„Plan B, C und D im Hinterkopf“

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„Plan B, C und D im Hinterkopf“

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Das hellt erfahrungsgemäß sogar den November auf: In Essen startet das einstige Literatürk-Festival, das nun allerdings einen anderen Namen trägt: Literaturdistrikt. Johannes Brackmann vom Kulturzentrum Grend hat sich in den Ruhestand verabschiedet, Fatma Uzun und Semra Uzun-Önder sind ab sofort allein verantwortlich. Das Programm 2022 ist mal wieder exzellent – und dicht dran an den Fragen der Zeit. Alles, was man über Literaturdistrikt 2022 wissen muss: Ein Gespräch mit den „Sistas“ zum Festivalbeginn.

Literatürk heißt jetzt Literaturdistrikt. Was steckt dahinter?

Über die Jahre hat sich das Literatürk Festival konzeptionell und inhaltlich weiterentwickelt. Während in den Anfangsjahren das Programm aus Literatur mit Türkei-Bezug bestand, haben wir in den Folgejahren das Programm immer weiter geöffnet. Einerseits durch die Einführung eines jährlich wechselnden Mottos und darüber hinaus über die Einbeziehung von Autor*innen mit ganz unterschiedlicher und sehr oft transnationaler sprachlicher und geographischer Verortung. Diese Öffnung haben wir vollzogen, weil sich mit den Jahren das gesamtgesellschaftliche Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft verfestigt hat. Diesen Wandel zu einer pluralen und diversen Einwanderungsgesellschaft wollen wir fördern und voranbringen. Zugleich wurde uns deutlich, dass etwa Autor*innen mit einem sogenannten Migrationshintergrund – abgesehen davon, dass sie gute Literatur produzieren – vieles gemeinsam haben, zum Beispiel die mangelhafte Repräsentation oder bestimmte Stereotypen und Klischees, die ihre Arbeit begleiten. Die Öffnung des Programms kollidierte wiederum mit dem alten Namen, weil er eine Engführung mit sich brachte. Um Inhalt und Form wieder näher zusammenzubringen haben wir uns schließlich für eine Namensänderung entschieden.

Warum gerade Literaturdistrikt?

Literaturdistrikt ist kein physischer Ort mit festen Grenzen, sondern vor allem ein ideeller Ort, an dem Literatur und Vielstimmigkeit die Hauptrollen spielen. Literaturdistrikt hat kein Zentrum. Es gibt keinen festen Spielort, sondern ganz viele Spielorte. Literaturdistrikt migriert quasi – von Spielort zu Spielort. Heute hier, morgen dort, aber ganz gleich, wo der Literaturdistrikt ist, sicher ist, Literatur steht dort im Mittelpunkt.

Thema #zeitenwende. Was ist da geplant, was erwartet Ihr?

Zeitenwende ein Begriff, der dieses Jahr in besonderem Maße geprägt hat und prägt. Politisch, ökonomisch, ökologisch, kulturell und nicht zuletzt medial ist er in vieler Munde. Einerseits wird er mit immer neuen Bedeutungen aufgeladen und andererseits oder vielleicht gerade deswegen ist er zum Ausdruck der Gefühlslage geworden, dass wir in vielerlei Hinsicht in bewegten Zeiten leben. Alte Gewissheiten lösen sich auf und etwas Neues im Entstehen begriffen ist. Mal in unbestimmter Gestalt und Mal in Form von neuen Imperativen. Von Aufbrüchen, Umbrüchen und Wendepunkten im Großen wie im Kleinen auf der einen Seite und von Erinnerungen, Kontinuitäten und Narrative auf der anderen handeln auch die Veranstaltungen im diesjährigen Programm. Nicht zuletzt ist der Begriff Zeitenwende auch ein wenig selbstreferentiell, da auch wir uns in diesem Jahr mit dem Literaturdistrikt Festival und unserem neu gegründeten Trägerverein in einem Aufbruch befinden, den es zu gestalten gilt.

Zwei Schwestern, ein Festival – wie macht Ihr das?

Mit viel Humor und Abstimmung auf allen verfügbaren Kanälen zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit. Außerdem haben wir Freund*innen, alte und neue Wegbegleiter*innen, Helfer*innen und unsere Familie, die uns nach Kräften supporten, pushen und runterholen.

Was sind in Euren Augen die Highlights 2022?

Na, das Festival selbst! Wir feiern ein großes Fest der Literatur und freuen uns auf alle Programmpunkte, die dazu gehören. Auf interessante Geschichten, Perspektiven und Gespräche und auf das Wiedersehen mit unserem Publikum.

Trotz der Umbenennung ist die türkische Literatur immer noch stark vertreten. Was und wen dürfen wir da erwarten?

Dass in diesem Jahr die türkischsprachige Literatur stark vertreten ist, ist eine Reminiszenz an unsere Anfänge. Wir wollen nicht vergessen, wo wir hergekommen sind. Mit dabei ist der kurdische Autor, Menschenrechtsanwalt und internationale PEN-Präsident Burhan Sönmez. Er wird seinen Roman »Labyrinth« vorstellen. Darin erzählt er Geschichte eines Mannes, der nach einem Sturz von der Bosporusbrücke in Istanbul im Krankenhaus aufwacht und sich an nichts mehr erinnern kann. Wer er ist und was geschehen ist, erfährt er von anderen. Doch statt alles zur Überwindung des Gedächtnisverlustes zu tun, scheint es ihm ganz recht zu sein, keine Vergangenheit mehr zu haben. Aber macht einen Menschen nicht gerade seine Vergangenheit aus? Oder muss man sich für einen guten Neuanfang womöglich von ihr befreien? Ist Erinnern überhaupt wichtig? Und ist die Gesellschaft in der Türkei tatsächlich eine Gesellschaft ohne Gedächtnis, wie oft unterstellt wird? Wir sind gespannt auf Burhan Sönmez’ Antworten!

Außerdem erwartet Ihr noch Hakan Günday …

Sein Buch »Verlust« ist der Roman zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung der Türkischen Republik, das nächstes Jahr ansteht. Ein Rekrut wird auf Wache irgendwo im Osten der Türkei bei eisiger Kälte immer wieder von einer Vision heimgesucht: ein Mann behauptet, der berühmt berüchtigte Ziya Hurşit zu sein, der 1926 einen Anschlag auf Atatürk plante und dafür gehenkt wurde. Das schillernde Leben des Ziya Hurşit, dass ihn u.a. nach Danzig und nach Berlin zur Zeit des Ersten Weltkriegs führt, vermischt sich dabei immer wieder mit dem so öden wie brutalen Militärdienst des Ich-Erzählers heute. Am Ende ist Nietzsches «Ecce Homo« gerettet und der Rekrut erwacht aus einem bösen Traum. Und was das alles mit dem Autor zu tun hat, fragen wir ihn in Essen!

„Wir“, das meint auch die Übersetzerin, nicht?

Sabine Adatepe, die beide Romane ins Deutsche übertragen hat, wird auch die Moderation und die Übersetzung der beiden Veranstaltungen übernehmen. Sie ist übrigens – gemeinsam mit Hakan Günday – in diesem Jahr mit dem Internationalen Hermann-Hesse-Preis der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung ausgezeichnet worden. Bei diesen Veranstaltungen kommen also nicht nur Literaturbegeisterte auf ihre Kosten, sondern auch Menschen, die sich für die Kunst und das Handwerk des literarischen Übersetzens interessieren.

Mit Blick auf das Publikum: Hat Corona eigentlich was geändert? Oder läuft es jetzt wieder wie vorher?

Für dieses Jahr können wir das noch nicht abschließend beantworten. Wir sind sehr dankbar und froh für den bisherigen Zuspruch und das Interesse an unserem diesjährigen Programm. Gleichwohl haben wir Plan B, C, und D im Hinterkopf. In dieser Hinsicht hat sich definitiv etwas geändert. Wir sind zwar ein hohes Maß an Flexibilität gewohnt, aber Corona hat uns in Sachen Problemlösungskompetenz nochmal eines Besseren belehrt.

Für welche Veranstaltungen sind denn jetzt noch Karten zu haben?

Mit Ausnahme der Festivaleröffnung mit Fatma Aydemir und dem Festivalfinale mit Sibylle Berg und Dietmar Dath sind für alle Veranstaltungen noch Karten verfügbar. Es lohnt sich allerdings nicht allzu lange zu warten, wenn Interesse für eine Veranstaltung besteht. Für spontan Entschlossene gibt es auf jeden Fall auch die Möglichkeit Karten an der Abendkasse zu erwerben, sofern selbstredend die Veranstaltung nicht ausverkauft ist. Außer den zuvor genannten liest Sasha Marianna Salzmann aus ihrem Roman »Im Menschen muss alles herrlich sein«, Khue Pham stellt ihr Debutroman «Wo auch immer ihr seid« vor, Lütfiye Güzel und Max Czollek treten gemeinsam als die Inglourious Poets auf und lesen aus ihren Gedichtbänden. Senthuran Varatharajah liest aus seinem Roman »Rot (Hunger)«, Niklas Maak stellt sein Buch »Servermanifest. Architektur der Aufklärung. Datacenter als Politikmaschinen« vor, Marina Weisband und Wolfgang M. Schmitt nähern sich dem Schlagwort »Zeitenwende« und sprechen über die drängenden Herausforderungen der Gegenwart. Imran Ayata und Bülent Kullukcu präsentieren die Songs of Gastarbeiter Vol. 2. und Christian Baron liest aus seinem Roman »Schön ist die Nacht» Ergänzt wird das Festivalprogramm durch ein ausgedehntes Begleitprogramm mit Angeboten für Kinder- und Jugendliche, zwei Buchpremieren und einem Konzert mit Lesung.

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