Neue deutsche Literatur, eher nicht vom Hindukusch, aber …

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Neue deutsche Literatur, eher nicht vom Hindukusch, aber …

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Ganz frisch aus der Druckerpresse: Zwei neue deutsche Romane mit, äh, Migrationshintergrund.

Wenn die Bundeswehr unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt – dann kann doch auch, sagen wir, die irakische Geschichte vor der Absetzung von Saddam Hussein Stoff der deutschen Literatur sein, oder? Der Vergleich hinkt nur auf den ersten Blick bzw. wenn man „Palast der Miserablen“, den neuen Roman von Abbas Khider, nicht kennt – der genau davon erzählt. Also, vom Irak vor allem in den 1990er Jahren, nicht vom Hindukusch. Abbas Khider kam als politischer Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland, er ist seit Jahren deutscher Staatsbürger, und vor allem schreibt er: auf Deutsch. Deutsche Literatur also, halt mit irakischer Geschichte. Wie immer sehr gewitzt und unterhaltsam erzählt, übrigens, ein quicklebendiges, tragikomisches Coming of Age-Gesellschaftsportrait mit Zügen eines Abenteuerromans, grundiert mit autobiographischen Reminiszenzen. (Hanser Verlag, Euro 23)

Dieser fünfte Roman von Abbas Khider ist einmal mehr ein Paradebeispiel dafür, welch ungeheure Änderungen, natürlich auch Innovationen die neue deutsche Literatur mit, äh, Migrationshintergrund für das bedeutet, was man als „die“ deutsche Literatur bezeichnet oder betrachtet. Ein Aspekt: Die Welt ist längst nicht mehr nur zu Gast bei Freunden, sondern ganz heimisch geworden. Und das gilt nicht nur für Geschichten aus aller Welt, die nun „deutsche“ geworden sind, sondern auch für die Sprache. Sprache ist ja immer ein Kontinuum, etwas, das sich entwickelt. Schon insofern eine Illusion anzunehmen, man könne so etwas wie „das Deutsche“ festlegen und konservieren. Und wenn Einwanderer, also Migranten, ein zu Hause gefunden haben auch im Deutschen, tja, dann entwickeln sie halt mit. Man könnte übrigens auch sagen: Sie geben etwas zurück, Zwinker-Smiley.

Migrationsliteratur also. Literatur mit, ähm, Migrationshintergrund. Ein sperriges Wort, klar, leider hat bislang noch keiner einen besseren Begriff ins Spiel gebracht. Ein weites Feld jedenfalls, mit so vielen (Lebens-) Geschichten wie ästhetischen Strategien, dies zu thematisieren. Plus – alle anderen Themen, die in der Literatur halt Themen sind. Und genau das ist der Punkt, dass Migration in irgendeiner Weise erzählt oder auch reflektiert wird. Insofern kann man auch sagen: Nicht bloß der Hindukusch, nicht bloß der Südirak – auch Hawaii gehört natürlich dazu, ein ganz selbstverständliches Thema in der deutschen Literatur. Warum? Weil Cihan Acar das so will. Und macht. Sein Debütroman „Hawaii“ handelt nämlich über weite Teile dort, also in dem Heilbronner Stadtviertel, das im Volksmund Hawaii genannt wird, warum auch immer, ein Viertel jedenfalls, in dem vor allem MigrantInnen leben, eingeklemmt zwischen Industrieanlagen, alles andere als karibisch, eher im Gegenteil, aber sei´s drum.

Hawaii, dort kommt Kemal, 21, her, der Anti/Held des Romans, und dorthin geht er, zunächst mal, zurück, nachdem seine Profifußballerkarriere in der Türkei wegen eines Unfalls bei einem dummen illegalen Autorennen gescheitert ist. Mit Kemal streifen wir LeserInnen dann durchs Viertel, er lässt sich durch die Straßen und Gassen treiben, während er nach Halt sucht, nach Tritt, nach irgendeiner Idee, was er mit seinem Leben anfangen könnte. Eine Identitätssuchee also, das ist die eine Ebene dieses Romans; auf der anderen spiegeln sich die gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit, also immer heftiger nölende Rechte, die sich irgendwann nicht mehr aufs Nölen beschränken, sich dagegen formierende Gangs, mit denen auch kein Zuckerschlecken ist; ein Hochschaukeln, bis es zum großen Knall kommt.

Toll, wie Cihan Acar diese Ebenen verbindet, wie er also die Identitätssuche seines Helden mit gesellschaftlichen Zuständen verstrickt, die er geschickt zuspitzt. Ein klasse Debütroman mit Witz und Biss, politisch und persönlich zugleich, ausgesprochen unterhaltend, mit einem smart lakonischen Ton grundiert, der exzellent ins Schwarze trifft. Klasse auch, wie Cihan Acar Miniaturen aus dem Alltag als kleine Storys ins große Ganze, in den Fluss seiner Erzählung einmontiert. Cihan Acar hat bislang zwei Sachbücher veröffentlicht, „Hawaii“ ist sein erster Roman, der richtig Spaß macht, ein Versprechen auf noch mehr solchen Stoffs in der Zukunft. Mit, ähm, Migrationsthemen oder ohne – das wäre mir persönlich dann völlig egal. (Hanser Berlin, Euro 22)

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