Obama liest: Mohsin Hamid. Wir auch.

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Obama liest: Mohsin Hamid. Wir auch.

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Wie immer in den letzten Jahren hat Barack Obama die Liste seiner Lieblingsbücher und Lieblingssongs veröffentlicht. Mit dabei für 2017: „Exit West“ von Mohsin Hamid. Schön, dass Sie unserer Empfehlung folgen, Mr. President!

Wir hier von „Noller liest“ kooperieren ja schon seit Jahren mit Barack Obama. Gut, wir hängen das nicht so an die große Glocke. War ja am Ende doch was zwiespältig, irgendwie, nach seiner Abwahl: Weiterhin fliegen dem Mann die Herzen zu, klar. Auch unsere. Aber man fragte sich: Okay, was hat er politisch erreicht, außenpolitisch speziell? Und was nicht? War er am Ende bloß einer, die die Show macht und den Rest schleifen lässt? Ein Blender, mehr Schein als Sein? Hm. Ambivalenz. Gemischte Gefühle. Erstmal abwarten, sacken lassen, dachten wir. Wird sich weisen. Und den Austausch in Sachen gute Bücher muss man ja deshalb nicht gleich abbrechen lassen, oder?

Wie auch immer, vor ein paar Tagen hat Barack auf Facebook die Liste seiner Tops des Jahres 2017 veröffentlicht, in Sachen Musik und in Sachen Literatur, und netterweise konnten wir uns nach längerer Zeit wieder mal auf einen gemeinsamen Titel einigen – den Roman „Exit West“ von Mohsin Hamid nämlich, der im letzten März in den Staaten rauskam (Riverhead Bood, $ 17,68) und im August dann auch bei uns (Dumont, Euro 22).

Mohsin Hamid? Einer der bekanntesten Autoren Pakistans, geboren 1971, er stammt aus Lahore, lebt dort und auch in London, studiert hat er in Harvard und Princeton, Wirtschaftswissenschaften, eine Zeit lang hat er wohl auch zwischen New York und Lahore pendelnd als Unternehmensberater gearbeitet – bevor er das an den Nagel hängen und vom Schreiben leben konnte.

„Exit West“, sein aktueller Roman, der Obama (und auch uns) so viel Freude beim Lesen bereitet hat, erzählt von den weltweiten Fluchtbewegungen aus pakistanischer Perspektive. Aus der Liebesgeschichte, mit der der Autor das Thema anfangs listigerweise aufblättert, entwickelt sich mehr und mehr ein politischer Gesellschaftsroman mit globalem Bezug – der zuletzt, wenn man so will, eine, na ja, Utopie vielleicht nicht, eine Vision aber immerhin doch birgt: Könnte dieses Phänomen der globalen Migration letztlich dazu führen, dass alle Menschen doch noch Brüder werden? Einfach deshalb, weil es gar nicht anders geht – weil die Macht des Faktischen dazu führen muss, dass alle überall gleich sind und dieselben Rechte haben, egal woher sie stammen, woran sie glauben, wer sie sind?

Mohsin Hamid erzählt, etwas konkreter, von Nadia und Saeed. Die beiden haben sich, irgendwo in Pakistan, in einem Abendkurs kennen und lieben gelernt. Aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz, den sie sind eigentlich höchst verschieden. Weil die Stadt immer stärker von einsickernden Islamisten bedroht wird, entscheiden sich die Verliebten – sehr stark wider Willen, aber was sollen sie machen? – nach Europa zu fliehen. Das funktioniert in Mohsin Hamids Kosmos so, dass man Schlepper bezahlt, die eine dieser Türen in andere Welten kennen, die es neuerdings überall gibt. Man tritt hinein – und schwupp, ist man auf einer griechischen Insel. In Deutschland. Oder in London. In Kalifornien. Wo auch immer. Die Welt ist halt ein Dorf, oder?

Die Türen gibt’s allerorten, alle möglichen Leute leisten sich die Gebühren, durch sie zu treten – und in den wohlhabenden „Zentren“ der Welt wird’s eng und voll, klar. RICHTIG eng und RICHTIG voll. Nationalisten, Populisten, Identitäre etc. haben starken Zulauf, sie protestieren, intervenieren, hyperventilieren, beinahe wird das alles auch blutig, man steht sich entschlossen gegenüber, die einen wollen ihr altes Leben auf jeden Fall zurück, die anderen um keinen Preis – aber dann findet sich doch eine Lösung, irgendwie, muss es ja auch, schließlich befinden wir uns, nicht vergessen, in einer Liebesgeschichte. Und moderne Liebesgeschichten haben zwar nicht mehr notwenig ein liebesmäßiges Happy End – aber ein netter, versöhnlicher Schluss, der einen mit einem guten Gefühl aus der Geschichte schickt, sollte schon drin sein. Oder so.

Was wir hier an dem Buch mochten: Dass es – im Gegensatz zu vielen anderen, auch sehr guten politischen Romanen, die 2017 erschienen – die düsteren Themen der Zeit zwar keineswegs ausspart, aber doch eine, sagen wir, lichte, fast: lächelnde Weise findet, davon zu erzählen, das ist mal zur Abwechslung auch sehr charmant.

Und Barack? Tja, er wollte sich dazu nicht äußern. Noch nicht. Der Titel steht auf seiner Liste, ganz klar – über die Beweggründe kann man bloß spekulieren. Die Probleme der Welt? Na ja, ein breites Lächeln hat noch nie geschadet, ne Vision auch nicht unbedingt; ist schon irgendwie ein Barack-Buch, oder? Und, o-kay, derzeit muss der Mann, dem die Herzen zufliegen, ja auch keine politischen Lösungen mehr liefern; genau genommen kommt es jetzt auf die Visionen sogar viel stärker an als auf die reale Politik. Bei ihm zumindest. Viel Koinzidenz zwischen Buch und Barack also, möglicherweise. Wie auch immer: Von Barack Obama werden wir sowieso noch hören, das ist noch lange nicht zu Ende mit ihm und seiner Politik, und wenn er dann irgendwann die Weltherrschaft inne hat, dann reden wir weiter, dann nageln wir ihn fest…

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