Insel-Lektüre (06): „Verlorener Horizont“ von Pascal Dessaint

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Insel-Lektüre (06): „Verlorener Horizont“ von Pascal Dessaint

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Die Tage habe ich hier auf Samos lange mit einer jungen Frau gesprochen, die sich mehrere Jahre lang um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gekümmert hat – bis sie irgendwann nicht mehr konnte, sie hatte wohl keine Ressourcen mehr, die krassen Geschichten dieser Mädchen und Jungs zu verdauen.
Diese Frau – sie könnte auch Lucille sein, die Erzählerin in Pascal Dessaints Roman „Verlorener Horizont“, den ich zufällig am selben Tag gelesen habe: Eine junge Lehrerin, die ihren Job gekündigt hat, um in Nordfrankreich Flüchtlingskinder zu unterrichten, die mit oder ohne Familien in den „illegalen“ Camps dort auf eine Gelegenheit warteten, nach England zu bekommen. Ein Job, der Lucille in den Burnout trieb, woraufhin sie sich treiben liess, bis sie bei einem merkwürdigen Alten unterkam, der irgendwo in der Gegend zwei, drei in die Jahre gekommende Wohnwagen besitzt. Da wird sie zur Ruhe kommen können, vielleicht zumindest, allerdings taucht bald ein Dritter im Bunde auf, Loik, ein junger Mann, der auf der Flucht vor „dem Gesetz“ ist, was auch immer das bedeutet, mit ihm kommt die Unsicherheit wieder, möglicherweise auch die Gewalt, die Frage ist, wohin sich alles entwickeln wird, vor allem für Lucille …
Lost: Drei Verlorene in einer Landschaft, in der es zudem auch so viele „lost places“ gibt, dass man sich fragt, ob es dort überhaupt so etwas wie ein Geborgensein geben kann, das mehr als nur temporär ist; nicht bloß für die MigrantInnen, deren Präsenz im Hintergrund permanent mitschwingt, ohne dass eine/r von ihnen persönlich im Geschehen erschiene: „Verlorener Horizont“ ist ein topographtischer Noir, dessen „Krimiebene“ ebenfalls eher mitschwingt, assoziativ angeordnet, doch folgerichtig: Die Gewalt schlummert im System, niemand kann sich ihr entziehen – zumindest länger als für ein paar Augenblicke. (Übersetzt von Ronald Voullié und Beate Braumann, Polar Verlag, Euro 22,–)

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