Neue Literatur aus Syrien, Ägypten und China

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Neue Literatur aus Syrien, Ägypten und China

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Wie kann man von dem eigentlich unbegreiflichen Irrsinn erzählen, der sich in Syrien ereignet (hat)? Khaled Kalifa, geboren 1964, Schriftsteller und Drehbuchautor aus Damaskus, hat sich mit seinem Roman „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ (Rowohlt, Euro 20) für die Form der Roadnovel entschieden – und zwar auf eine ziemlich spezielle Art und Weise: Drei Geschwister, deren alter Vater, ein Widerständler, gestorben ist, machen sich samt der Leiche auf den Weg, dem Verblichenen seinen letzten Wunsch zu erfüllen: Eine „richtige“ Beerdigung im Heimatdorf. Diese Reise konfrontiert sie mit sich selbst und miteinander – vor allem aber eben mit dem Wahnsinn, der in dem Land grassiert: Checkpoints, Scharfschützen, Fliegerangriffe, Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen, Willkür, Bürokratie, Tod und Teufel. Und vor allem: Eine Gesellschaft im Zeichen der Banalität des Bösen, in der es an Leichen, die beseitigt werden müssen, nun nicht eben mangelt. Was bedeutet: Es ist völlig sinnlos, was die Drei sich vorgenommen haben – oder aber, je nach Perspektive, das einzig Sinnvolle. So oder so: Eine Reise durch die Gegenwart Syriens, die teilweise absurd groteske Szenen birgt, über die man mitunter lauthals lachen könnte, würde einem dieses Lachen nicht direkt im Hals steckenbleiben angesichts dessen, was die Geschwister samt zunehmend fauligem Vater erleben, kurz nachdem sie jeweils gerade das vorherige, eigentlich unlösbar scheinende Problem überwinden konnten. Sehr schlau auch, wie Khaled Kalifa die Zustände im zerrütteten Land mit denen der inneren Welten seiner Charaktere spiegelt und dadurch besonders deutlich sichtbar macht – zerklüftete Landschaften auch hier, geplatzte Träume, gescheiterte Lebenswege, miese Aussichten für die Zukunft, mit oder ohne Revolution, Krieg, Terror, Geheimdienst etcpp. Ganz und gar gewöhnliche moderne Menschen also – die in einer ganz und gar normalen Hölle klarzukommen haben. (Übersetzung: Hartmut Fähndrich.)

Ram, Font und Edna sind die drei Helden des Romans „Snooker in Kairo“, einem Klassiker der ägyptischen Literatur, der jetzt freundlicherweise auch mal auf Deutsch erschien, nur um die 60 Jahre nach seiner Entstehung und Erstveröffentlichung in England. Die Drei stammen aus der ägyptischen Oberschicht, Ram und Font sind Kopten, Edna ist Jüdin. Sie sind so Anfang, Mitte 20, Edna etwas älter als die Jungs, eine Dreiecksfreundschaft, die zwischen Ram und Edna auch zur großen Liebe wird. Vom – jeweils mehr oder minder – unfaßbaren Reichtum und vor allem vom postkoloinal-großbürgerlichen Lebensstil ihrer Klasse sind Edna, Font und Ram angenervt, ohne die Moneten der Familie geht’s aber natürlich auch nicht. Die Folge: Irrungen, Wirrungen, Desorientierung – und Wege, die zum Scheitern verurteilt sind. Auch deshalb, weil angesichts komplizierten politischen Verhältnisse der Zeit so etwas wie eine klare Orientierung für Menschen wie sie vermutlich sowieso nicht drin war… „Snooker in Kairo“ ist der erste und einzige Roman von Waguih Ghali, geboren zwischen 1927 und 1929, der sich 1969 das Leben nahm, nachdem er wegen seiner Aktivitäten für die Kommunisten das Land verlassen musste und jahrelang staatenlos unter schwierigsten Umständen lebte, unter anderem als Fabrikarbeiter in Deutschland. Der Roman ist einerseits eine Quintessenz der frühen Zeit der Nasser-Diktatur in Ägypten – und vieles von der gesellschaftspolitischen Essenz, die da mitschwingt, ist auch heute noch so aktuell, dass man mitunter ein Aha-Erlebnis beim Lesen hat. Andererseits schwingt bei diesem – stark autobiographisch inspirierten Text – so eine Lebenslust mit, dass die Lektüre sowieso ganz zeitlos aktuell ist. Bei vielen der jungen Protestler des arabischen Frühlings (nicht nur in Ägypten) war „Snooker in Kairo“ wohl so etwas wie eine Pflichtlektüre – weil sie die Mischung aus ungezügelter Lust auf´s Leben und dem Kampf gegen die Mechanismen politischer Bevormundung stark an ihre eigene Situation heute erinnerte. (Übersetzung: Maria Hummitzsch)

Yan Lianke, geboren 1958, ist einer der interessantesten Schriftsteller Chinas, thematisch wie persönlich. Der Mann, der heute ein literarischer Dissident ist, dessen Bücher oft in China nicht erscheinen dürfen, hat sich aus allereinfachsten Verhältnissen hochgearbeitet, und zwar durch das Schreiben, allerdings immer staatstragend im Sinne der herrschenden Verhältnisse, bis ein Bandscheibenvorfall, der ihn über drei Jahre ans Bett fesselte, dazu führte, dass er sein Leben und insbesondere sein Schreiben grundlegend überdachte – und sich zu dem entwickelte, der er heute ist. In „Die vier Bücher“, seinem aktuellen Buch, das in China auch wieder nicht erscheinen darf, arbeitet Yan Lianke die Zeit der chinesischen Kulturrevolution, als Zigtausende Intellektuelle in Arbeitslagern in den Tod getrieben wurden, mit den Mitteln der literarischen Groteske auf – kunstvoll strukturiert, plastisch geschildert, mit einem bitterbösen Blick auf die Aberwitzigkeit des Geschehens. Früher war alles besser? Denkt man doch manchmal, wenn man die Berichterstattung von den Krisenherden der Welt zu verdauen versucht; wenn man auf Despoten und Diktaturen schaut. Ein paar Seiten aus diesem Buch, das aus der Zeit der Wirkmächtigkeit der großen Ideologien erzählt, belehren einen eines Besseren: Nein, keinesfalls. (Übersetzung: Marc Hermann)

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