Nature Writing – mit Leichen

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Nature Writing – mit Leichen

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Anthony J. Quinns Noir „Auslöschung“ erzählt von Politik und Verbrechen an der nordirisch-irischen Grenze. Also an der zwischen Großbritannien und der Europäischen Union: Ein so komplexer wie packender Roman, der im Original schon im Jahr 2012 erschien, durch den Brexit aber gerade jetzt wie ein Buch zur Stunde anmutet.

HIER auf meinem Blog findet sich außerdem ein langes Interview mit Anthony J. Quinn …

Wie wird man eigentlich zum Kriminalschriftsteller? Interesse am Zusammenhang von Gesellschaft und Verbrechen, Spannung und Unterhaltung, Lust am Rätsel und an Geheimnissen – vielfältige Antworten auf diese Frage sind denkbar und die meisten davon in Variationen auch oft gesagt. Anthony J. Quinn hat eine etwas ungewöhnlichere Geschichte zu bieten: Er kam über die Natur zum Krimi. Landschaft ist alles für ihn, sagt er. 40.000 Worte über den Lough Neagh brauchte der Quinn, bis er realisierte, dass kein Verlag einen Landschaftsroman über das Gewässer um die Ecke publizieren würde. Mag sein Anblick auch noch so beeindruckend sein. Also habe er seinen ersten Protagonisten in Kapitel Eins ums Leben gebracht und den zweiten zu einem Ermittler gemacht. Der Krimiautor war am Start: Nature Writing mit Leichen.

Egal, ob das nun die tatsächliche Geschichte ist oder einfach nur eine gut erfundene, wahr ist sie auf jeden Fall: Selten hat man Genreliteratur gelesen, in der die Landschaften, die Flora und Fauna, das Wetter, die Erde, das Wasser, die Natur also, eine so zentrale und bedeutende Rolle gespielt hätte wie in „Auslöschung“, dem ersten Celsius Daly-Band. Und die Natur ist hier nicht bloß Ausstattung und Staffage, ein Mittel, um Stimmungen und Atmosphäre zu transportieren. Sie ist ein alles entscheidender Faktor: von der Jagd-Situation des ersten Mordes über viele (mehr oder minder neblige) Stationen der Ermittlung bis hin zu den Verschwundenen, die am Ende möglicherweise aus dem Morast gegraben werden, der sie jahrelang barg. Extrem beeindruckend, auch in der Übersetzung übrigens, wie opulent, vielfältig, vielfältig und lebendig Anthony J. Quinn das blubbernd, zischend, prasselnd, fauchend, dräuend in Szene zu setzen weiß: Nature Writing vom Feinsten, mit oder ohne Leichen.

An dieser Stelle eine Einladung zu einer kleinen Zeitreise: „Disappeared“ ist im Original im Jahr 2012 erschienen, man darf annehmen, dass der Text 2010/2011 entstand. Also gut zehn Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, das den Nordirlandkonflikt mehr oder minder befriedete – und gleichzeitig gut zehn Jahre vor dem Brexit, der insbesondere auch die Frage aufwirft, welche Wirkung dieser Austritt Großbritanniens aus der EU an dieser fragilen, lang umkämpften Grenze haben wird: Wird das Abkommen halten, mehr oder minder? Oder wird der Konflikt wieder aufbrechen? „Auslöschung“ ist ein Roman zur Stunde in dieser Frage, denn seine Geschichte macht deutlich, dass es keine zeitliche Grenze gibt, die einen solchen Konflikt mit einem Abkommen ganz und gar enden ließe, die Prägungen und Wirkungen und die Traumatisierungen wirken und schwelen weiter, Dynamiken wie ein Blubbern im Moor, was mag da nach oben drängen, die Zeit heilt keine Wunden. Dann zumindest nicht, wenn nicht jemand wie Celsius Daly für Aufklärung sorgt. Aber was heißt das schon? Und wer weiß, welche Kräfte jenseits dieses einen Falls von Klärung unbemerkt noch weiter wirken? Das Licht ist trügerisch, der Nebel kann jederzeit wieder aufziehen.

2012 bis 2021: Was alles passiert ist in diesen Jahren! Eine Seuche, die die Welt lahm legt. Trump – und der neue Nationalismus auch in Europa. Eben, der Brexit. Die Klimakrise und mit ihr, ja, die große Renaissance des Nature Writing. Manchmal dauert es, bis Romane übersetzt werden, manchmal sind sie trotzdem topaktuell. Beziehungsweise: gerade deswegen. Anthony J. Quinn ist mitten in der Zeit und seiner Zeit voraus. Er scheint einen Riecher für Kommendes zu haben. Und jetzt die Lottozahlen!, würde man ihm gern zurufen, wüsste man nicht, mit Celsius Daly, dass es zwar für einen romantischen Moment, nicht aber für den Hauptgewinn reicht, wenn jemand bedauerlicherweise bloß die ersten vier dieser Zahlen träumt. Interessant übrigens auch, bei der Gelegenheit, dass einer der zentralen Charaktere unter einer fortschreitenden Alzheimer-Erkrankung leidet, was für den Plot nicht ganz unerheblich ist – ein dicker Trend im Krimi der letzten Zeit, 2012 war das sicher nicht zu erahnen, Chapeau Mr. Quinn.

„Einer nach dem anderen verschwanden seine Gedanken, seine Erinnerungen, als würde ein innerer Nebel sie verschlucken. In ihm war nur noch Stille, während er dastand und die feuchte Morgenluft einatmete.“ David Hughes irrt durch die Gegend, und er irrt durch sein Bewusstsein. „Es war früher Morgen, und er war auf einer Straße, die er schon sein Leben lang kannte. Doch jetzt war er am Ende seiner selbst angekommen. An dem Punkt, an dem der Rest der Welt kippt und ins Vergessen gerät.“ Die Krankheit hat sich längst in sein Wesen geschlichen, hat sein Hirn vernebelt, wie die Landschaft, in der er mit diesen Symptomen gegen Ende seines Lebens nicht mehr zu Hause sein kann. „Sein Verstand glich einem Haus, in das mehrmals eingebrochen und aus dem immer mehr Erinnerung gestohlen worden war. Es waren völlig unvorhersehbare, brutale Übergriffe. Einige seiner wichtigsten persönlichen Besitztümer waren verschwunden, Schubladen ausgeräubert, Möbel umgekippt und zerschlagen, während andere Dinge seltsamerweise gänzlich unberührt geblieben waren.“ Was für starke Bilder! Und zugleich dann Szenen wie die am See, in der Hughes und sein „Besucher“ auf Fealty treffen, der sie töten will, aber im wabernden Weiß kein Ziel ausmachen kann, eine der einprägsamsten Sequenzen des Buches – auch, weil es seine Essenz enthält: Die Unklarheit, das Fragwürdige, das Vielschichtige, das Unbewusste als Gegenpart zur Vereindeutigung, die immer willkürlich ist. Grenzen? Ein Konstrukt, gibt es nicht. Nicht in der Natur, die natürlich auch den Menschen ausmacht. Nur eine Vereindeutigung ist legitim: Die der Klärung, die der Ermittlung also. Und selbst sie lässt am Schluss, wenn der Vorhang schließt, allzu viele Fragen offen.

„Auslöschung“ ist ein Roman über den Konflikt der irisch-irischen Grenze, mit Blick auf die Spuren in den Leben der Menschen in der Gegend, so viel ist immerhin klar. Oder doch nicht? Anthony J. Quinn vollbringt das Kunststück, den Begriff „Grenze“ in seinem Roman über diese Grenze im Prinzip nicht zu verwenden: Nur ein gutes Dutzend mal nutzt er Worte, die „Grenze“ enthalten, meist im Sinne von „eingrenzen“ oder „Grenze zwischen Tag und Nacht“ – „die Grenze“, um die es letztlich bei allem geht, spielt nur sehr beiläufig eine Rolle, die Geschichte fokussiert sich ausschließlich auf die Wirkungen ihrer Grenzziehung. Das ist natürlich ein Statement und steht für sich. Es weist in seinen Assoziationsspielräumen aber auch über das Kernthema des Nordirlandkonflikts hinaus. Denn auch das ist uns in den letzten Jahren ja allzu deutlich vor Augen geführt worden, im Grunde genommen weltweit: Welche Bedeutung solche Grenzen und Grenzziehungen haben und welche Willkür für Menschen diesseits oder jenseits dieser Grenzen einher geht; das reicht von den Folgen der Grenzsetzungen am Ende der Kolonialzeit, die bis heute allerorten Politik bestimmen, bis hin zu Migranten, die auf der Suche nach einem besseren Leben in den Weltmeeren ertrinken. Grenze – das ist eine Frage von Leben und Tod, häufig in großartigen Landschaften übrigens, Anthony J. Quinn erzählt eine Geschichte auch dazu.

Eine fantastische Landschaft, darin eine Grenze. Menschen, die meisten unauffällig und älter, sie tragen den Grenzkonflikt in sich, Schuld und Verantwortung. Die Literatur erzählt ihre Geschichten, sie erledigt das, woran der Journalismus scheitert, jenseits der Stereotypen also. Die Zeit heilt keine Wunden, der Konflikt schwelt weiter, auch in der Hinsicht sind Grenzen eine Illusion. Im Zentrum eine Junge, für ihn wenigstens gibt es ein wenig Hoffnung; dann zumindest, wenn er Antworten bekommt. Sofern er überlebt. Der Junge will nur wissen, wo sein Vater begraben ist, mehr nicht. Der Vater, der nie da war, den die Grenzlandschaft schluckte. Der Junge wühlt alles wieder auf. Schuld und Verantwortung – und Verbrechen. Wie ließe sich davon erzählen, wenn nicht mit den Mitteln der Kriminalliteratur? Noir Nature Writing also – mit Toten und mit Überlebenden.

Anthony J. Quinn: Auslöschung. Aus dem Englischen von Sven Koch. Polar Verlag, 2021. 424 Seiten. Euro 14,–

(Dieser Text ist das Nachwort des Buches – hier publiziert mit freundlicher Genehmigung des Polar Verlags.)

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