Zwänge, allerorten: Japan ist ein großes Thema auf dem deutschen Krimimarkt – ein Überblick

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Zwänge, allerorten: Japan ist ein großes Thema auf dem deutschen Krimimarkt – ein Überblick

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Was wäre, politisch gesehen, die größte anzunehmende Katastrophe, die einem Land wie Japan passieren könnte? Zum Beispiel die Besatzung durch Nordkorea. Keine so abwegige Idee, wie es zunächst scheint – wenn man dem Schriftsteller Ryū Murakami folgt, der in seinem neuen Roman „In Liebe, Dein Vaterland. Teil I: Die Invasion“ genau dies Szenario entwirft: Dank eines so schlauen wie perfiden Plans (der allein schon die Lektüre lohnt) gelingt es nordkoreanischen Truppen, Teile Japans unter ihre Kontrolle zu bringen; die japanischen Behörden reagieren so fassungs- wie mut- und machtlos. Japan wird zum Mäuschen in den Fängen einer Katze, bis auf weiteres zumindest – möglicherweise warten im zweiten Part, der im kommenden Jahr erscheinen wird, ja noch unerwartete Mittel und Wege, der Situation zu entkommen. (Septime Verlag, übersetzt von Ursula Gräfe, Euro 26,–)

Eine Gesellschaftskritik von oben und von außen zugleich, gewissermaßen. Ryū Murakami dekliniert sein Szenario auf der Makroebene ebenso versiert durch wie auf mehreren Mikroebenen, und die Mischung überzeugt, auch wenn es (notwendig) gelegentlich etwas kleinteilig wird. Im Fokus des Ganzen steht eine degenerierte Gesellschaft, deren Substanz Kapitalismus und Korruption haben porös werden lassen; eine Gesellschaft, deren politische Klasse weder Ideen geschweige denn noch Möglichkeiten hat, auf die Herausforderung, die sich ihr stellt, in irgendeiner Form souverän zu reagieren. Eine Dystopie, die als parallele Realität erzählt wird – und doch mitten ins Herz der Gegenwart trifft. Wobei die vermeintliche Absurdität dieses Settings der Analyse einen Effet verleiht, dem eine schneidende Unerbittlichkeit inne wohnt: Ryū Murakami ist ganz weit weg von der Realität – und dabei zugleich doch nahe dran, indem er den Möglichkeitsraum von Genreliteratur bis an die Ränder des Machbaren auslotet. Auch das ist atemberaubend: Dass da einer bis an Grenzen denkt und dabei auch Grenzen sprengt – in einer Erzählform, der man in ihrer erstarrten Mainstream-Mitte genau das dringend wünscht: Frischluftzufuhr, Erneuerung, Wagemut.

Literatur aus Japan – das ist natürlich vor allem anderen Haruki Murakami, globaler Bestsellerautor, Lieblingsschriftsteller allerorten, das Aushängeschild schlechthin. Aber natürlich gibt es noch viel mehr zu entdecken, und Japan war zuletzt sogar so etwas wie ein Trend auf dem deutschen Buchmarkt, es gab einen regelrechten Boom an Übersetzungen. In dessen Rahmen waren in den letzten zwei, drei Jahren, insbesondere aber 2018 auch jede Menge interessante Kriminalschriftsteller zu entdecken. Japan, so zeigte sich, verfügt über eine lebendige und vielschichtige Krimiszene, die jede Menge zu bieten hat, wenn man sich auf sie einlassen möchte. So unterschiedlich die Themen, Fälle und Szenarien sind, die da geboten werden – so auffällig ist dabei, dass alle Krimis aus Japan sich intensiv an einer Gesellschaft abarbeiten, die einerseits stark leistungsorientiert und kapitalistisch geprägt ist, andererseits aber auch von fast rituellen Konventionen, die auf fast vergessenen Traditionen ruhen, trotzdem aber nach wie vor immense Wirkkraft haben. Das betrifft prototypisch etwa die strikten Hierarchien innerhalb des Polizeiapparates und den jeweiligen Umgang damit. Oder die Frage, wie man den Opfern von Verbrechen begegnet, ob als Ermittler oder auch als überführter Täter: Die Frage der Ehre ist wichtig, vor allem aber die des Respekts, und die Lösung eines Falles hängt immer auch davon ab, wie die Protagonisten in dieser Hinsicht, auf dieser Ebene operieren, nicht bloß von klassischer Ermittlungsarbeit.

Ein Paradebeispiel dafür ist der opulente Roman „64“ von Hideo Yokoyama: Auf 760 Seiten erzählt der Autor detailversessen so faszinierend wie zugleich auch enervierend vom Alltag in einer Polizeibehörde in einer Provinzstadt, von einem alten Fall, der wieder aufgerollt werden muss, von einem Pressesprecher, der zwischen alle Fronten gerät. Seine Geschichte ist es, die das Konstrukt trägt und prägt. Ein tiefer und exakter Blick in die Strukturen der Behörde, die stellvertretend stehen für die Strukturen der Gesellschaft – und entscheidend für die Auflösung der kompletten Geschichte ist dann eben so ein Moment von Respekt und Ehre. Egal, wie man nun zu so einem Bricket von Roman in all seiner Ausführlichkeit steht: Der Mut des Autors, Wohl und Wehe des Ganzen in solch einer erstmal fast nebensächlich wirkenden Szene zu konzentrieren, ist beeindruckend. Und auch jenseits der rein inhaltlichen Ebene, also strukturell und formal, weiß dieser Roman zu überzeugen: Qualitätskrimis operieren längst in einem globalen Bezugsrahmen, japanische Kriminalschriftsteller sind mit originellen Entwürfen selbstbewußt beteiligt. Auch aus Hongkong und Südkorea kommen interessante Beispiele – möglicherweise findet die dringend notwendige Erneuerung des Genres ja derzeit in Asien statt. Unerwarteterweise. (Atrium Verlag, übersetzt von Sabine Roth und Nicolaus Stingl, Euro 28,–)

Wie auch immer, japanische Genreautoren beherrschen und bedienen sie verschiedenste Angänge, Schreibweisen und Dramaturgien höchst versiert; ihre Roman überzeugen nicht bloß inhaltlich, sondern insbesondere auch erzähltechnisch: Keigo Higashinos „Unter der Mitternachtssonne“ (Tropen Verlag, übersetzt von Ursula Gräfe, Euro 25,–) ist zum Beispiel ein exzellenter Polizeithriller, der die unmittelbare Vergangenheit der Gegenwart durchforstet – ebenso wie „Der Sonnenschirm des Terroristen“ von Iori Fujiwara, möglicherweise der besten Japan-Krimi der letzten Zeit, ein primus inter pares. „Die Maske“ von Fuminori Nakamura (Diogenes Verlag, übersetzt von Thomas Eggenberg, Euro 25,–) beschäftigt sich ausgesprochen originell und überraschend neu mit der guten alten Frage des Bösen und des Nihilismus; grundsätzlich wird’s auch in Kazuaki Takanos Roman „13 Stufen“ (Penguin Taschenbuch, übersetzt von Sabine Mangold, 10 Euro), einer raffiniert strukturierten Untersuchung in Sachen Todesstrafe, zugleich aber auch ein packender Entwicklungsroman mit rechtsphilosophische Note. Ein ganz “aktueller” Roman übrigens; gerade wird das Thema Todesstrafe – nach zwei Vollstreckungen – in Japan wieder heftig diskutiert.

Auffällig ist, dass es kaum bzw. keine Krimis von Frauen gibt, die bislang ihren Weg auf den deutschen Markt gefunden hätten. Wer sich für Geschlechterverhältnisse in Japan interessiert, oder zumindest für die innerhalb der japanischen Polizeibehörden, der muss sich einstweilen also mit Tetsuya Honda zufrieden geben. Dieser Autor, der im Hauptberuf als Popstar sein Geld verdient, hat sich entschieden, in seinen Polizeiromanen einer weiblichen Ermittlerin zu folgen, samt aller Problemfelder, die das beinhaltet, und zwar: dicke. Denn, klar, Frauen haben es in solche einer Gesellschaft mit ihren ehernen Strukturen nochmal schwerer als doppelt schwer, wie es andernorts der Fall ist. „Blutroter Tod“ und „Stahlblaue Nacht“ (Fischer Taschenbuch, übersetzt von Irmengard Gabler, Euro 9,99 bzw. 10,99), zwei Romane mit Reiko Himekawa, sind bislang erschienen, beide exzellente Großstadt-Polizeiromane auf allerhöchstem internationalen Niveau: Der eine beschäftigt sich mit den Schattenseiten der digitalen Kommunikation, der andere schaut sehr kritisch auf die Folgen der Gentrifizierung – Themen also, die global relevant sind, nicht bloß reginal vor Ort. Diese beiden Romane wären jedenfalls eine Empfehlung für einen Einstieg in die packenden Krimiwelten aus Japan.

“Der Sonnenschirm des Terroristen” von Iori Fujiwara, erschienen in Japan schon Mitte der 1990er Jahre, ist last not least möglicherweise der bislang Beste der japanischen Kriminalromane, die ins Deutsche übersetzt wurden: Die Geschichte eines Mannes, der seit den Studentenunruhen in den 1970er Jahren incognito lebt, als Barkeeper einer runtergekommenen Klitsche. Durch einen Bombenanschlag, als dessen Verursacher er verdächtigt wird, muss Shimamura nicht bloß mit seiner Vergangenheit aufräumen, sondern sich auch der Gegenwart stellen, die wiederum, wie sich zeigt, viel mehr mit der Vergangenheit zu tun hat, als man meinen sollte. “Der Sonnenschirm des Terroristen” ist ein moderner Klassiker der japanischen Literatur – Autor Iori Fujiwara schrieb das Buch interessanterweise vor allem deshalb, weil er dringend Geld verdienen musste, um Spielschulden zu bezahlen. Ein Ausnahmekrimi, der raffiniert konstruiert und sehr smart erzählt ist, ganz großes Kino. (Cass Verlag, Euro 19,95, aus dem Japanischen von Katja Busson)

(Eine kürzere Fassung des Textes erschien zuerst in den litprom-“Literaturnachrichten”, nebst vielen anderen zum Thema “Global Crime”, die ganze Ausgabe findet sich hier.)

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