Existenzialistischer Punk – und der Sinn, der sich in postapokalyptischen Landschaften findet

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Existenzialistischer Punk – und der Sinn, der sich in postapokalyptischen Landschaften findet

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Lost Places: Wohl kaum ein Ort in Europa ist in den 2010er Jahren so verlassen und verloren wie die Sperrzone rund um das havarierte Kernkraftwerk in Tschernobyl in der Ukraine. Damals, als es noch keine Touristengruppen und Instagram-Poser gab, und auch keine Fernsehserien. Ein post-apokalyptischer Raum. Betreten: strengstens verboten, Tag und Nacht überwacht von der Miliz. Wobei sich sowieso immer auch die Frage stellte: Warum sollte man eine verlorene Gegend betreten, die das Risiko beträchtlich erhöht, dereinst auf einer Krebsstation zu enden?

Warum nicht! Denn: Was interessiert mich schon die Zukunft, wenn ich sowieso keine habe? Solche Gedanken mögen Markijan Kamysch als Mittzwanziger umgetrieben haben, zumindest unbewußt: Um die 50 Mal war er zwischen 2012 und 2014 in „der Zone“ unterwegs, mindestens 200 Tage hat er dort verbracht. Sommers wie im tiefsten Winter, nur mäßig ausgerüstet, Hauptsache, es war genügend Alkohol im Gepäck, Schlafgelegenheiten gab es zur genügend in den Hochhäusern von Prypjat, der aufgelassenen Retortenstadt am havarierten Meiler, oder in den verlassenen Dörfern drumherum. Die Tage: Einfach die Gegend erforschen. Schauen, warten, sich treiben lassen. Den Rausch ausschlafen, um in den Nächten weiter trinken zu können, bis zur Besinnungslosigkeit. Lost.

Markijan Kamysch ist also keiner von denen, die mal in die Zone gehen, vielleicht um etwas zu plündern. Er ist Stammgast. Ein Stalker, wie er sich selbst nennt. „Für mich ist die Zone ein Ort der Entspannung. Ein Ersatz für das Meer, die Karpaten, die Berghalden, die Türkei mit ihren Kaskaden von Cocktailgläsern.“ Der junge Mann aus Kiew ist in Tschernobyl zu Hause, für Tage oder Wochen. Sicher hat das auch mit seinem Vater zu tun, er war einer der Helfer nach der Havarie des Kernkraftwerks, ist dann früh gestorben. Aber das ist Spekulation, und Markijan Kamysch neigt nicht zum Psychologisieren; er lässt die Dinge für sich sprechen, die Blicke, die Momente, die seltenen Begegnungen, die Besinnungslosigkeit, den Kampf mit der Natur, vor allem im Winter. Zwischendurch findet er Momente, die fast schön sind, Nature Writing auf den Ruinen der Zivilisation.

„Die Zone oder Tschernobyls Söhne“ ist ein Protokoll dieser Jahre zwischen 2012 und 2014, ein Memoir, das allerdings kunstvoll inszeniert ist, die vielen Touren werden zu einer, die Zone entwickelt sich zu einem prototypischen Raum: Das Areal der Postapokalypse, in dem die Sinnlosigkeit so konzentriert ist, dass sie fast schon wieder Sinn macht, weil nur sie die Freiheit gewährt, einer nicht minder sinnfreien Außenwelt für Momente zu entrinnen, auf den Trümmern ihrer hohlen Zukunftsversprechen von Einst. No Future also, das aber in aller Konsequenz: Letztlich ist Markijan Kamysch ein existentialistischer Punk, der mit „der Zone“ den einzig wahren verlorenen Ort gefunden hat, an dem er in einer völlig verstrahlten Welt genau das sein kann, was er ist: Frei auf dem Müllhaufen der Geschichte – für den Moment.

(Markijan Kamysch: Die Zone oder Tschernobyls Söhne. Übersetzt von Claudia Date. Matthes & Seitz, 2022. 180 Seiten. ISBN 978-3-7518-0801-9. Euro 18,–)

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