Fatale Abhängigkeitsverhältnisse. Leïla Slimanis Roman/Hörbuch „Dann schlaf auch du“

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Fatale Abhängigkeitsverhältnisse. Leïla Slimanis Roman/Hörbuch „Dann schlaf auch du“

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Das eine Kind tot, das andere stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann – bei Myriam und Paul wird es zur bitteren Realität: Louise, ihr Haus- und Kindermädchen, hat die geliebten Kleinen getötet, der Versuch eines erweiterten Selbstmords, der nur bei ihr selbst gescheitert ist, sie liegt im Koma, sie hat die Kinder mitgenommen ins Jenseits, ohne selbst dort angekommen zu sein. Dabei sollte es doch ein netter Nachmittag werden, Myriam kam früher nach Hause, mit Überraschungen für alle Drei, sie wollte einen kleinen, spontanen Ausflug mit den Kids unternehmen – dann fand sie das Blutbad vor…

So wuchtig beginnt Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“, mit dem die marokkanisch-französische Autorin im letzten Jahr den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs gewann, den Prix Goncourt. Erzählt wird dann die Geschichte, die zu dem Ereignis hinführte: Paul ist Musikproduzent, er hat viel zu tun, Myriam ist erschöpft vom Alltag mit zwei kleinen Kindern. Als sie Louise finden, einen Traum von einer Nanny, wird alles anders – Myriam, die Anwältin, kann sogar wieder arbeiten. Mehr und mehr. Die Kinder sind ja gut versorgt, alles ist gut, kleine Differenzen sind schnell ausgeräumt, so was gibt’s ja überall, wo Menschen aufeinander treffen. Es entstehen allerdings auch wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse. Und eine Unwucht: Louise weiß (fast) alles über Myriam und Paul, sie wissen (fast) nichts über Louise. Und so können sie auch keine Ahnung davon entwickeln, was irgendwann geschehen könnte…

Leïla Slimani, geboren 1981 in Rabat, wuchs in Marokko auf und kam zum Studieren nach Frankreich, wo sie später auch als Journalistin gearbeitet hat. „Dann schlaf auch du“ ist ihr zweiter Roman, und man kann davon ausgehen, dass die Geschichte in diesem Herbst, in dem Frankreich das Gastland bei der Frankfurter Buchmesse ist, auch hier für Aufsehen sorgen wird. Leïla Slimani erzählt – sehr klar und konzentriert – eine universell gültige Geschichte, ein Drama im Grunde: Alle wollten nur das Beste, anständig durchkommen in anstrengenden Zeiten, handelten auch nach bestem Gewissen, trotzdem führte ihr Handeln fast zwangsläufig ins Desaster.

Auch deshalb, weil sich hier Herrschaftsverhältnisse aus ganz alten Zeiten reproduzieren, ohne dass es den ach so liberalen jungen Erfolgsmenschen bewusst wäre: Myriam und Paul sind so beschäftigt mit ihren Karrieren, mit ihren Kindern, mit sich selbst, mit dem Durchkommen – dass sie ganz vergessen, dass die stets bereite Louise auch ein eigenes Leben hat, für das sie sich interessieren könnten. Ein Leben, das durch ihren Job, durch die Kinder, so viel Sinn erhält, dass sie sich eine andere Existenz gar nicht mehr vorstellen kann, fatalerweise…

Interessant übrigens, last but not least, die Frage nach dem Migrationshintergrund: Leïla Slimani lässt das (wenn ich nichts überlesen bzw. überhört habe) ein Stück weit offen. Sowohl Louise könnte eine Einwanderin sein wie auch Myriam. Im ersten Fall ginge es letztlich also auch um Einwanderer, die in Geringverdienerjobs der wohlhabenden Mittelschicht den Rücken freihalten – im zweiten Fall wäre eine Migrantin Thema, die in der Mittelschicht integriert ist und andere braucht, die ihr den Rücken freihalten, mit oder ohne Einwandererbiographie. So oder so steckt Pfeffer in dieser Geschichte – die letztlich auch davon erzählt, wie wenig die Reichen von nicht so Reichen wissen. Wissen wollen.

Roman: Luchterhand Literaturverlag. 20 Euro
Hörbuch (gelesen von Constanze Becker): Der Hörverlag. 15,95 Euro

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