Preisgekrönt – aus dem Globalen Süden

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Preisgekrönt – aus dem Globalen Süden

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Der Literaturnobelpreis 2021 geht an einen Schriftstellern mit Wurzeln in Tansania, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommt eine Schriftstellerin aus Simbabwe. Das hat schon etwas zu sagen …

Nachdem Anfang Oktober bekannt wurde, dass Abdulrazak Gurnah – überraschend – mit dem Literaturnobelpreis 2021 ausgezeichnet wird, wurde heute der Friedenspreis des deutschen Buchhandels an Tsi Tsi Dangarembga verliehen. Abdulrazak Gurnah lebt in Südengland, seine Wurzeln liegen auf der Insel Sansibar, Tansania – Tsi Tsi Dangarembga stammt aus Simbabwe, wo sie größtenteils auch lebt, mitunter verbringt sie auch Zeit hier in Deutschland, sie ist mit einem Deutschen verheiratet.

Natürlich gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen diesen beiden grundverschiedenen Preisen: Abdulrazak Gurnah bekommt den Nobelpreis für sein literarisches Gesamt- und Lebenswerk; Tsi Tsi Dangarembga, die Schriftstellerin und Filmemacherin ist, ist Friedenspreisträgerin nicht bloß wegen ihrer Kunst, sondern auch wegen ihres gesellschaftlichen Engagements, so ist der Friedenspreis gedacht. Trotzdem darf man es schon als ein Zeichen betrachten, dass genau diese beiden so wichtige Preise mit Strahlkraft bekommen haben: Mehr Aufmerksamkeit für den Globalen Süden – und für die Themen und Diskurse, die damit einher gehen.

Dass diese Aufmerksamkeit mehr als nötig ist, zeigten schon die – teils absurden, zum Teil peinlichen – Reaktionen auf den neuen Nobelpreisträger: Ungläubiges Staunen, wen hat die Jury denn da wieder mal ausgegraben, Sansibar, wo ist das denn, musste ich erstmal googeln … So begann der Text eines Kommentars, der in die Forderung mündete, den Literaturnobelpreis abzuschaffen. Ernsthaft jetzt? Was für eine Arroganz. Und zwar: eine „postkoloniale“ Arroganz. Und wie beschämend, dass einer die eigene Unwissenheit derart zum Maßstab macht, das hat schon fast Social-Media-„Qualitäten“.

Und ein wenig googeln hätte schon geholfen. Denn Abdulrazak Gurnah ist zwar hierzulande unbekannt, weil sein Werk schon seit einigen Jahren nicht mehr lieferbar ist – im englischen Sprachraum ist er ein hoch geschätzter und anerkannter Schriftseller. Und zwar einer, der genau diese „postkolonialen“ Themen transportiert, für die es endlich auch hierzulande viel mehr Interesse und Aufmerksamkeit bräuchte – das belegt ja nicht zuletzt dieser ganze Vorgang.

Diese Themen, das sind zum Beispiel: Die (eigene) Migration, damit zusammenhängen die Folgen und Wirkungen der Kolonialzeit bis heute, der Rassismus in seinen Facetten und Varianten natürlich, und auch die Frage, wie sich all dies auch in (bikulturellen) Beziehungen auswirkt und spiegelt. Sehr bedauerlich, dass man all das nicht auf Deutsch nachlesen kann, da die wenigen übersetzten Romane von Gurnah, die in den letzten Jahren noch antiquarisch zu bekommen waren, nach der Bekanntgabe der Nobelpreis-Entscheidung natürlich schnell verkauft waren.

Jetzt heißt es also: warten. Und es kann dauern, schätze ich, bis die Rechte geklärt und (neue) Übersetzungen entstanden sind. Der deutschsprachige Buchmarkt ist in meinen Augen grundsätzlich nicht so schlecht, was Übersetzungen aus den afrikanischen Literaturen angeht, allen voran die kleinen Verlage. Auch, wenn Abdulrazak Gurnah in den letzten 15 Jahren durchs Raster gefallen ist. Heißt: Es gibt genügend Lesestoff zur Überbrückung, man kann sich erstmal auch ersatzweise interessieren. Zum Beispiel mit den autobiographischen Romanen von Tsi Tsi Dangarembga – „Überleben“, der Dritte, ist Ende August auf Deutsch erschienen. (Orlanda Verlag, übersetzt von Annette Grube, Euro 24,–)

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