Neu aus Asien (mehr oder weniger)

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Neu aus Asien (mehr oder weniger)

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Literatur aus Asien läuft weiter gut auf dem deutschen Buchmarkt – Han Kang aus Südkorea war mit ihrem Erfolg eine Türöffnerin für diese Entwicklung. In “Weiß” (Aufbau Verlag, übersetzt von Ki-Hyang Lee, Euro 20,–) ihrem neuesten Buch, beschäftigt Hang sich mit einer größeren Schwester, der nur zwei Stunden Leben vergönnt waren, mit einer Vielfalt an literarischen Mitteln und Methoden, spürt der Text den Echos nach, die dieses Leben trotz allzu kurzen Dauer in dem der Autorin hinterließ – eine ausführliche Besprechung findet sich HIER.

Sayaka Murata, geboren 1979, ist sowas wie ein Shootingstar der japanischen Literatur. In ihrem Roman “Die Ladenhüterin”, der auf Deutsch vor zwei Jahren herauskam, ging´s um eine junge Frau, die, obgleich bestens ausgebildet, nichts anderes sein will als Gemischtwarenladenverkäuferin, was ihr Umfeld nun so gar nicht nachvollziehen will, weshalb die “Heldin” zu schrägen Mitteln greift, um eine gewisse Normalität vorzutäuschen, die von der Gesellschaft erwartet wird – auch HIER findet sich eine ausführliche Besprechung auf diesem Blog.

“Das Seidenraupenzimmer”, Sayaka Muratas neuer Roman (Aufbau Verlag, übersetzt Ursula Gräfe, Euro 20,–) greift den erzählerischen Kosmos der “Lädenhüterin” in einigen Motiven, Lagen und Stimmungen auf und entwickelt das Ganze weiter, es geht aber um eine ganz andere Geschichte: Die Erzählerin, ein etwas merkwürdiges Mädchen, lebt in einem ganz eigenen Kosmos, in den Sayaka Murata ihre LeserInnen zusehends hinein schlüpfen lässt, auch sprachlich, eher wider Willen, aber doch fasziniert folgt man dem, denn es ist eine so schillerende wie verstörende Welt, in der sich vieles um Besuche im Haus der Großeltern weit entfernt in den Bergen dreht, in dem Haus mit dem Seidenraupenzimmer. Irgendwann wird klar, wie es zu dieser Welt, zu dieser Welt-Sicht kommt, Mißbrauch durch einen Lehrer steckt dahinter, und plötzlich wird ganz vieles von dem, was die Erzählerin sieht und beschreibt gerade in seiner Irrationalität völlig plausibel: Die Traumatisierungen sind es, die hier die Regie führen. Das ist schockierend – auch deshalb, weil Sayaka Murata gerade durch ihre irgendwie verquere Art zu erzählen dem Kern des Ganzen ungeheuer nahe kommt – eben diesem Fall von sexuellem Mißbrauch mit all seinen Konsequenzen. Durch die Komposition und Dramaturgie, insbesondere auch durch die Sprache kommt Sayaka Murata dem “Opfer” mit seinen Traumatisierungen auf verstörende Weise nahe – Opfer in Anführungszeichen deshalb, weil die Erzählerin zugleich auch alles andere als ein Opfer ist …

Zwei sehr starke Bücher. Aber natürlich auch harte Kost. Wer´s leichter mag, dem sei “Sex & Vanity” empfohlen, der neue, schrille Srewball-Roman von “Crazy Rich Asiens”-Schöpfer Kevin Kwan, der in Singapur zur Welt kam, aber schon lange in den USA lebt. Auch sehr interessant: “Der rote Apfel” von Mi-Ae Seo, einer neuer Kreativ-Serienkillerroman aus Südkorea. Mehr zu den beiden demnächst hier bei “Noller liest”

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