Noch mehr Klimawandelromane

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Noch mehr Klimawandelromane

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“Mein Name ist Monster” ist der Debütroman der englischen Lyrikerin Katie Hale: Die Geschichte einer Frau, die als einzige, so scheint es lange, den Untergang der Menschheit überlebt hat, in einem norwegischen Saatguttresor, irgendwo in der Arktis. Sie macht sich zurück nach Hause, nach Schottland, schlägt sich durch, ganz für sich allein – bis sie irgendwann in einer verlassenen Stadt auf ein kleines Mädchen trifft. Fortan sind sie zu Zweit, die letzten Menschen; eine der Fragen des Romans ist, ob aus dieser Konstellation so etwas wie eine neue Menschheit wird entstehen können. Ein Reflexion also, zugleich ein Abenteuer, eine (Selbst-) Beobachtung zudem: Wer bin ich in dieser Welt, was will ich sein? (Fischer Verlag, übersetzt von Eva Kemper, Euro 22)

Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh, geboren 1956 in Kalkutta, ist einer der nachdrücklichsten Mahner in Sachen Klimawandel, schon lange fordert er mehr Resonanz zum Thema auch in der Literatur “des Westens” ein. Sein grandios komponierter und süffig zu lesender Roman “Die Inseln” zeigt, wie das zum Beispiel funktionieren kann: Ein fast unglaubliches Abenteuer, das durch Zeit und Raum führt, exzellent informiert ist, spannende Charaktere vorstellt, Themen wie Menschenhandel, Migration, Wissenschaft, Mystik, Meeresbiologie und eben die Folgen des Klimawandels auf beeindruckende Weise verknüpft – und zwar lehrreich, ohne dass das belehrend wäre. Ein großer, bildstarker Erzähler unserer Zeit! Nebenbei: Eine beeindruckende Reise, nach Indien, in die USA, nach Italien, schließlich auf´s Mittelmeer, wo sich letztlich – mit Hilfe eines Wunders – das Wohl und Wehe der Menschlichkeit entscheidet.(Blessing Verlag, übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein, Euro 22)

Und hier so? John von Düffel spürt in seinem neuen Roman “Der brennende See” der Frage nach, wie die Diskussion um die Folgen des Klimawandels die Gesellschaft prägt und möglicherweise spaltet – anhand einer Frau um die 40, die zur Beerdigung ihres Schriftsteller-Vaters zurückkehrt nach Hause in die Provinz und feststellen muss, dass der Verstorbene einer jungen Protestlerin viel näher gewesen zu sein scheint, als er ihr jemals auch nur im Ansatz kam. Die typisch-zeitgenössische Identitätsgeschichte der aktuellen deutschsprachigen Literatur also – plus ein wenig Klimawandel-Gegrübel, das allerdings letztlich erstaunlich zurückhaltend. Ja, klar, kann man machen, ist aber nun keine zwingende Lektüre. Deutschlehrer (in der Provinz) werden sich freuen über diesen Roman, bietet hübsche Interpretationsmöglichkeiten für FFF-bewegte SchülerInnen, ohne dass die Welt dabei allzu sehr aus den Fugen geraten würde. (Dumont Verlag, Euro 22)

Zuletzt noch eine Entdeckung: In seinem Roman “Kein Land wie dieses. Aufzeichnungen aus der Zukunft” zeichnete der brasilianische Schriftsteller Ignácio de Loyola Brandão schon Anfang der 1980er Jahre die Art dystopischer Gesellschaft, wie sie auch in vielen jüngeren Klimawandelromanen der letzten Jahre geschildert wird, also – unerträgliche Hitze, eine ausgeplünderte Umwelt, Konzerne, die Profit erwirtschaften um jeden Preis, sei er auch tödlich, eine korrupt-despotische Politik, die den Einzelnen unterdrückt. Ein Klimawandelroman? Schwer zu sagen – auf jeden Fall aber ein wichtiger und visionärer Vorläufer der Climate Fiction. (Das Buch ist derzeit nicht lieferbar, aber antiquarisch kann man es eigentlich allerorten bekommen. Es gibt eine Taschenbuchausgabe, die 1987 bei Suhrkamp erschienen ist – und eine gebundene Version, die 1990 beim Verlag Volk und Welt erschien.)

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