Hör/Buch-Tipp: „Der Präsident“ und „Der Tod so kalt“

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Hör/Buch-Tipp: „Der Präsident“ und „Der Tod so kalt“

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Praxistest: Zwei Hörbücher, die ich mir auf dem Weg nach Venedig und zurück im Auto angehört habe. Ein „Schnellschuss“ über Präsident Trump und die USA, gerade als Roman und Hörbuch raus gekommen – „Der Präsident“ von Sam Bourne. Und, passend zur Gegend, durch die ich gefahren bin, insbesondere auf dem Brenner, eine Spannungsgeschichte aus Südtirol, deren Rechte weltweit verkauft wurden: „Der Tod so kalt“ von Luca D´Andrea.

Schwer zu sagen, welche in punkto Hören nun die bessere Fahrt war. Hinzu bin ich über Nacht gefahren, alleine, 15 oder 16 Stunden mit Schlafen zwischendurch, da habe ich „Der Präsident“ gehört, das war schon etwas schräg, man versinkt auf eine merkwürdige Weise in dieser Alp-Traum-Welt. Zurück war´s kürzer, 13 Stunden, und ich hatte eine Beifahrerin, ganz anderes Hör-Erlebnis. Auch weil man sich natürlich nebenbei sehr gut über die Geschichte austauschen kann. Netter. Obwohl die Geschichte von Luca D´Andrea auf ihre Weise auch nicht weniger monströs ist als die von Sam Bourne..

Köln-Venedig: „Der Präsident“ von Sam Bourne

„Der Präsident“ ist ein so genannter „Schnellschuss“, das gibt´s ab und zu mal, Bücher, die schnell geschrieben und hektisch gedruckt werden, passend zu einem aktuellen Thema. Meistens erscheinen sie dann auch ohne große Vorankündigung, wie es sie sonst bei Neuerscheinungen gibt. Das kommt nicht so oft vor – und noch viel seltener bei Hörbüchern, weil die natürlich nochmal viel auswändiger zu produzieren sind.

Eine Geschichte aus diesen, unseren Trump-Zeiten: Ein Populist ist an der Macht, der Name Trump wird nicht genannt, aber es ist klar, um wen es sich handelt – und er ist kurz davor, ein paar Atomsprengköpfe auf Nordkorea regnen zu lassen, weil dessen Präsident ihn übel beleidigt hat. Die – recht grob und einfach gestrickte Geschichte geht dann so, dass ein paar Leuten aus dem Trump-Lager, Vertraute eigentlich, klar wird, wie gefährlich der Mann ist. Sie wollen ihn aus dem Amt drängen, und als das nicht klappt, planen sie ein Attentat. Da haben sie die Rechnung allerdings ohne den Wirt gemacht – und der ist in diesem Fall eine Persiflage auf Stephen Bannon, Trumps ehemaligen Chefberater. Das Ganze wird erzählt als Politthriller mit vielen absurden und grotesken Elementen. Ein Zerrspiegelbild zur politschen Wirklichkeit, in dessen Zentrum allerdings erstaunlich viel bittere Realität steckt. Und wie aktuell dieser Schnellschuss im Moment durch den Konflikt Nordkorea/USA ist, das ist schon erstaunlich…

Das Hör-Erlebnis auf der Fahrt nach Venedig war eher zwiespältig. Also, eigentlich war mir die Geschichte zu simpel und zu grob gestrickt. Trotzdem bin ich dabei geblieben. Das Problem war dann irgendwann, dass mir die Sprecherin Dana Geissler auf die Nerven gegangen ist; der Klang ihrer Stimme, die Art, wie sie die Story inszeniert hat. Für mich ist sie sowieso grundlegend einigermaßen fehlbesetzt, „Der Präsident“ erzählt eine Männergeschichte, und da müsste eher ein Mann ran. Aber natürlich wollte ich wissen, wie´s ausgeht. So habe ich Stunde um Stunde mit dieser Frau im Auto verbracht. Beziehungsweise: mit ihrer Stimme. Und hatte, trotz allem, was genervt hat, letztlich doch Spaß an der Sache – weil dieses Rumspinnen einer Geschichte um Donald Trump einfach so aktuell ist, dass man schon staunt. Ist ein bisschen wie die Fortsetzung der Zeitungslektüre mit anderen Mitteln…

Venedig Köln: „Der Tod so kalt“ von Luca D´Andrea

Zurück von Venedig nach Köln, da gibt’s ja verschiedene Routen. Ich habe mich für die durch Südtirol und über den Brenner entschieden. Auch deshalb, weil ich noch ein Hörbuch hatte, das ich sowieso mal unbedingt hören und hier vorstellen wollte – eine Geschichte, die eben in Südtirol, in den Dolomiten angesiedelt ist: „Der Tod so kalt“ von Luca D´Andrea.

Der Erzähler, ein deutsch-stämmiger amerikanischer Dokumentarfilmer, hat in den USA eine Frau aus Südtirol kennen gelernt – und geht mit ihr eine Zeitlang zurück in ihr Heimatdorf. Da läuft etwas schief bei einer Doku über die Bergrettung, er überlebt das Unglück als Einziger knapp. Also nimmt er sich eine Auszeit, wird zum Einheimischen – zumindest soweit das in der verschlossenen Berg-Gesellschaft überhaupt möglich ist. Denn die Dörfler in Südtirol fremdeln, sie haben schon mit „richtigen“ Italienern ihre Probleme. In dieser Auszeit hört Jeremiah jedenfalls etwas von einem Mord an drei Menschen, der in einer Schlucht nahe des Dorfes 1985, während eines Sturms, stattgefunden hat. Wider besseres Wissen geht er der Sache nach, wühlt sich immer tiefer rein und rührt so eine alte Geschichte auf, von der die Menschen nichts mehr wissen wollen – und die letztlich mehr mit ihm bzw. seiner Frau zu tun hat, als ihm lieb sein kann.

„Der Tod so kalt“ ist spannend zu lesen und zu hören, gut in die Südtiroler Gefilde eingebettet, mit viel Lokalkolorit gewürzt – und man merkt, dass der Autor, der selbst Dokumentarfilmer ist, weiß, wovon er schreibt. Richtig gut wird die Story beim Hörbuch vom Sprecher umgesetzt, dem Schauspieler Andreas Koeberlin, sehr nuanciert und dynamisch, er trifft den Ton des Buches hervorragend; auch wenn im letzten Drittel die Konzentration wohl etwas nachgelassen hat.

Was allerdings gar nicht geht, ist die Art und Weise, wie Luca D´Andrea Anneliese, die Frau des Erzählers, zeichnet. Sie – die ja selbstbewusst und voller Zukunftspläne den Weg aus dem Dorf weg in die USA gewagt hat – ist ein hysterisches Mäuschen ohne jedes Selbstbewußtsein, eigentlich nur auf´s Kind fixiert, im Prinzip ohne jede Relevanz für die Geschichte. Ein Frauenbild aus den 1950ern wird da ohne Not in die Gegenwart transportiert – ein Rollenverständnis, das vielleicht in abgelegenen Bergdörfern hier und da heute noch so praktiziert wird, für einen Roman, der um die Welt verkauft wird, allerdings völlig unangemessen ist.

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