im Buche steht, im wahrsten Sinn des Wortes. Tja…

So weit – so konventionell ist „The President ist Missing“ geplottet: US-partriotische Spannungsliteratur nach Schema F, die trotzdem zu unterhalten versteht, dann zumindest, wenn man nicht allzu viel Originalität erwartet, wenn man bereit ist, sich auf das Erwartbare einzulassen; dessen typische Muster facettenreich und geschickt durchkonjugiert werden, immerhin. Ein wenig Politsoap im Stil von „House of Cards“ samt präsidialem Ich-Erzähler, ein wenig Katastrophenszenario für die apokalyptische Angstlust, ein wenig mehr Spionage- und Politthriller mit allem Pipapo auf der wendungsreichen Strecke – der Genre-Mix, mit dem Bill Clinton und James Patterson ihre Geschichte erzählen.

Und Donald Trump? Das ist natürlich die Frage der Fragen, wenn in diesen Zeiten ein Ex-Präsident mit dem Krimiproduzenten schlechthin ein Joint Venture eingeht, um einen politthrillernden Präsidenten-Roman zu schreiben. Trump spielt überraschenderweise keine Rolle in dieser Geschichte – und doch ist er allzeit präsent, als Duncans unsichtbarer Antipode: Zwar werden viele aktuelle außenpolitische Problemfelder angesprochen und eingebaut, die Eskapaden des aktuellen Präsidenten sind allerdings kein Thema, eine fast zwangsläufige Entscheidung, denn wie sollte man die politische Realität dieser Zeit überhaupt noch irgendwie zuspitzen können? Das Autorenteam setzt stattdessen auf ein Gegenmodell zu Trump, das in jeder Sekunde der erzählten Zeit den präsidialen Gestus verkörpert, den viele beim regierenden Präsidenten vermissen: Mit Stil, Verantwortung, Verbindlichkeit – Ehrlichkeit.

“The President Is Missing” ist kein Enthüllungs- oder Schlüssellochroman, sondern eine Art moralischer Appell, dem Wahnsinn der aktuellen Politikgestaltung zu beenden und wieder zum Anstand zurückzukehren. Als Krimi verpackt. Da merkt man dem Roman deutlich den Einfluss Clintons an, bis hin zu einer präsidialen Rede an die Nation ganz am Schluss. Was natürlich die Frage aufwirft: Wie viel Clinton wovon genau steckt in diesem Buch? Sagen wir so: Was die Krimielemente angeht, so ist ziemlich klar, dass die präsidialen Beigaben professionell durch den Patterson-Filter gepresst wurden – Bill Clinton als Krimiautor wird nicht wirklich sichtbar. Das ist – neben den staatstragenden Ermahnungen und demokratischen Visionen – vor allem in der Ausgestaltung von President Duncan sichtbar; wäre Clinton 20 Jahre jünger, dürfte er nochmal ran, dann wäre er vermutlich gerne dieser Mann. Und klar, notfalls hätte auch Hillary diesen Part übernehmen können, aber sie durfte ja auch nicht ran. Aufschlussreich in diesem ganzen Zusammenhang die Ausgestaltung der Außenpolitik: Deutschland und Israel und auch Saudi Arabien als engste Partner der USA, für die Russen dagegen gibt´s klare Kante, notfalls bis zum Äußersten. Und “den Krieg” würde Russland verlieren, sagt der Präsident zum russischen Botschafter, bevor er ihn samt seiner kompletten Entourage ausweist. Tja.

Wie auch immer: Ein „anständiger“ und staatstragender Politthriller also alles in allem, der in dem Dilemma steckt, dass er seine subversiven Mittel nicht ausschöpfen kann. Das Trump-Dilemma, an dem sich die Herren Clinton und Patterson wie andere auch bis auf weiteres die Zähne ausbeißen. Insofern ist dieser Roman letztlich jedenfalls – fast rührend nostalgisch.

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